Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 13. (26.3.1885)
- Date
- 1885-03-26
- Page
- Seite 102 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 102 — um so mehr verabscheuen, als sie darin die unfehlbare Untergrabung des Gcmeindebundes erblicken. Als wir einmal gefragt wurden, warum sich unsere Gemeinde dem Gemeindebund nicht anschlösse, haben wir unsere Gründe dafür ohne Hehl zu erkennen gegeben. Damals zieh man uns der Schwarzscherei; wir hatten nun zufällig Gelegenheit, die betreffenden Personen auf die erwähnte Mitthcilung aufmerksam zu machen, und sic erstaunten darüber nicht wenig; sie mutzten jetzt unsere skeptische Haltung billigen. Der Vorstand des Gemcindebundes darf nach unserm unmatzgeblichen Dafürhalten für keine jüdische Zeitung, sei , sie freisinnig oder anders gerichtet, propagandistisch thütig i fein. (Diese Ansicht unseres hochgesch. Herrn Referenten wird in sehr vielen uns inzwischen zugegangenen Zuschriften getheilt. Red.) Und nun gar die Propaganda für ein Blatt, daS eine religiöse Richtung, wie die des größten Tbeils des Ausschusses des D.-J. G.-B., pcrhorrcscirt und oft genug in den Staub gezogen! Wir bitten, nur folgende Stelle» aus jenen Schmähartikel» zn reproduciren, vielleicht erröthen nunmehr gewisse Herren! (Wir unterlassen diese Rcproduction, weil wir kein Oel in die Flamme gießen wolle». Red.) Wir sind darauf gespannt, welche Stellung die Mitglieder des Ausschusses, die davon Kenntniß erhalten, zu dieser Frage nehmen; ihr Schweigen wäre den, Gcmcindcbund durchaus nicht förderlich, des; dürften sie sich versichert halten. A.s. (In dieser Beziehung können wir den geehrten Herrn (Linsender beruhigen; es sind uns von sehr ehrenwerthen, hochachtbaren Personen, denen das Wohl des D.-J. G.-B. sehr am Herzen liegt, auch von Mitgliedern des Ausschusses, Zuschriften und sonstige Mittheilungen zugcgange», die — weil meist privater Natur — der Veröffentlichung sich entziehen. Wir werden indeß, ohne indiskret zu fein, auf eine Reihe hieran sich knüpfender Fragen zurückkomincn und die vielen hierbei zu Tage getretenen Mängel in der Organisation des D.-J. G.-B., — für dessen unpa rtei ische Bestrebungen wir seit seinem Bestehen stets warm cingctrcten sind, oft im harten Kampfe gegen seine offenen und versteckten Feinde im orthodoxen Lager — einer Besprechung sine ira et studio unterziehen. Wir glauben den> D.-J. G.-B. nur zu dienen, wenn wir ihn auf die ihm drohenden Gefahren aufmerksam machen. „Besser ein offenes Mahnwort, als eine Liebe im Geheimen" — sagt der weise Salomo in den Sprüchen Cap. 27, V. 5. Red.) Aus Kekse». Die israelitische Schulmänncrversammlung hat zwar — so viel ist klar — den Erwartungen nicht entsprochen, die man hinsichtlich derselben hegte. Allein wenn auch die Versammlung den fachmännischen Standpunkt nicht überall gewahrt hat, wenn sie in pädagogische Fragen theologische Gesichtspunkte hincinbrachte, so darf ihr Werth doch nicht unterschätzt werden: Sie hat die Klippen gezeigt, die bei künftigen Berathungen zu umgehen sind, sie hat jedenfalls auch reichliches Material geboten für eine Darstellung der Gcsanimtpraxis auf dem Religionsunterrichtsgcbiete. Aber nicht in den pädagogischen Leistungen jener Versammlung kann für uns vorerst ihr Hauptwerth liegen, sondern in der Erweckung des allgemeinen Interesses für das jüdische Schulwesen überhaupt. Nur so können Uebelständc beseitigt werden, tvclche einer gedeihlichen Entwickelung unserer Unterrichtsverhültnisse entgegenstehen. Was kann uns auch der beste Normalplan helfen, wenn die Voraussetzungen für seine Befolgung fehlen! Um pädagogische Anordnungen durchzuführcn, müssen pädagogisch geschulte Kräfte vorhanden sein. Kein Unteroffizier kann Rekruten nach einem Reglement eiuexerzieren, von dein er selbst nichts versteht. Auf dem jüdischen Schulgebiete jedoch soll das möglich sein! Sind es überall fachmännisch gebildete Lehrer, die den Religionsunterricht crtheilen? Ja, machen sie auch nur den überwiegenden Th-il des Religionslehrerstandes aus? Ich