Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 14-15. (3.4.1885)
- Date
- 1885-04-03
- Page
- Seite 109 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 109 - aber kaum ein 02N zu machen,—Les extremes s« touohent — und darum ist es besser, er bleibt ein VN. — Der VN-Standpunkt ist sehr bequem, man sieht im „Schulchan-Aruch". im „Chase Odom" nach und alle Räthsel sind gelöst. Selbst im Kampfe ist er der bequemste: Denn er brauch: nicht zu überzeugen, sondern nur zu verketzern. Darum wirb auch der Kampf von den Männern dieses Standpunktes am erbittertsten geführt: Denn er gilt ihnen als ein heiliger Krieg, in dem auch die Niederlage 'ihren Lohn vor Gottes Richterthron einst reichlich findet. Dennoch oerdient der Vtl-Standpunkt, wenn er ehrlich ist, alle Schonung und Rücksicht: aber wenn er unehrlich ist, dann ist er nichts weniger als ehrwürdig. Wenn Jemand zum Standpunkt der frommen Einfalt, des religiösen Materialismus, sich bekennt, weil er dadurch entweder besser seine Rechnung zu finden hofft, oder weil es eben ein bequemer Standpunkt ist, weil er dadurch all der Beschwerden überhoben ist, die eine Consequenz der Combination von Gottesfurcht und Weisheit bilden.es gäbe keinen Ausdruck um die ganze Verächtlichkeit solcher Feigheit oder solchen Schachergeisles zu kennzeichnen. „Mit starker Hand hat der Herr »ns aus Egypten herausgeführt" mit solcher Feigheit und solcher Gesinnungslosigkeit kann kein Ausschwung zur Freiheit sich vollziehen. — Dem Judenthum fehlt aber leider auch der vierte im Bunde, der STP "'Nil', nicht: im Gegentheil, wohl 9v pCt. wenigstens der mittel- und westeuropäischen Judenheit gehören zu dieser Klasse, die „gar nichts zu fragen weiß", weil sie für alles, was Religion und Judenheit ist, sich nicht interessirt. Die ganze Schaar des Jndifferentismus gehört zu dieser Klasse. — Wie ist der Kampf gegen diese Klasse zu führen? — Der Vers, der Haggodo giebt uns den Rath: "p3P mim "»KJ» I1? nns nx. „Mit der Klasse, die gar nichts zu fragen weiß, weil die Religion ihr gleichgiltig ist, fange Du an in der Weise, wie die Schrift sagt: „Du sollst Deinem Kinde berichten!" Der Jndifferentismus ist nur durch die Kinderwelt zu bekämpfen! Jeder andere Kampf ist unnütz! Die erst vom Jndifferentismus Beherrschten sind verloren, und nur die Kinder sind zu retten Cp Ptpn □,33n nx). Aber die Kinder sollst Du retten, und darum alles Mögliche thun, um die Eltern nicht zur . . . Taufe zu ermuthigeu, zu drängen. . . durch Hohn, durch die Erklärung, sie könnten dem Judenthum keinen größeren Dienst erweisen, als wenn sie sich taufen lassen. Ganz Moab durfte, nach dem Talmud, von Moses nicht angegriffen werden, weil Gott voraus sah, daß Ruth einst von ihm abstammen werde: und Ihr wollt geborene Juden zur Taufe hindrängen? Ihr wollt es verantworten, deren ganze Zukunst niTHn «]1D TS dem Judenthume zu entfremden? — _ (Schluß folgt.) Briefe aus Mähren. i. Mit lebhaftem Interesse habe ich sowohl die treffliche Widerlegung der Broschüre „Gedanken eines Juden", als auch die Artikel-Serie gelesen, welche unter dem Motto: „Audiatur et altera pars“ das gleiche Thema unparteiisch bespricht und in jeder Beziehung vollste Beachtung verdient. Jeder für die Sache des Judenthums warm Empfindende wird die Richtigkeit der von dem geehrten Herrn Verfasser! jener Artikel vorgebrachten Argumente anerkennen und mit demselben darin übereinstimmen, das etwas geschehen muß, uni dem täglich wachsenden religiösen Jndifferentismus, so viel als es überhaupt im Bereiche der Möglichkeit liegt, entgegen zu