Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 14-15. (3.4.1885)
- Date
- 1885-04-03
- Page
- Seite 108 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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:'~10 — 108 — der Ansicht der Haggodo, nur in frechem Eigendünkel ihre Wurzel haben und darum ist Geringschätzung und Demüthigung die richtige Antwort auf solche Frage: „Mach' ihm die Zähne stumpf!" Sprich zu ihm: Nur die Gottheit war es, die Israel aus Egypten herausgcführt hat! Nur das Göttliche ist cs im Menschen, wodurch der Mensch auS der Thierheit erlöst wird: wärest Du dort gewesen, Dn wärest nicht erlöst worden — ohne Gott bleibt der Mensch ewig ei» erbärmlicher Sklave! Der einfältige Sohn ist neben dem bösen Sohne die zweite Hälfte der Kehrseite des weisen Kindes, Der Einfältige ist der Repräsentant der Gottesfurcht ohne Weisheit, Der Einfältige fragt: NX! 713, „was ist das?" Ist ihm es einerlei, ob cs göttlich oder ungöttlich ist, ihm genügt es, daß eS ist, und wie cs auch immer ist, so will er es kennen lerne» und in seinem Leben fvrtpflanzen, — Die fromme Einfalt, rüttle nicht daran! Die fromme Einfalt ist gar bald irre gemacht, aber nicht so leicht ans den rechten Weg geleitet. Zu dem einfältigen Sohne sprich einfältiglich: „Mit Stärke der Hand hat der Herr uns aus Egypten herausgeführt". — So äußert sich die Individualität des Kindes i» den Fragen, die es über religiöse Dinge an die Eltern richtet. Es gicbt aber noch eine Individualität, die sich nicht im fragen, sondern im Nichtfragen äußert: der In different ismus! Der Jndifferentismus des Kindes kann seinen Grund in allgemeiner Zerstreutheit haben, aber auch darin, daß dessen Gedanken mehr auf andere Dinge, als auf die Religion gerichtet sind. In jedem Falle ist es, nach der Ansicht der Haggodo, Pflicht des Paters und Lehrers, das Interesse des Kindes zu crlveckcn, nach dem allgenieinen Grundsätze: wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, so gehe der Prophet zum Berge! 1 b NNL nx blXUO STP UW! Und weiß das Kind Dich nichts zu fragen, fange Du mit ihm an!*) — So ist cs mit den Kindern in der Schule und im Elternhause, Die Erwachsenen sind große Kinder, ihre Schule ist das Leben, und auch da treten uns die hier geschilderten 4 Individualitäten entgegen, sowohl innerhalb als außerhalb des Judenthums, — Innerhalb des Judenthums treten uns die 4 Individualitäten in der Form der vorhandenen 4 religiösen Partheien entgegen. Auch von den Parthcicn innerhalb des Judenthums kann man sagen: rnx min mm au3 nsa-ix “ua SwS sm uw "inxi an mx sun nnxi asn aan inx, das ist die Parthei, in welcher sich Gottesfurcht mit Weisheit gepaart findet. Ihr ist die Religion göttlich und alles wahrhaft Göttliche Religion, sei es, daß es zum Wesen, sei es, daß es zu den Trägern der Religion gehört. Aber nicht ales, was ihr als Religion präsentirt wird, gilt ihr als Religion, und nicht alles, was Wahn und Aberglaube mit dem Nimbus des Göttlichen umstrahlt sieht, gilt ihr als göttlich. Sie ist eingedenk des talmudischen Spruches: UV'N 7,312 n1»: TRH 13 JW rm „Ein Gottesgclehrter ohne Einsicht ist schlimmer als ein entseelter Thierleichnam!" Sie ist eingedenk, daß das Juden- *) Die Haggodo hat hier das scminale NX: vielleicht soll das eine Andeutung dafür sei», daß die Mutter geeigneter