Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 13. (26.3.1885)
- Date
- 1885-03-26
- Page
- Seite 103 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 103 — zweiter, viel wichtigerer Grund ist die Nolhwcndigkeit der Kenntniß der hebräischen Sprache. Von den Theologen wird beim Eintritt in eine theologische Fachschule gefordert, daß er im Stande sei, Vorträgen auf dem Gebiete der Bibelforschung der jüdischen RcligionSphilosophie der midraschischen und exegetischen Litteratur und endlich auch des Talmud zu folgen. — Das ist jedoch nur möglich, wenn man eine gründliche Kenntnis; der hebräischen Sprache voraussetzcn kann. Bisher hat dieser Rothwendigkeit theologischer Vorbildung eine Anzahl von Leuten abgeholsen, die noch im Stande waren, ohne Berufsmänner zu sein, ihren Kindern die nöthigen Kenntnisse beizubringen, was sie als religiöse Pflicht eines jeden Juden betrachteten. Die Zahl dieser Veteranen aus den alten Talmudschulc» nimmt immer ab. Ueber kurz oder lang werden sie ganz verschwunden sein, wir müssen sie ersetzen. Doch noch eine andere Nothwendigfett tritt hinzu. Das Judcnthum hat die Lehre nie als Domäne eines auserwählten Kreises von Fachmännern betrachtet, vielmehr immer darnach gestrebt, seine Wissenschaft zum Gemeiugutc Aller zu machen, darum auch in Aboth Cap. I § 2 die Wissenschaft als Grundlage des jüdischen Lebens neben Ritus und Wohlthätigkeit erscheint. Eine solche Schule wie wir sie plane», soll also neben dem praktischen Bedürfnisse der höher« Bildung der künftige» Theologen auch dem ethischen Bedürfnisse einer m religiösen Dingen gebildeten jüdischen Jugend dienen. Dies ist heutzutage eine viel größere Rothwendigkeit, als einst, wo nicht mehr, wie früher der Begriff des gebildete» Inden mit dem i» der Theologie Unterrichteten unbedingt zusammenfällt. n. Dic Mittel der Bildung, Um den oben ausgeführten Zweck zu erreichen, ist es nothwendig, zunächst die Thora gründlich und vollständig durchzuarbeiten. Es soll der Jünger dieser Schule das mosaische Gesetz mit wissenschaftlichem Veritündniß vollkommen in sich aufnehmen. Er soll das Geschichtliche und das Gesetzliche der Thora in gleicher Weise materiell beherrschen und dabei eine wissenschaftliche Grammatik zum mindestens die Fornilchre sich angeeignet habet,. Damit tvird gleichzeitig angebahnt werden, das; unsere Jugend nicht mehr, wie es oft genug geschieht, mit falschen, veraltete» Anschauungen auf dem Gebiete der Sprachkenntniß und des Bibclverstündnisses gemartert werde, was unbedingt zur Unlust am Gegenstände und zur Herabsetzung der heiligen Schrift führen muß. Ich will mir für beide-s je ein Beispiel gestatten. Auf dem Gebiete der Grammatik ist noch immer der längst überholte Benscw Mode, dessen aus mißverstandenen Lehren der alten Grammatiker geschöpfte Ansichten von seinen erbärmlichen Nachbetern in den landläufigen Lehrbüchern der hebräischen Grammatik allgemein zusammengefaßt sind und von Lehrern unterrichtet werden, welche selbst nicht in der Lage sind, ein Besseres zu erkennen. So wird gesagt, das Pathach furtivum sei stets von einem consonantischen Waw regiert, so^ wird die Jugend gezwungen, scholuwach, ruwach, Nowach u. s. >v, zu sprechen, während eine richtige Sprachbetrachtung längst erkannt hat, daß die Gutturalis de» vorangehenden Vocal stets in Pathach verwandelt und wenn er unwandelbar Ht, ein Pathach einschiebt. Im sachlichen Theile könnte ich Vieles anführen, es sei nur eins gesagt. Im 2. B. Moses, Cap. 21, 6, wird gesagt, daß dem Knechte, der über die gebotene Zeit hinaus freiwillig in der Knechtschaft bleibt, das Ohr durchbohrt werde» soll. Allgemein wird nun nachdcni von Raschi citirtcn Midrasch gelehrt, daß das Symbol dieser Ceremonie in der Bestrafung des ungehorsamen Ohres zu erblicken sei, welches die Worte vernommen hat, 3. B. Moses, Cap, 25, 55: „Mir gehören die Kinder Israel als Knechte und selbst haben sie sich einem auderein Knechte verd'ngt" wobei man ganz vergißt, daß die gleiche Strafe jede Gesetz- Übertretung treffen müßte, und der richtige Grund der ist, daß der Knecht als Zeichen der Schmach an die