Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 18. (30.4.1885)
- Date
- 1885-04-30
- Page
- Seite 134 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 134 — l!i i werden soll, wenn im Vergleich mit der gigantischen Kulturarbeit des Jahrhunderts und seinen Schöpfungen das Jndcnthnm dem kurzsichtigen Auge als ein Nest der Unkultur erscheint, so muß man nur unsere Kultnrzustünde etwas genauer arischen, Professor Oettinger hat nachgewiesen, wie sehr eine gewisse Krankheit, eine Folge geheimer Sünden, den socialen Körper der civilisirten Welt zerfrißt und aufzurciben droht, wie die Prostitution mit jedem Jahre an Umfang in den Großstädten zunimmt, wie die Zahl der Bastardgeburtcn in erschreckenden Verhältnissen sich steigert. Solche Pestbeulen sind verborgen unter dem trllgerisch-schimmcrnden Gewände unserer heutige» Kultur, Wenn man sich nun dagegen vergegenwärtigt, welchen Gang das Jndenthum in der Geschichte genommen, wie es allen Anfeindungen und Verfolgungen Trotz geboten und jetzt »och ungeschwächt fortbestcht, dann muß dies, man mag noch so wenig wundcrglüubig sein, als ein Wunder erscheinen, wie es in der Geschichte der Menschheit ohne Gleiche» ist. Jedoch ist dies nicht auf eine Raceneigenthümlichkeit, ans eine besonders zähe Disposition zurückzuführen, sondern die Religion ist cs, welche das Judentbnm so widerstandsfähig gemacht hat, und der Umstand, daß das Geschlecht der Judenfeinde ebenso wenig ansstirbt, wie der jüdische Stamm, daß der mit Verachtung gemischte Haß, der ihn verfolgt, sich von Generation zu Generation erneuert, läßt eben de» Fortbestand der Juden augenfälliger, eclatantcr, auch dem blödesten Auge erkennbar, mit einem Worte wunderbar erscheine». Hätten die Inden bis aus den heutigen Tag irgendwo eine gewisse staatliche Selbstständigkeit behauptet, dann würde ihr Dasein nichts Außerordentliches mehr sein; aber sic mußten gehetzt, gedemüthigt, angespieen werden, mußten Kammerknechte, Parias und beinahe Zigeuner werden, um als eine wunderbare, rrach den natürlichen Gesetzen der Völkerentwicklung abrrorme Erscheinung angesehen zu werden, damit sie das Erstaunen deren erregen, welche Augen haben zu sehen, (Schluß sollst.) Ein allgemeiner Pensionsfonds siir die jüdischen CnltuSbeamte». Bon Or, S, Weinstein, cIchiuß von Nr, 16.) 4, Viel begründeter dürfte ein anderer Einwand sein: „Warum sich nicht dem Deutsch-Israelitischen Gemeinde-Bunde anschließcn?" Ja, sobald der D.-J. G.-B, es offen ausspricht, daß er alle Cultusbeamten unter seine schützenden Flügel nehmen will, ohne Unterschied, ob die Gemeinde zum Bunde gehört oder nicht, dann kann uns der Gemeindebund vielleicht am raschesten zum Ziele hinführen; denn was kann der Cultusbeamte dafür, wenn die Gemeinde, in der er wirkt, sich aus welchen Gründen immer dem Gemeindebund nicht anschließen will? Nur die offen ausgesprochene Erklärung des D.-J, G.-B,, allen Cultusbeamten, sobald sic ihren Verpflichtungen Nachkommen, die Pensionsberechtigung zu gewähren, würde selbst die hartnäckigsten Gemeinden moralisch sicherlich zum baldigen Anschluß veranlassen, Wenn also der Gemeindebund uns diesen Verein schafft, dann sind wir ihm zum höchsten Dank verpflichtet, und wir dürsten uns keine Mühe verdrießerr lassen, durch Sanrmlungen, und Aneifern den Fonds vergrößern zu helfen. Denn auch der D.-J, G.-B. kann solche große Summen nicht aus der Erde stampfen; er hat noch viele andere Ziele sich gesteckt, die viel Geld erfordern. Wir Cultusbeamten müssen also uns selbst helfen und wenn es mit Hülfe des D.-J, G.