Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 18. (30.4.1885)
- Date
- 1885-04-30
- Page
- Seite 137 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 137 — Im vorigen Monat feierte der als Oberküster und stellvertretender Cantor am isr, Tenipel, Herr Henry Minden sein 4 0 jähriges Dienstjubiläum, Die Gemeinde überreichte ihm ein ansehnliches Geldgeschenk, zahlreiche Freunde sonstige Aufmerksamkeiten, Am Sabbat hagadol brachte ihm der Tempelchor ein Morgcnständchcn dar und Herr Or, Lcimdörfer würdigte in der Predigt seine Verdienste und crtheilte ihm einen besonderen Segen in dem üblichen für die Gemeinde, Bei den letzten jüd, miss, Vorträgen gewahrte man eine nicht so rege Bethciligung des Publikums als bei den ersten, was zu der Befürchtung Anlass giebt, daß ihre Fortsetzung im kommenden Winter nicht leicht zu Stande kommen werde, — Bon ehemaligen Schülern der „Talmud Thora" wurden Unterschriften gesammelt zur Gründung einer „Heymann- Matthias-Stiftung", die den Zweck haben soll: Freistellen für Knaben armer Nichkmitglicder der Gemeinde an der Talmud Thora zn errichten. An der isr. Töchterschule soll das Andenken des trefflichen Mannes in Folge Anregung des Or.L, durch eine Gedenktafel verewigt werden; die Inschrift der Gedenktafel ist von Herrn Or. Lcimdörfer abgciaßt und den übrigen Mitgliedern überreicht worden, sie lautet (nach dem hcbr. Verse Daniel 7,7) wie folgt: Die für der Nächsten Geistesbildung fördernd hier gelebt, Gleich nach dem Licht des Firmamentes wirkt ihr Seelenschimmer: Und die Vieler Tugend Übung liebend hier erstrebt' — Wie Gottes ewiger Sternen Glanz — verbleicht der ihre nimmer!" Hierauf folgt die Widmung mit der pietätvollen Würdigung der Verdienste dieses wirklichen Schulvaters um die israel, Töchterschule, — Zwei wohlthätige und allgemein verehrte Israeliten find hier vor Kurzem zu Grabe getragen morden, Herr Henry Meyeryvf, Chef einer großen Firma, starb auf einer Geschäftsreise in Mailand, sein Leiche wurde nach hier gebracht und unter riesiger Bctheiligung in Ohlsdorf beigefetzt. An feinem Grabe sprachen beide Prediger und sang der Chor des Tcinpcls, dessen langjähriger Repräsentant der Heimgegangene gewesen; ferner starb vorgestern Herr Michael Pardo, 'Vorsteher der Portugiesischen Gemeinde, der als D’Öirv hNöS und sonstiger großer Wohlthüter der Armen Vielen früh abgestorben ist, er erreichte ein Alter von 68 Jahren, Von diesem vielfach litterarisch gebildeten Manne ist ein wissensch. Werk eben unter der Presse. — Beider Andenken sei zum Segen! — Arankfurt a, Al Der achte Jahresbericht des „Mädchcnstift in Frankfurt a, M." liegt uns vor. Wenn auch dieses Institut ein mehr lokales Interesse hat, so hat doch die Gesammtheir ein Interesse an der großen Gemeinde Frankfurt und ihren verschiedenen Instituten, Das erwähnte Mädchcnstift berücksichtigt nur die einheimischen, einer geeigneten Häuslichkeit entbehrenden Mädchen, Die Zahl der Pfleglinge betrug bei Beginn des Jahres 1884: 23, Von diesen traten im Laufe des Jahres nach und nach 8 aus, welche alsbald durch ven Eintritt neuer ersetzt wurden. Von den 23 Pfleglingen, welche sich am Schluffe des vergangenen Jahreö im Hause befanden, besuchen zwei das Lehrcrinnenscminar der hiesigen Elisabethenschule; zwei sind Schülerinnen des vr, Hoch'schen und eine des Raff-Conservatoriums; zwei besuchen hiesige Schule»; eine ertheilt Unterricht als geprüfte Handarbeitslehrerin; eine ist in einer Blumenhandlung als Blumenbinderin beschäftigt; die übrigen sind theils in Confectionsgcschüfte», thcils in Handlungshäusern thätig, — Ans MürttemKerg, 22. April. (Or.