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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-04-30 · N° 18. (30.4.1885) · p. Seite 135

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 18. (30.4.1885)
Date
1885-04-30
Page
Seite 135 (sequence 3)
Language
German
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— 185 7. Aber was wird die Regierung dazu sagen? wird sie ihre Einwilligung geben? so schrieb ein anderer. Entgegnung: Der Staat wird uns gewiß kein Hindcrniß in den Weg legen. Er thut nichts für uns; das ist schon schlimm genug; aber er wird unserer Vereinigung nicht entgcgentreten; er wird unsere Statuten prüfen und genehmigen, gerade so wie er die Statuten anderer Vereine geprüft uitd genehmigt hat. Der Staat resp. das Reich genehmigt gern alle derartigen Begründungen, wenn sie nur des staatlichen Schutzes bedürfen, nicht aber auf Unterstützung durch die Staatskasse Anspruch machen. Wie ich nun ans die Haupteinwendungen geantwortet habe, so könnte ich außer dem Hauptzweck noch mehrere Punkte anführen, die für die Begründung eines Pensionsfonds sprechen. Von diesen will ich aber nur den einen anführen, daß, wenn wir einen solchen Fonds besitzen, es für viele — besonders kleinere — Gemeinden, weit weniger schwierig sein würde, einem erprobte» Cultusbcamten die gewünschte definitive Anstellung zu gewähren. Manche tüchtige Kraft würde gern in einer liebgewonnenen kleinen Gemeinde bleiben, wenn nur nicht die Zukunft unsicher wäre. Ob sich die Pfingstcoufercnze» mit dieser Angelegenheit befassen werden, ist mir zur Zeit nicht bekannt. Den „Verein der jüd. Cultusbeamten Mitteldeutschlands" halte ich wegen seiner centralen Lage und noch aus einem anderen triftigen Grunde, den ich aber hier nicht weiter erörtern will, für ganz besonders geeignet, für die Idee Propaganda zu machen. Der hochgeschätzte Redakteur ds. Bl. wird gewiß meine Bitte, durch sein beredtes Wort für die Sache eventuell zu wirken und so auch die laueren College» zu gewinnen, gern und freudig erfüllen. (Die Beamtcnpeusionsfrage steht bereits auf der Tagesordnung unserer diesjährigen Confercnz. S. „Neueste Nachrichten" unter „Magdeburg" Red.) Berichte und Correlpondemen. Deutschland. Magdeburg. Einem jüngsthin im Verein für öffentliche Gesundheitspflege hier gehaltenen vorzüglichen Vortrage des in der medicinischen Welt hochangesehenen Oberarztes Dr. Aufrecht „lieber die Cholera" entlehne ich die folgenden Sätze: „Für die Ursache der Cholera halte ich den von Koch entdeckten Kommabacillus. Um de» CholerabacilluS sich vom Leibe zu^ halten, muß man stets den eigenen Händen die äußerste «auberkeit angedeihcn lassen, vor Allein^ vor jeder Mahlzeit sich die Hände waschen. Ich bin ebenso überzeugt, daß oft dagegen verfehlt wird, wie ich überzeugt bin, daß unsere Hände, besonders die der Kinder, für die Entstehung einer sehr große» Zahl von inneren Krankheiten eine ebenso hohe Bedeutung haben, wie vor der Entdeckung des großen Lister, das Messer und die Jnstruinente des Chirurgen für die Entstehung von s. g. Wundinfectionskrankheiten. Wir führe» eben alle schädigende Stoffe, welche an unseren Händen hasten, zugleich mit den Speisen in den Mund, resp. von hier aus in den Körper. Unter Anderem halte ich das Vorkommen von Spulwürniern und Madenwürmern bei Kinderlt für eine Folge des Genusses vou Speisen mit unsauberen Händen, an denen die Eier jener Würmer haften." Haben wir Juden also nicht alle Ursache D e n zu preisen, der uns das „Händewaschen" geboten hat? Max Weinberg. Merlin. Die Gesellschaft zur Verbreitung von Zeitschriften, „welche auf dem Boden der Kaiserlichen Bokschaft stehen" hat ihrem früheren Circulare „an Alle die unser deutsches Volk und Vaterland lieb haben" an die evangelischeu Gutsbesitzer und Geistlichen Deutschlands rc. ein neues Ruhmes- und Ehreitblalt ihrer menschenfreundlichen Thatigkeit folgen lassen, das sich diesmal den bescheidenen Namen „Rechenschaftsbericht" beigelegt hat und das wir als