-B, nicht geschehen kann, dann sind wir eben gezwungen, es auf andere selbstständige Weise zu thun. 5, Die Geringfügigkeit der Einnahmen durch eine derartige Sammlung und die hierdurch bedingte, lange Zeit, ehe ein nur einigermaßen starker Fonds geschaffen werden könnte, ehe wir die ersten Ansprüche befriedigen könnten, das war auch ei» oft gemachter Einwand, Entgegnung: Ein einziger Sammler-Inhaber eines Manutactnrgeschäftes, der sich sofort für die Idee begeisterte — trat nach meinem Ausruf zu sammeln begonnen, besitzt bereits ein ganzes Kistchen voll Cigarrenabschnitte und hat mir dasselbe mit vieler Genngthuung gezeigt. Nun denke man tausend jüdische Cultusbeamten, von denen jeder nur einen einzigen Freund für diese Sache zu gewinnen brauchte, machte 2000 Sammler; jeder erziele jährlich nur 3 Mark, macht in einem einzigen Jahre 6000 Mark, Wenn dann noch der von dem wertlrgeschätzten College» Herrn Sarasohn in Stettin in Nr. 46 des vor, Jahrg, dieser Zeitung gemachte weitere Vorschlag, recht viele Freunde zu gewinnen, die sich zu einem jährlichen Beitrag von etwa 50 Pfg verpflichteten, so würden i» nicht sehr langer Zeit unsere Bemühungen von dem schönsten Erfolge gekrönt werden. Wenn Herr Sarasohn allein 100 Mitglieder zu roerben verspricht, wie groß müßte die Anzahl der Beistenernden werden, wenn nur die Hälfte aller Cultusbeamten einen gleichen Eifer entwickeln würden. Ein jüdischer Fabrikant in weiter Ferne schrieb mir, daß er uns alle Abfälle zur Disposition stellen wolle, sobald ich ihm eine Sammelstellc anzeigen würde. Er sprach den sehr richtigen Gedanken aus, daß zur Erleichterung der Verwerthung in jeder Provinz wenigstens eine Sammclstelle gebildet werde. Mit größter Genngthuung kann ich den Zweiflern melden, daß das Samenkorn, welches durch den Aufruf ausgcstreut wurde und nur in den Lehrerkrciscn auf Gegengründe gestoßen ist, gerade in den kaufmännischen Kreisen die schönsten Früchte zu tragen verspricht. Und gerade der Umstand, daß wir über das ganze deutsche Reich zerstreut wohnen, daß viele Inden Inhaber von großen Geschäften sind, daß trotz aller Klagen das jüdische Herz sehr leicht zu einem guten Werke zu gewinnen ist, das sind alles Momente, welche für die Ausführbarkeit sprechen. Wie „geringfügig" übrigens sich die Sammlungen erweisen dürften, dafür zerigt das Organ der deutschen Reichsfechtschnle in Magdeburg, wonach in einem einzigen Monat, sage und schreibe, 28,00'» Mark gesammelt worden sind! 6. „Wozu uns für die Nachwelt quälen, wir werden ja doch die Früchte nicht genießen! Das war so ein Stoßseufzer, den ich aus einigen anderen Zuschriften herauSlcsen konnte." Entgegnung: Diese Ansicht hat mir am wehesten gethan, Wenn ein College so spricht, der von Schicksalsschlägen aller Art heimgesucht wird, der einen harten Kamps zu bestehen hat, der nicht weiß, ob er in seinem Berufe verbleiben kann — ein solcher Mann hat zum Zweifel, zur Apathie eine gewisse Berechtigung, Für die Mehrzahl aber wäre eine solche Ansicht ein trauriges Armuthszeugniß, Wir sollen die Jugend und das Alter zum Guten erziehen und anhalten, ohne ans größere Belohnung rechnen zu dürfen und sollten dann neidisch und scheclsüchtig auf eine Besserstellung unserer Nachfolger »n Amte scheu!? Darf ich denn als Erzieher neioisch auf einen ehemaligen armen Schüler sein, der jetzt als Disponent eine viermal größere Einnahme har als ich; muß ich mich nicht vielmehr innerlich freuen, wenn ein anderer Schüler Professor der Musik, ein anderer Professor der Psychologie, wieder ein anderer Redactcur eines angesehenen Blattes geworden ist? Neid auf die Zukunft, das sei fern von uns. Darum weg mit diesem häßlichen Gedanken, Der kann uns nur erniedrigen.