Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 16. (16.4.1885)
- Date
- 1885-04-16
- Page
- Seite 119 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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11!» — Briese aus Ungarn. i. So wäre denn auch das Schicksal dcr Rcsori» des ungarischen Oberhauses, oder, wie dasselbe viel treffender bisher hieß und auch weiterhin heißen wird, dcr „Magnatcntascl" mit dem schnöde» Compromiß, das der „liberale" Ministerpräsident, Herr van Tisza, mit den widerspenstigen magyarischen Hochadclkrcisen und den fanatisch gesinnten Mitgliedern des Episkopats geschlossen hat, ein Compromiß, das als wahres Zerrbild, als eine Satyrc jedem dcr freimiilliigen Reformarbciter gelten kann, besiegelt. Uns, ungarische Inden, und daher das Judcnlhum überhaupt, wurde ja diese soi-disant „Reform" unserer ersten Kammer, als Juden, weiter gar nichts angehcn, wenn unser „lieber Freund", Herr von Tisza, aus purer Freisinnigkeit nicht einen Paragraphen in das ursprüngliche Elaborat ausgenommen hatte, demzufolge, auch e i n (!) durch die Krone zu ernennendes „geistliches oder weltliches Oberhaupt dcr Jsraelitctt" im Oberhause Platz zu finden gehabt hatte. Wie alles, was dcr jetzige ungarische Ministerpräsident bisher bezüglich wahrhaft freisinniger Umgestaltungen durchzusctzen vermochte (und dcr Mann sitzt schon seil zehn Jahren fest und unerschütlerlich im Präsidciitcnstuhl dcS uttgarischen Kabiners) trug auch diese Verfügung den Stempel der Zaghaftigkeit, der Kleinlichkeit, ja dcr Ungerechtigkeit an ihrer Stirne, Wie, die unitarische Rcligionsgenossenschaft, die alles in allem nur 50 000 Bekenner im Lande zählt, füll — um nur eine n Beweis von de» vielen zur Bekräftigung meiner obigen Aussage zu erbringen — durch ebenso viele, das heißt durch einen Pertreter, der im neuen Oberhause repräsentirl werde, als das mehr als zwölf fach zahlreichere ungarische Judcnthum, oder die Anhänger der evangelisch-lutherischen Kirche, deren cs nicht einmal doppelt so viele Ungarn giebt, als Israeliten, durch neun geistliche und weltliche Würdenträger, und das Judenthum durch einen?! — Und das nennt man in Ungarn eine» Freisinn, eine billige und gerechte Reform und kein Mensch stieß sich an dem Beschämenden dieser Reform, nicht einmal die ungarischen Juden selbst, was in dieser ganzen traurigen Sache noch das Allcrtraurigste ist, und von ciiicm Mangel an Selbstwürde und Selbstachtung zeugt, dcr in Europa wohl beispiellos dastchcn dürste. Wurde doch Herr von Tisza ivegen dieser Berfügung des neuen Rcsormgcsetzes des Oberhauses nicht nur von magyarischchristlichen „freisinnigen" Organen (diese haben ja im Allgemeinen, wie es die Geschichte dcr letzten Jahre genugsam bewiesen bat, von Freisinn und Aufklärung in wcsteuropäischem, also deutschem, französischem, englischem Sinne, eine ganz sonderbare Auffassung), wie auch von exclusiv jüdisch ungarischen, sogar dcr höheren Intelligenz augehörenden Kreisen als ein „wackerer, unerschrockener Kämpfer" für — moderne Rechtsgleichheit und echtem Liberalismus in allen mögliche» Tonarten wochenlang gefeiert. Was ist hier schwerer: seinen Unmuth, oder sein — Lachen ob solcher Zustände zurückzuhalten? — Uiib was geschah? Aiich diese geringfügige —• für das Judenthum, als solches, ich wiederhole es, geradezu beleidigende — Vertretung der 024 000 Israeliten Ungarns im ncnzugestaltenden Oberhause, die aber doch immerhin wenigstens den S ch c i n einer K e n n t » i ß n a h m e des JudcnthumS als solchen von Staatswegcn (der erste» derartigen im Lande) für sich gehabt hatte, sogar dieser über alle Maßen zaghafte und schüchterne Anlauf zu einer — wenigstens gegen früher (wo ja das Judenthum in der ersten Kammer gänzlich ignorirt war) — gerechteren Anschauung wurde vor einigen Tagen, aus dem Abgeordnetenhause »ach harte» Kümpfen durchgegangen, von der hochmllthigen Magnatcutasel mit riesiger Majorität ibret äuntd) und unter dem Sicgcsgejohle der verbündeten Antisemiten, Pfaffen und