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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-04-16 · N° 16. (16.4.1885) · p. Seite 118

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 16. (16.4.1885)
Date
1885-04-16
Page
Seite 118 (sequence 2)
Language
German
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— 118 — Die Entgegnung hierauf ist theilweise durch eine Correspondenz aus Hesseu (in Nr. 12) bereits gegeben worden. Die Achawa ist eben — wie der Titel auf de» Rechenschaftsberichtcn besagt — ein Verein zur Unterstützung hülssbcdürftigcr Lehrer rc. rc. Wir wollen aber nicht mehr hülfsbcdürttig sein, wir wollen auch hülfsberechtigt sein. Das ist ein grosser himmelweiter Unterschied. Angenommen, ein Cultnsbeamter weise — weil nicht bedürftig — die ihm zustehcndc Pension ans dem zu gründenden Verein zurück, so dürfte dieser gewiß nur selten vorkonnnende Fall kein Beweis gegen die Gründung sein. Und wo sind denn die jüdischen Cullusbeamtcn, die in ihrem Alter nicht gern eine Pension von dem Verein nehmen würden? To nennet mir den edlen Mann! Ein reicher jüdischer Cultnsbcamtc, das ist sicherlich eine rara avis. Was die Achawa leistet, kann nicht hoch genug geschätzt werden. Wie aber dieser Verein ankämpft gegen die Noth, so wollen wir ankämpscn gegen die Sorge, durch ein allgemeines Band uns eine» Verein schaffen, in dessen Schutz und Schiri» mir uns sicher fühlen in den Tagen, ivenn die Kraft nachläßt, wenn das Alter mit leichtem Tritt heranschleicht. (Lchlasi t*4it.) Die Pesiach-Haggodo. pif vier Söhne. in. In i Richtungen steht das Urthcil und das Interesse der Außenivelt denn Jndenthnme gegenüber. ^21 1!1K — das von wahrer W e i s h e i t geleitete Urthcil und Interesse fragt nicht nach dem, iras die Juden find, sondern nach dem, was sic sein sollen: nach den Zeugnissen, Gesetzen, und Lehren, ivelche Israel von Gott empfangen hat. Diese Richtung beurtheilt das Judenthum nach dem Juden ihn in und nicht nach der I u d c u h c i t. — Und das ist auch der einzig berechtigte Standpunkt; denn alles Menschliche ist nicht frei von Mängeln, die Wirklichkeit bleibt überall weil hinter dem Ideal zurück. Wenn man die sogenannte „Religion der Liebe", welche sich für die erste Erfinderin aller Theorie der Liebe ausgicbt, nach der Quantität und Qualität der Liebe beurtheilcn wollte, die sic in der Geschichte geübt hat und die noch heute von ihren Bekcnnern geübt wird — es würde wahrlich kein günstiges Facit sich ergeben. Aber daS wäre auch unberechtigt: die Wirklichkeit gebürt vor das Tribunal der Jurisprudenz, vor der moralischen Bcnrtheilung kann sie nirgends als giltigcr Maßstab für den Werth der Grund - sützc dienen, zu welchen sie sich bekennt. Die Wirklichkeit hat eben nicht bloß von den moralischen Giundsätzen ihre Dircctive, sondern auch von aller ihr coordinirtcn Wirklichkeit, und wie Unrecht geschähe darum gerade dem Judenlhum, wenn man es nach der Jndenheit der Gegenwart bemessen wollte. Zwar ist diese noch lange nicht so schlimm, als sie so viele Schlimme machen wollen, und überhaupt nicht schlimmer, als ihre Eommilitonen in der Universitas der Bekenntnisse: den hie und da hervortretendcn größer» Schattenseiten stehen weitaus compensirende Lichtseiten gegenüber, und wenn cs einen moralischen Photomeier gäbe, ich weiß nicht, zu wessen Gunsten er sprechen würde. 'Rein, schlechter als irgend eine.heit" ist auch die Jndenheit nicht, aber so viel steht fest: schlechter als das Jude »th um ist sie. Und dieselbe Klage könnt ihr von den Priestern aller Religionen hören, daß ihre Bekenner schlechter seien, als ihr Bekenntniß. — Aber gerade dem Judcnthum würde, wie gesagt, das größte Unrecht geschehen, wollte man es nach der gegenwärtige» Jndenheit benrtheilen, denn wie viel fehlt dazu, daß das Judenthum ans seine Bekenner einen unbeschränkten Einfluß ausüben konnte und kann? Staat und Christenthum üben auf die Jndenheit einen viel größer» Einfluß aus, als das Judenthum, und es wäre ohne Zweifel viel berechtigter und überhaupt berechtigt, Staat und Christenthum nach der Jndenheit zu benrtheilen, als das Jndenthnm. Schafft erst die Intoleranz in Staat und den herrschende» Bekenntnissen ab, und ihr sollt das Jndenthnm an der Jndenheit in Gottes Namen benrtheilen dürfen. Vorläufig ist der noch der wahre 2211, der das Jndenthnm ausschließlich nach seinen „Zeugnissen, Gesetzen und Lehren" an sich und nicht nach seinen Bekenner» beurtheilt. 