ein wahrlich nicht allzuschönes Symptom unserer von ven häßlichsten Leidenschaften so aufgeregten Zeit hier nicht unerwähnt lassen wollen. Was diese edle Tafelrunde, an deren Spitze die Herren Graf Behr Bandelin, Oberstlieutenant z. D. von Wasserschlebcn, Generalmajor von Boehn, Pfarrer Diestelkamp, General-Süperinteudcut Schulz u. A. erstrebt unv unter den Worten: „auf dem Boden der Kaiserlichen Botschaft stehend", versteht, geht wohl am Besten aus der Wahl derjenigen Zeitschriften hervor, die sie ihren Lesern als Lectüre empfiehlt und in Tausenden und Abertausende» von Exemplaren ins Hans geschickt hat. Als solche werden u. A. genannt das „Deutsche Tageblatt", die „Baueru-Zlg.", die „Wahrheit", der „Kulturkämpfcr", der „Boiwärts" rc. Der Bericht, der über eine Jahres-Einnahme von 17575 M. quittirt und zum ferneren Beitritt auffordcrt, schließt mit der Mahnung: „Helfen Sie uns in Ihren Kreisen und nach Ihren Kräften, führen Sie »ns neue Mitglieder zu, damit die gute (?!), die christliche Gesinnung im Volke, die Treue zu Kaiser und Reich weiter sich Bahn breche, gegenüber dem Anarchismus im theucrn Vaterlande". Man sieht hieraus, welche Mittel man anwcndet, um das Volk glauben zu machen, daß es der Wunsch des Kaisers sei, den^Antisemitismus zu fordern, ja denselben gleichsam als ssporn der Vaterlandsliebe aufrecht zu erhalten. Antisemitcnblätter, welche nur von der Verdächtigung ihrer Mitbürger leben, Haß unter der Bevölkerung verbreiten, werden als Organe der Kvnigstreue empfohlen! Wahrlich — das heißt doch die Majestät des Königthums in den Schmutz des Antisemitismus hinabzerrcn. Merkin. Das Jahr 1884 hat die Seelenzahl Berlins wieder um 37,000 erhöht und zwar zu einem Drittel durch den Ueberschuß der Geborenen über die Gcslvrbene», zu zwei Drittel durch den Ueberschuß der Zugezogenen über die Fortgezogeuen. Im Ganzen sind im verflossenen Jahre 46,384 Kinder (23,762 Knaben, 22,622 Mädchen) geboren. Der Confession nach waren 86,7 Prozent aller Geborenen evangelisch, 9,5 Prozent katholisch, 0,4 Prozent dissidentisch, 3,4 Prozent jüdisch. — Von den Gestorbenen (bei Kindern deren Eltern) waren 24,087 evangelisch, 1817 katholisch, 29 isstdentisch. 892 jüdisch. Die Zahl der Eheschließungen hatte sich im letzten Jahre wieder erhöht, sie betrug 13,314 (gegen 12,252 im Vorjahre). Ehen gleicher Confession wurden geschlossen 10,849 evangelische, 314 katholische, 3 dissidentische, 379jüdische; darunter Mischehen: 47 evangelisch-jüdische, 5 katholisch-jüdische, 2 dissidentisch-jüdische, 51 jüdisch-evangelische, 11 jüdisch-katholische, 1 jüdisch-dissidentische. Es heiratheten innerhalb ihrer Confession von den Männern 93,9 evangelische, 24,5 katholische, 8,8 dissidentische, 85,7 jüdische; von den Flauen 91,3 evangelische, 32,2 katholische, 16,7 dissidentische, 87,5 jüdische. Kannover. (Or.-Corr.) In den Schaufenstern hiesiger Buchhandlungen prangt augenblicklich neben der in diesem Blatte vielbesprochenen Broschüre des bekannten Convertiten von hier: „Gedanken eines Juden" jetzt gleichsam als Pendant eine viel dickere: „Gedanken einer Jüdin über das Judenthum in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft." Doch näher betrachtet, ist da» Letztere ein älteres Büchlein in neuer Umhüllung. Es ist nämlich nichts anderes, als das unter dem Titel: „Briefwechsel einer englischen Dame über das Judenthum" vor einigen Monaten erschienene Schriftchen, dessen Titelblatt nur geändert worden. Wir habcn'S also nicht mit einer philosophischen, sondern ganz gewöhnlichen buchhändlerischen „Speculation" zu thun. Der erste Theil des Titels soll ganz besonders auf die Hannoveraner cinwirken und das „Judenthum in Vergangenheit" rc. speculirt wohl auf die Kauflust derer, die die Hartmann'sche Schrift gelesen haben. Ich begnüge mich, die Leser der Wochenschrift auf diese Mailipulation der Verlagsfirma (Levy & Müller in Stuttgart) hiermit aufmerksam gemacht zu haben.

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