Thllrc des HauseZ genagelt wird, welches er der Freiheit vorzieht. Mit diesem Beispiele glaube ich genugsam dargethan zu haben, daß eine Aenderung des bisherigen Vorganges im Unterrichte der frühesten Stufe erfolgen muß. An den Unterricht in der Thora wird sich dann der Unterricht in den geschichtlichen Büchern der heilige» Schrift anschlicßen — zu diesen sind zu zählen, die erste» Propheten, Ruth, Esra, Nehemia, Chronik und Esther - aus zwei Gründen. Zunächst bieten sie die Gelegenheit, die Sprachgesctze gründlich zu erkennen und dann ermöglichen sie es eine wirkliche, wissenschaftliche Geschichte des Volkes Israel, ein Berständniß der Propheten herbeizuführen. Nach Abschluß dieser Kennttiisse muß mit der talmudische» Litteratur begonnen werden, denn es ist unmöglich, daß Jemand den Talmud gründlich erlernt, wenn er nicht vorher die Schwierigkeiten des Lesens nnvocalisirter Texte überwunden und die nothwendige sprachliche Kenntniß sich angeeignet hat. Auch hier muß init dem Roste vergangener Jahrhunderte aufgeräumt werden. Man wird nicht inchr wie bisher den Schüler sofort an das erste beste Blatt des Talmud führen und ihm die dialektischen Elemente des Pilpul durch seine sümmtlichen Phasen von den Tossafisten bis auf R. Falk Kohen (PnS Jofchua) und Ezechiel Landau (Zelach) zugänglich machen, sondern es soll hier wie beim Bibelstudium systematisch gebaut werden. Zunächst muß der Inhalt der Mischna zum großen Theile erschöpft sein, denn der angehende Theologe muß sich darüber klar sein, was die gesetzliche Grundlage des Talmud und seiner Decisorcn bildet, daher nach meiner Ansicht auch die Boraithoth mindestens die Toscfta heranzuzichen ist, erst dann darf mit der Lcctüre des Talmud begonnen werden. Doch scheint mir, daß man das getrost einer Hochschule überlassen könnte. Wenn ich nun die Gemara von dent vorbildenden Unterrichte auszuschließen geneigt wäre, so bezieht sich das zunächst auf die Halachah; das haggadische Moment des Talmud wäre in die höheren Stufen einzufügen. Uebrigens habe ich soviel als möglich die Anforderungen restingiert und hoffe, es wird gelingen, auch über diese Marke hinauszugehen, nur soll, wie ich meine, lieber ein eng gestecktes Ziel überschritte,t werden als ein weiteres unerreicht bleiben. (Schlug folgt.) Uermischte und neueste Nachrichten. irr. Merlin. Die hiesige Rcpräsentantenversammlnng hatte in ihrer Sitzung vom 15. ds. Mts. darüber Beschluß zu fassen, ob an den zweiten — bekanntlich u i ch tbiblischen — Feiertagen jüdische Leichen auf Wunsch der Hinterbliebenen wie bisher vonr Sterbehause aus mit dem üblichen Conduct begraben werden dürften, oder ob dies — wie an den ersten Feiertagen — nur von der Leichenhalle aus geschehen solle. Nach längerer zum Theil recht unerguicklicher Debatte wurde Letzteres mit 14 gegen 5 Stimmen beschlossen — alb® '311 13EI2, wie von dem Referenten (Bankier Ruß, und den meisten Rednern betont wurde. Die ganze Frage hat im Grunde nur ein lokales Interesse für Berlin, weil daselbst der neue Friedhof so fern liegt, daß man der Leiche nicht gut zu Fuß folgen kann; sie wird aber von den orthodoxen Blättern aufgebauscht und von ihnen großer Sieg der Orthodoxie verkündet; die gegnerische Ansicht, ihr Vertreter Professor Or, Lazarus, wird von diesen Organen mit Hohn und Spott überschüttet: das eine derselben leistet folgende Expectoration: „Ja, Herr Professor, die schönen Tage von Aranjuez sind für Sie und Ihre Gesinnungsgenossen zu Ende, ein frischer religiöser Hauch durchweht jetzt die gesummte deutsche Judenheit, soweit sie überhaupt die Lehre befolgt, es ist eine Ernüchterung eingetreten, heute wird ein Mitglied einer Schulmännerversammlung, wenn er cs wagt, die Opfergesetze für „tobt und abgestorben" zu erklären, niedcrgeschrien, heute wird ein noch so gelahrter Professor, wcnit er den Talmud verhöhnt, mit einem „Oho,, begrüßt." So das Organ der „unverschämten" Orthodoxie; das der „verschämten" kanzelt den Herrn Professor in etwas anständigerem Tone ab, (Wir haben hierzu nur zu bemerken, daß Herr Professor Lazarus Mit Vorsitzender des D.-J. G.-B. ist! Red.)