arbeiten. „Retten was noch zu reiten ist" muß die Parole der Männer sein, deren Beruf es in erster Linie mit sich bringt, jene mächtige Zeitströmung zu bekämpfen, ich meine unsere Rabbiner, Prediger und Religionslehrer, und die sind es auch, denen bei Durchführung der nachstehenden, auf Hebung des religiösen Sinnes unter den jungen Leuten abzielenden Vorschläge, naturgemäß die leitende und überwachende Rolle zufällt. Wenn ich es überhaupt wage, mit solchen vor die Oeffentlichkeit zu treten, so geschieht es, weil ich — selbst ein junger Mann — die Ansichten und Bedürfnisse meiner Altersgenossen irr puncto Religion besser kenne, als ältere und der Jugend ferner stehende Männer und demnach auch besser als jene im stände bin, die Richtung anzugebeu, die emgeschlagen werden muß, um dem oben angedeuteten Ziele näher zu kommen. Ich habe bei meinen Ausführungen die hierortigen Verhältnisse im Auge, glaube jedoch bei dem Umstande, daß es mit denselben auch in anderen größeren Gemeinden nicht besser bestellt ist, annehmen zu dürfen, daß die Verwirklichung meines Projectes sich auch dort als nützlich erweisen würde. — In den zahlreichen industriellen Etablissements und Handlungshäusern des hiesigen Platzes sind einige hundert junge Israeliten angestellt, die, sowie fast alle unsere Gemeindeangehörigen den nachbarlichen Judengemeinden entstammen und welche zum größten Theile noch eine strengreligiöse Erziehung genossen haben. Wie sich's leider von selbst versteht, kennen wir die Sabbath- und Feiertagsruhe nur als für uns nicht mehr existirende Begriffe und, da der Dienst unsere Zeit zumeist von 7 Uhr früh bis 7—8 Uhr Abends in Anspruch nimmt, so ist für uns die Möglichkeit, an dem öffentlichen Gottesdienst Theil zu nehmen, so gut wie ausgeschlossen. Für alle ist dieselbe auch nur einmal im Jahre, dem Versöhnungstage vorhanden und da an demselben der Tempel und die vorhandenen Bethäuser überfüllt sind, so beschränken sich viele junge Leute, die „sich dort nicht herumdrücken" oder „vom Dunste krank machen lassen" wollen auf eine möglichst kurze Visite (etwa nur während des Maskir). Daß die Zahl derjenigen, die ein Gotteshaus nie, auch am Jom Kippur nicht, betreten jährlich wächst, ist eine leider nicht zu bestreitende Thatsache. Wo soll auch dann der Sinn und das Interesse für das Judenthum Herkommen?! Die Leute haben zlvar zu Hause eine strenge Beobachtung der religiösen Vorschriften vor sich gesehen, doch wird das ihnen dort eingepflanzte Gefühl für ihre Religion durch daS bedauerlicherweise ganz unausweichliche Uebertreten des sabbatlichen und feiertäglichen Ruhegebotes, dem Fehlen eines jeden Gottesdienstes und endlich durch christliche und bereits verdorbene jüdische Gesellschafter immer mehr abgestumpft. Das Trefa-Essen ist unter solchen Umständen schnell an-, Beten und Teffilin-Legen noch viel schneller ab gewöhnt, die Bibel wird nicht mehr angesehen, in Folge dessen das Bischen Hebräisch rasch vergessen und in kurzer Zeit ist so ein junger Mann ein fertiger „Posch'e", der sich seines Judenthums schämt und der herzlich froh ist, wenn ihn seine christlichen Collegen nicht zu oft an seine „semitische" Abstammung mahnen. — Dieser täglich wachsenden Gleichgültigkeit gegen alles was jüdisch ist und mit unserer Religion zusammenhängt, kann nur durch, in populärer Form gebotene, Aufklärung und Belehrung gesteuert werden. Diejenigen, die sich der eben so schwierigen als verdienstvollen Arbeit der Seelenrettung unterziehen wolle», müssen vor Allem dafür Sorge tragen, daß die Gelegenheit zu dieser Aufklärung und Be-