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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-04-16 · N° 16. (16.4.1885) · p. Seite 120

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 16. (16.4.1885)
Date
1885-04-16
Page
Seite 120 (sequence 4)
Language
German
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— 120 — Demi darüber, daß auch nunmehr das Abgeordneten- * Haus, wenn auch mit einigem eitlen Geflunker van Bedanerungspürcisen und hochtönender Versicherung des „nnentwcihtc» Freisinns", die Vertretung des Judenlhums im Obcrhaufe fallen lassen wird, trotzdem Herr von TiSza, einige seiner bekannten „liberalen" Phrasen ins Haus hinein- I sprechen durfte, darüber giebl sich hier kein Denkender einem 1 Zweifel hin. „Und so" denkt sich die „liberale" ungarische i Regierung, (denn Herr von Tiszcr ist ja nur ein Sprachrohr! derselben), die in ihrer Mitte „die TrcsortS und Panters" ■ duldet, gaben wir den Schein des Freisinns gerettet und die! Sache ist doch nicht so gesährlich ausgefallen." — Die An- | lijemiten aber lachen sich ins Fäustchen, lrinmphircn mit i lautem Hobngelachter, und der Jude wurde wieder einmal öffentlich verbrannt, iveil er nun einmal bei allen öffentlichen Staatsangelegenheiten in Ungarn verbrannt werden m u i'>. Quod erat demonstrandum. Berichte und Correspondenzen. Deittscbtand. Magdeburg. Die in Berlin erscheinende „Gegenwart" hat in der letzten Zeit gang bedenkliche Schritte nach „Rechts" gethan, demzufolge spürt man and) darin antisemitische Neigungen, dte dieses Blatt früher nicht gekannt hat. (Man erinnere sich z. B. des offenen Briefes Berthold Anerbachs an Billrvth in Nr. 2 Der „Gegenwart" 1870.) In Rr. 12 der gen. Zeitschrift finden wir einen „lieber die Berufungen der Universitätsprofessoren" überschricbenen Artikel, dessen Verfasser „objektive" Untersuchungen anstellcn will. Aber er bleibt hinter seinem Vorsätze zurück, weiin er u. a. schreibt: „In der Neuzeit siiid cs die Juden, welche unter dein Drucke der leitende» Strömung leiden müsse.!. Es giebt Universitäten und Facultäten, welche sich seit jeher von beit Juden „rein" gehalten habe»: und auch die übrigen siiid sehr viel zurückhaltender in ihren Berufungen geworden. Gewiß ist solches erklärlich als Reaktion gcgeii die Reclaiuesucht, das Strebcrthnm uiid die Kaineraderic j üd i s ch er Gelehrten: nichts desto weniger bleiben die Zurücksetzungen eine Ungerechtigkeit". Weiterhin spricht der Verfasser von dem Streberthum unter den Professoren im allgemeinen. Und der Vorwurf der Kameradcric und des Nepotismus wird da gerade Professoren echt ge rnra n isch c r Abstammung entgegengeschlcudert, dann sind diese Eigenschaften eben nicht spezifische Eigenthümlichkeitcn jüdischer Gelehrten; man sieht hier deutlich wie der Haß dies Unheil trübt. Aus Vaven. (Or.-Evrr.> Mit vielem Interesse las ich die Bemerkungen des Herrn Dr. Scherbcl über den jüdischen Gottesdienst. Gewiß sind die Uebelstande, die voin Verfasser gerügt werden, vielfach vorhanden und erheischen dringend eine Reform. Aber >v i c soll reformirt werden y Eine größere Anzahl deutscher Gebete, die etwa cingeführl werden sollen, wird den Synagogenbesuch und die mangelnde Andacht kaum in die Höhe bringen. Denn mit der Zeit werden auch die deutschen Gebete sich abnutzen, und ihre Zugkraft hört aus, sobald sie den Reiz der Neuheit verloren haben Es ist und bleibt die Predigt das beste Erbauungs- und Belehrungsmittel, aber freüid) nur für den gebildeten Theil der Gemeinde, der eine deutsche Predigt versteht, ihr mit Aufmerksamkeit zu folgen befähigt ist und sie zu würdigen iveiß. Dies ist jedoch meist nur in beit großen und Mittelgemeinden der Fall, aber in den fleittcrn Gemeinden und auf bem Lande, da würde damit nict)t viel gewonnen sein; für diese muß an ein aiideres Ausknnftsinittel gedacht werde». Auf einen großen Uebclstand muß auch noch hingewiescn werden, liümlich daß es in den meisten jüd. Gotteshäusern viel zu sehr an Ordnung, Ausland und Würde fehlt. Da wird viel geplaudert, krilisirt, gratulirt — besonders während der lauten Schmone cssreh und Thoravorlesung — man verläßt oft seinen Platz, besucht einander, geht geräuschvoll hinaus, kommt störend herein; die Haltung ist Ivcnig würdevoll, man gewinnt keine andäditige Stiminnng in solcher Umgebung. Zn solcher Aiistandslosigkeit kommen uidsi selten auch höchst rohe Ansbrüche ungezügelter Leidenschaftlichkeit ungebildeter Naturen: trotziges Gebahren gegen Auordnnnge» des Vorstandes oder Rabbiner, das Ilcbenragen persöiilicher Gehässikeiten ins Gotteshaus u. dgl. Schreiber dieses erinnert sich ans seiner frühere» Praxis, daß iu seiner vormaligen Gemeinde in der Provinz Pose» eine gewisse Pcrsönlidikcit stets eine Zeitung ansspaunie und darin las, sobald die Predigt begann; ein Anderer wartete, bis id> an seinem Platze vorüberkam, in diesem Momente warf er mit Wucht den Tallis auf den Ständer und lief davon. Solche Stückchen koatiiien sicherlich noch heute vielfach in kleinern Gemeinde» im Posen'schen*) vor und dagegcn helfen weder deutsche Gebete, noch schwungvolle Reden. Wir müssen uns erst selbst resormiren. > Sch,uh folgt). Hassel, 2!t. März. (Or.