ist, den stumpfen Sinn des Kindes anzuregen, als der Vater. thum eine Religion des Lebens und nicht des Todes ist, sie fragt nach den „Zeugnissen, Gesetzen und Vorschriften, welche der Ewige unser Gott befohlen h at". Sie will nur das Göttliche; das Ungöttliche, das Unmenschliche, das Unwürdige, das will sie nicht, u, z. aus Religion. Das Passah-Opfer wahrer Religion will sie haben, aber den pljv'LX, den Nachtisch, hält sic mit dem Pessach nicht vereinbar, weil er gar oft den Geschmack an dem Eigentlichen, Wcnsentlichen verdirbt. Gottesfurcht mit Weisheit, Weisheit mit Gottesfurcht, das ist die Devise dieser Parthei innerhalb des Judenthums, Dieser Parthei stehen, den beiden Seiten ihrer Devise entsprechend, zwei Parthcie» feindlich gegenüber: eine, die von Gottesfurcht nichts wissen will, die die höchste Weisheit in der Negation aller Gottesfurcht sieht; die andere, die neben Gottesfurcht von Weisheit nichts wissen will, die den höchsten Gipfel der Gottesfurcht in der Negation aller Weisheit erblickt. Die erstere Parthei entspricht dem SttH, die letztere dem 3N. Die Roscho-Parthei spricht: „Was soll euch der lästige, mühevolle Dienst eines Gottes? Der ist ja ganz zwecklos, — Und zwar richtet diese Gesinnung sich bei einem Theilc dieser Parthei gegen alle religiösen Formen überhaupt, oder nur gegen die Formen des Judenthums, Ueberwiegend ist in dieser Parthei die spezielle Richtung gegen das Judenthum, denn die Formen anderer Bekenntnisse erscheinen derselben doch nicht so ganz zwecklos: sic haben doch den Nutzen daß man durch sie nach oben sich beliebt und Carricre machen kann, während die Formen des Judenthums sich nach dieser Richtung als Hindernisse, als Bleige>vichte darstellen, die jedes „höhere" Streben, jeden Flug nach „Oben" gewaltsam niederziehen. Das ist die Roscho-Gesinnung, wie sic im „Poßek" und in der Haggodo steht! — Diese empfiehlt gegen solche Gesinnung nun als bestes Verfahren das „Stumpfmachen der Zähne", Verächtlichmachung dieses hündischen Sinne», der die Gefräßigkeit als die höchste Tugend schätzt und das höhere, an das er nicht heranreicht, das ihm nichts, auch nicht den kleinsten Knochen, abwirst, mit grimmigem Knurren anbcllt. Du UttH, Du bleibst eilt Sklave all Dein Lebelang und wärst Du in Egypten gewesen, D u hättest zur Feier eines Freiheits-Festes, einer unilT! pt, keine Veranlassung gehabt und gegeben! — Coordinirt dieser Parthei im Gegensätze zu dem 33N ist die 3n-Parthei: Die fromme Einfalt, die in der Furcht des A l l w e i s e n alle Weis h e i t als eine fürchterliche Gefahr fürchtet. Sie fragt: NX! Nv, was ist das? Sie hängt am Materiellen, an dem „Was"; — das „Wie" und „Warum" gilt ihr als Sünde, denn das ist ja „Weisheit". Sie erklärt den Vers: „Der Weisheit Anfang ist die „Gottesfurcht" so, daß wo die Weisheit anfängt, da auch die Gottesfurcht anfange und nur diese Anfangspunkte die Berührungspunkte der Weisheit und Gottesfurcht seien, während sie in allen anderen Punkten divergiren. — Mit der VN-Parthei, der Parthei des religiösen Materialismus, läßt sich die Haggodo in keine lange Discufsion ein, und sie hat Recht. — Einerseits ist die Einfalt eben , . , Einfalt; sie versteht faktisch die Sprache des Gegners nicht, — sie sieht in dem Gegner nur den Gegner und sonst nichts. Andererseits ist wohl aus dem 371 ein S®“1,