glaube, eine Statistik, die über diesen Umstand Ausschluß ertheilen sollte, würde beschämende, recht betrübende Thatsachen ans Licht bringen. — Wenn wir die seminaristisch gebildeten Lehrer als den Weizen von der Rcligionslehrerspreu absondern, so bleibt noch ein großer Haufe jüdisch, slavischer Elemente, außerdem solche Deutsche, die in ihrem früheren Berufe Schiffbruch erlitten haben, nichts destoweniger sich aber für befähigt (!) halten, ohne jegliche Vorbereitung das Lehrfach zu ergreifen. — Wen gemahnen solche Vorkommnisse nicht an den Landjude», dessen Sohn Lehrer werden soll, „weil er zum Handelsmann zu dumm ist." Für meine Analyse des Religionslehrpersonals will ich einige Pröbchen beibringc». Auf die Zustände in einigen hcssen-darmstüdtischcn Gemeinden gehe ich dabei nicht ei»; die „Geschäftsleute und Handwerker" (wer denket nicht an die Zeiten des seligen Friedrich Wilhelm I.), die dort den Religionsunterricht besorgen, betreiben das ja nur „nebenbei". (.-z-ortftpnng folgt., Oesterreick-Ungarn. (Brünn, 16. Mürz. Bei der heutigen Delegincn-Versammlung des Mährisch-jüdischen Landcsmassafond, die i» Vcrhinderting des Herrn R. v. Gomperz Herr Wohlmuth leitete, waren 50 ©emeinbett vertreten. Nachdem die Herren L. Hcrzfclder und L. Löw-Bcer zu Verificatvren und Scrutatvreu delcgirt waren, wird der Rechenschaftsbericht des Curatvriums pro 1884 verlesen und derselbe, ebenso wie der Revisionsbericht genehmigend zur Kenntiiiß genommen. Hierauf wird ocr Voranschlag pro 1885 mit den Einnahmen und Ausgaben pr. 47,256 fl. 14 kr. angenommen, darunter Schulsnbventioiie» mit 12,780 fl., Gemeinde-Unterstützungen mit 12,000 fl., Personal-llntcrstützuuge» mit 11,200 ft., Stipendien 600 fl., BildungSnnd Humanitütsanstalten 2500 fl. :c. Hierauf wurde ein Antrag der HH. Wvhlmuth und Genossen angenomiiie», wonach das Curatorium die vorbereitenden Maßregeln zur Errichtung eines „Proseminars" für die Ausbildung von Religionslehrcrn und Vorbildung von Rabbinern zu ergreifen habe und wurde weiters auf Antrag des Herrn Mandl beschlossen, schon heuer 600 fl. für die Eröffnung eines probeweisen Vorbcrcitungs-Curscs zu bewillige». Bei der alsdann vorgcnommcnen Neuwahl des Curatvriums wurden gewählt: Ans den Gruppen die Herren Lieblich, Großinann, Tandler, Ornstein (neu) Singer, Oppenheimer; aus dem Plenum: Blau, R. v. Gomperz, Kuff»er, Mandl, Wohlmnth; zu Ersatzmänner: Jos. Löw und M. Groß; zu Revisoren: L. Löw-Beer, M. Schnabl, I. Schnürmann. WrüMl. Das von Herrn vr. P. Deutsch Hierselbst ausgearbeitetc Promemoria über die Errichtung einer theologischen Vorbildungsschule lautet wie folgt: „Mit dem ehrenvollen Aufträge betraut, die Grundlagen zu bestimmen, auf welchen das geplante Unternehmen einer theologischen Vorbildungsschule beruhen soll, erlaube ich mir zunächst die Einthcilung meiner Arbeit zu proponieren. Es soll der Ztveck des Unternchiiiens vorangestellt sein, dann eine Darstellung der Mittel, durch die dieser Zweck erreicht werden soll, folgen und zum Schlüsse dieOrganisativn besprochen werden. I. Zweck der Anstalt. Die Eigenthümlichkeit der jüdischen Theologie bringt es mit sich, daß der Unterricht nicht erst auf der Hochschule beginnen kann. Wenn die römische Kirche es gleichfalls als Grundsatz ausgesprochen hat, daß die Erziehung der Geistlichkeit schon von frühester Jugend mit dem Eintritte in die Gelchrtenschule beginnen soll, so geschah dies aus rein hierarchischen Gründen/ So sehr un» diese fernliegcn, dürfen wir die wissenschaftlichen, welche zu den gleichen Resultaten führen, nicht ganz zurücksetzen. Diese wissenschaftlichen Gründe sind in erster Linie die Kenntniß des praktischen Ritus, dessen der Rabbiner ja auch dann nicht entrathen kann, wenn er einer Gemeinde vorsteht, deren Gottesdienst nach geänderten Normen zusammengesetzt ist. Zur Erlernting dessen muß schon die frühe Jugend angehalten werden. Es muß also, um concret zu sprechen, derjenige, der sich der jüdischen Theologie widmet, eine Kenntniß der Sidur, eine Kenntniß des Ccremoniells mitbringen. Ein ...