-Eorr.) Herr Or. Adler, welcher fast 3’A Jahre als Laiidrabbiner dahier gewirkt hat, und ans Gesundheitsrücksichten bereits in vorigen, Inh re fei» Amt niederlegen mußte, bar am 22. März Cassel verlassen, um de» Rest seiner Tage in Wiesbaden int Kreise seiner nächsten Verwandteil zu verleben. Seiii körperliches Leide» ließ es nicht zu, sich, wie er dies so gern gelhau hätte, von der Kanzel herab voi, der hiesigen Gemeinde zu verabschieden. So blieb ihm nichts übrig, als von den einzelnen Corporarionen, Woalihäligkeitsvereinen, Geiueindevorstand n. s. w. schriftlich Abschied zu nehincn. Der Gemeinde- Vorstand fühlte sich verpflichtet, den. Gemeindeniitgliedern Kenntniß von den herzlichen Abschiedswvrten des Herrn Or. Adler zu gebe» und ließ das Schreiben deshalb ourch den Druck vervielfältigen. Dasselbe hat folgenden Wortlaut : An die Herren Aeltcsie» der Israeli t ijct>e» Gemeinde Nachdem cs mir zu ineinem ichmerzlichen Bedauern nicht »täglich war, wie ich beabsichtigte, mich in der Shnagoge von der Gemeinde z» verabichiedcn, so will ich es auf diesem Kege von Ihnen und durch Sie von der Gemeinde. Dar, mir nach einem :!N jährigen Aufenthalt die Trennung recht schwer wird, bedars gewiss nicht der Versicherung, Es ist ein langer Icitranm den ich in und mi l der Gemeinde verlebt habe, dabei ein inhaltreicher und mit bedeutenden Ereignissen angesiillter Zeitraum. Ich habe das Bewubtscin, das Beste der hiesigen Gemeinde sowohl als der auswärtigen Gemeinden geivottt und angestrebt zu haben. Lb ich das Erforderliche anch ansgcführt, entzieht sich meiner Benrtheilung. Ich habe Anerkennung, aber auch Ver- , kennung crsahren. Wer ein össeniliches Amt bekleidet, mnsi ans : letztere gejaht sein, zumal ei» Rabbiner und namentlich in unserer Icit, iii der die Verschiedenheit der Ansichten und Bestrebungen innerhalb der gröberen nnb selbst de> kleinere» Gemeinden eine > Mlujt he-vorgcrusen hat, wie noch niemals im Indenthum eine vorhanden war. Trotz derselben innerhalb der Itzemeindc nicht blob Einigkeit, sondern die Einheitlichkeit zu erhalten, ja auch die Einheit aller Gemeinden als ein Ganzes vor etwaiger Spaltung zu bewahren, so doß die zerstreuete Jndenhcit als ein Einheitliches foribestehc, daraus hin nach meinen schwachen >! lasten zu ivirken, hatte ich in erster Linie mir zur Aufgabe gemacht. Deshalb war es mir svivohl in nieinen Predigten, als beim , Konfilinandcnuuterrichi hauptsächlich daruin zu tl»i:>, das Geistige des JitdcnihiiiiiS möglichst liervorjuheben, eine vernünftige Religiosilät und religiöse Vernünsligkeit anznregen und zu bewirkeil, Leben uiid Lehre in Ucbcrciustiunnung zu bringen und der falsche» Borstrtluug, das, in dem Aeuherlichen allein schoii jüdische F r ö m in i g k e i t bestehe, entgegen zu treten. Eine spätere Zeit wird erkennen lassen, das! ein pjlichteisrigcr Rabbiner sich dieses zur Ausgabe machen in uh. Doch cs würde zu weit führen, dieses näher zi, begründe». ] Ich habe das bernhigende Bcivnblscii,, mir stets treu geblieben *j Es kommen uns auch aus an deren Gegenden Deutschlands | hin und wieder .»lagen über solches itud ähnliches Gebühren einzelner i Mitglieder zu, sowie Äusragc» in» Rath, was in solchen Füllen zu lbn».! Da üedars es nur eines encigische» Einschreitens des Liinagogei, Vor , ftaudes. Dagegcn liaben lvir vom Ergreifen anderer Mabregeln, wie An- , Wendung des S IN7 des Strafgkietzbiichcs kdurch Erregung von ilnord nnng verursachte Störung einzelner gottesdieiisllicher Verrichtungen) stets abgerathen, schon ivegen des Chillnt haschein. Dergleichen tluanen j richten nnd rächen sich meist von selbst: >ver sich über Anstand nnd : gute Sitte an heiliger Slätte liinivegsetzl, der lhiit's zu seinem eigenen! Schade», er wird von jedem eiuigennabeil Gebildeten — verachtet. chied.i

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