72H ins — nun, wer der „Rosche" ist, das ist bekannt. Die Roscho-Richtung prüft nicht viel und untersucht nicht viel, bei ihr ist cs ein Axiom: weg mit dem Jndenthum! Gegen diese Richtung hilft alles nichts, kein Räfonnircn und kein Vertbeidigen, sie will Recht haben, aus Fanatismus, ans Egoismus: ihr Richtersprnch ist fertig ohne Urthcil, und darum hat den Vertretern dieser Richtung gegenüber die Haggodo wohl das beste Rccept verschrieben: „mach ihn die Zähne stumpf!" ö2N “ins — daS ist die nrt Heils lose Menge, die ein Urthcil nach bestem Wissen und Gewissen fällt, aber kein Urthcil hat. Sie fragt: NK1 >1L „was ist das?" Sie sieht auf das, was sich den Angen darbictcr und urtheilr danach. Sie urtheilt nach dem Aeußern: nach den tiefer liegenden Gründen forscht sie nicht. Sie besteht aus dem Contingenl derjenigen, für welche die 71 8'^N-Rücksicht im Jndenthnm berechnet ist. Und man kan» in der Thal nur wünschen, daß in der Jndenheit in den äußern Handlungen stets eine Corrcktheit herrsche, die diese Richtung znfricbenstellt. Endlich steht dem Jndenthum noch eine Richtung gegenüber, „die gar nichts, zu fragen weiß" der bas Judeiithum herzlich gleichgiltig ist, die von dem Dasein des Judenthnms kaum eine Kenntnis; hat. Bis vor einem Jahrzehnt war diese Richtung auch in Europa noch heimisch: da gab cs noch Leute, die kaum wußten, daß ein Indent hum noch cxistirt. So paradox das klntge» mag, so ist cs doch wahr. Racine, der ei» Trauerspiel „Esther" geschrieben, sagt am Ende der Vorrede zu diesem: On dit meine que les Juits, enoore aujourd’ hui, celebrent par de grandes »ctions de gräces le jour, ou leurs ancetres furent delivres par Esther de la cruaute d’Aman“. „Man sagt soga r, daß die Inden »och heute durch große Thaten der Dankbarkeit de» Tag feiern, an dem ihre Vorfahren durch Esther von der Grausamkeit des Haina» befreit wurden". Man sagt sogar! Ist das nicht charakteristisch? Allerdings sind seitdem fast 2 Jahrhunderte verflossen: aber auch heute ist die Unkenntniß von den inner» Verhältnffsen des Judenthums in dieser Umgebung nicht minder groß, als wie sie unS in diesem „On dit meme“ enigegenlritt. Um so weniger kann man sich wundern, daß es auch noch Kreise geben konnte, die von der Existenz des Jndenthum überhaupt keine Kenntnis; hatte». — Es ist ein Verdienst des Antlsemitismns, daß es wohl heute in Europa keinen Menschen g:ebt, der von der Existenz des Judenthums nichts weiß und nicht ein wohl- oder übelwollendes Interesse dafür liegt. Und daran sieht man zugleich, wie gilt der Rath der Haggodo ist: „fang du mit solchen an:" sieh zu. das; sic vom Judenthum durch das Jndenthum Kenntnis; erhalten. Denn die durch den Antisemitismus Kenntniß vom Jiidenlhum erhielten: was für Vorstellungen müssen diese vom Judenthum habe»? Der erste Eindruck ist der erscheidende; darum: „öffne du!" Leider wird dieser Ruf so wenig beherzigt. Untere Großen und Reichen, sie haben für alles Geld und Thalkraft, nur nicht für die Hebung der jüdischen Wissenschaft, die das Jndenthum allein ins rechte Licht setzen kann. Giebt es eine größere Anklage gegen unsere Mäcenc, als die Thatsachc, daß die Kenntniß vom Judenlhum in der außerjüdischen Welt größtenrheils — der Antisemitismus verbreitet! Ihr Reichen: 18 nns HS „öffnet" ihr .... eure Taschen, und sorgt dafür, daß dem 8lK2'8 711' 13'XC’ ein treue« Bild von der geschichtlichen und wissenschaftlichen Bedeutung des Jndcnthnms in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft entrollt werde. Diese Kenntniß thnt nach J n nen wie nachAußcn bitter noch.

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