hochgeborenen Junker, abgewiesen. Und dabei noch unter Begleitung von Schimpf- und Schmahredcn auf die jüdischen Bürger des Landes, die, was Heftigkeit n»d Jmpertineitz, gepaart mit burschikoser Nascwcisheit anbelangt, in solchem Maße in der ersten Kammer noch nie, und von autoritativer Seite in Ungarn überhaupt noch selten gehört wurden, und das will ,in diesem Lande des Antisemitismus xar excellence schon was bedeuten. Einer der angesehenste» und reichsten jüngeren Magnaten, der, als Präsident des vornehmsten und mächtigsten geselligen : Vereins im Lande, des „Rativnalkanno" in Budapest, eine gar gewichtige Stimme im Rathe der Ration besitzt, auf dessen Ausspruch Millionen horchen, ein Mann, unabhängig und von immensem Vermögen, (Graf Stephan Karolqi) entblödcte sich nicht, die gemausten Schimpfworte aus die Juden zu häufen, sie als betrügerisch, kriecherisch, vatcrlandsseindlich hinzustellen, ohne daß auch nur c i n Mitglied der „vornehmen" Bersaminlung, ein einziges von über drei - h und e r t Anwesenden, seine Entrüstung über ein solches Gebühren offen auSgedrllckt Hütte, and) der — liberale Ministerpräsident nicht, «o sehen nämlich in Ungarn die Liberalen, die Juden f r e n n d e, aus, , , , Ist es da nicht so viel, wie „den Nagel aus den Kops getroffen", wenn dieser Tage ein durchaus nicht judenfreundlichcs magyarisches Blatt (in dieser Sprache giebt cS im ganzen Laude kein einziges solches) mit Bezug auf dieses Schicksal des hier besprochenen „Judenparagraphen" (dies dcr verbreitetste Raine) sehr treffend meinte, die Zurückweisung desselben sei für das Judcnihunl die tiefste Beleidigung, „da eS etivaS ganz anderes ist, zu einem Feste int Allgemeine» nicht eingcladcn werden, und zwar eingeladen, aber aus demselben, vor allen Festgästen mit Pomp hcrausgcwvrfen zu werden!" Und in der That kennt Herr von TiSza sein Vaterland viel zu gut, als daß er nicht hätte vvraussetzcn können und müssen, daß der „Judenparagraph", so überaus bescheiden die darin enthaltene „Besserung" auch ist, in einem so ■ mittelalterlich gesinnte» Hause, das ein Jahr zuvor den Gesetzentwurf über die , jüdisch christliche Mischehe eonscqucnt! zweimal verwarf, nicht durchgehen wird. Dazu braucht I man gar keine diplomatische und staatsinännische Begabung, : wie sie diesem Ministerpräsidenten von Schmeichlern und , Bewunderern nachgerühmt wird, das konnte der „Verstand eines jeden Verständigen" sehen. Doch Herr von Tisza wollte sich tvieder einmal mit dem Glanze seines in den Farbe» des Freisinns und der Rechtsgleichheit schillernden Schildes decken, um daun vor die Welt hintreteu zu können »nt dem Ausrufei „Ich habe die Rechtsgleichheit auch dort verwirklichen wollen, doch die Magnaten haben mich nicdergcstimmt!" Jene, leider nicht sehr zahlreichen, Israeliten Ungarns, die dieses Doppel-Spiel schon bei Gelegcnheit des Tisza-Eszlarer ProceffeS durchschauten, kennen diese Taktik und enttäuscht ist nur jene überaus große Menge ungarischer Israeliten, die die magyarische Ration wie sie h c u t c beschaffen ist, trotz allem und allem >vas vvrgefallen ist in den letzten Jahren — noch immer für besser hält, als sic in der Wirklichkeit ist. Diesen Leuten ist es ja allerdings unmöglich, die Augen zu öffnen, damit sie doch endlich klar sehen, und ihnen die Sachlage mit den Worten begreiflich zu machen: „Sehet, warum hat Euer „Beschützer", der allmächtige Koloinan von Tisza, den Gesetzentwurf über die Reform des Oberhauses, so wie den über die Mischehe nicht vor sieben bis acht Jahren, wo das Wüthen ccs Antisemitismus in Ungarn noch unbekannt, die Volksseele noch nicht vergiftet und die Juden noch nicht in dem Masse wie heute vogelsrei waren, inS Parlament angebracht, Ivo dieselbe» ohne Geschimpfe und Pasquillreden auf Juden und Judcnthum iu beiden Häusern höchst ivahrschcinlich auch durchgcdrungcn wären, warum wartete er bis heute mit diesen legislatorischen Plänen, die er doch schon bei Anbeginn seines Amtsantrittes, als für unumgänglich dringend erklärt hat?