-Corr.) Mit dem Vorgehen des israel. Kirchcnvorsteheramts in Stuttgart in betreff der A n st e l l u n g eines Vorsängers für den pensivnirten Herrn Eichberg können sich die jüdischen Lehrer des Landes nicht gut befreunden. Es soll nämlich der ncuanzustellende Vorsänger nach dem 'Ausschreiben im „Lchwäb, Merkur" mit den eigentlichen amtlichen Funktionen eines Vorsängers, d, i, die Leitung der kirchlichen Angelegenheiten seiner Gemeinde und Sitz im Kirchenvorsteheramte, nichts zu thun haben. Ohne diese^ Funktionen ist er aber nach unseren württembergischen Gesetzesbegriffcn eigentlich gar kein Vorsänger, sondern nur ein Vorbeter, bezw. Religionslehrer, Die K, Obcrkirchenbehörde soll — wie es in dem Ausschreiben heißt — geneigt sein, die Genehmigung hierzu zu ertheilcn. Man mag über die gesetzt, Vorschrift, daß der Vorsänger Sitz im Kirchenvorsteheramte hat, denken, wie man will, so ist es kaum denkbar und noch viel weniger begreiflich, wie die K, Oberkirchenbehörde im vorliegenden Fall vom Gesetze abgchen kann, zumalcn in der Hauptstadt Württembergs, nach welcher sich so gerne auch andere Gemeinden des Landes richten möchten. Die Sache ist nicht ohne weitcrgehende Bedeutung und cs machen sich bereits auch in mehreren Gemeinden Agitationen kund, welche das Gleiche für sich beanspruchen »tib schließlich ebenso gut wie Stuttgart erhalten werden. Ein einiges Vorgehen der Lehrer des Landes mit einer Vorstellung bei der betr, Behörde wäre wohl ain Platze, Durch die längere Nichtbcsetzung einiger Vorsängerstellen im Lande, wie i» Hcilbronn und Göppingen, sind uufere Vorsänger in ihrem Avancement sehr beeinträchtigt; elftere ist schon über ein Jahr vacant und soll noch mehrere Jahre offen bleiben; letztere ist seit 15 Jahren noch gar nicht desinitiv besetzt gewesen, obwohl es an tüchtigen Beiocrbern nicht fehlen dürfte. Warum sollen unsere württembergischen Vorsänger nur auf de» kleinen Gemeinden funktionireu, während die besseren einträglicheren Stellen offen bleiben, bezw, mit Ausländern provisorisch besetzt werden? Bei diesem Vorgehen darf es uns nicht wundern, wenn dann und wann einer unserer tüchtigen Lehrer im besten Mannesalter seinem Berufe den Rücken kehrt oder sich im Auslande unlcrzubringen sucht. Aus Hlßeinhellen, 22, April, (Or.-Corr,) Der Artikel „Aus Ob er Hessen" in der vorwöchentlichen Wochenschrift Nr, 16 über den Scminarverei» in Alzey fordert zur Widerlegung und Berichtigung heraus, da er sonst den Verein zu schädigen geeignet wäre. Freilich tragen an sich wenige junge Leute Lust, Rabbiner oder Lehrer zu werden, hier haben selbst diejenigen Reue, welche sich dem Lehrerbcrufe gewidmet haben, weil sie durch die Negierung sich in ihren Erwartungen getäuscht sehen. Dieselbe hat ihnen gleiche Berechtigung zur Anstellung an öffentlichen Schulen versprochen, darauf hin haben sie sich dem Berufe gewidmet; hinterher hält die Regierung nicht Wort und läßt sogar neneintrctende jüdische Zöglinge einen Revers unterschreiben, daß sie auf die gleiche Berechtigung verzichten. Die geringe Schülcrzahl hat der Verein also nicht zu verantworten, Aber die öffentlichen Communalschulcn werden schwinden, Confessionsschulen werden nothwcndig werden, dann auch wieder jüdische erstehen und neue Lehrer Bedürfniß werden; wird man dann gleich wieder einen Verein haben? Nöthig wird man aber einen Verein zur Unterstützung haben, da Söhne reicher Eltern wohl nicht so leicht Lehrer werden wollen, Uebrigens mehrt sich sogar jetzt wieder die Zahl in Alzey und auf der Praparandenanstalk, da die Gemeinden mit den polnischen Rcligionslehrern, die seitherige Aushülfe, schlechte Erfahrungen machen. Ohne Examen ist hier übrigens kein Seminarist abgcgangen, wohl aber sind 2 iin allgemeinen Examen durchgefallen; da hat denn auch 1 von diesen das hebräische Examen nicht gemacht. Ein anderer, der in F r i c d b e r g vorgebildet war, fiel durch, und ein zweiter, auch einer, der von Friedberg hergekommen, wagte es nicht es zu machen. Gerade in Friedberg haben sie wenig hebräisch gelernt, denn anfänglich hat sie keinen und nur kurze Zeit einen spärlichen Unterricht, Die Vorkenntnisse sind überhaupt so gering, kaum über die elementaren hinausgehend, daß die Prüfungscommission sich über die Leistungen während der kurzen Zeit der Seminarstudicn die so viel umfassend sind, gewundert hat.