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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-03-26 · N° 13. (26.3.1885) · p. Seite 99

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 13. (26.3.1885)
Date
1885-03-26
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
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— 99 — Gefühle der Verehrung erzeugen sollte, als wegwerfende Bezeichnung gebraucht. Wie es aber dem klugen Weibe gelingt, durch Sanftmuth, Nachgiebigkeit und liebevolle Behandlung, die rauhe Mannesnatur zu zähmen, ihn dahin zu bringen, keine» ihrer Wünsche zu versagen, anerkennend von den Vorzügen des Weibes zu sprechen, die dem Manne abgehen, und sie sich anzucignen, so wird der milde und liebevolle Charakter Israels die Völker bezwingen, ihre rauhen Seiten abzuschlcifcn und sich Achtung bei den Völker» zu erringen. Was der Dichter vom Weibe sagt im Gegensatz zum Manne, das können wir auf Israel im Berhältniß zu den Völkern anwendcn: Willst D» genau ersahren, was sich ziemt, So frage nur bei edlen Frauen an; Denn ihnen ist an, niciste» dran gelegen, Tag Alles wohl sich zieme, was geschiebl. Die Schicklichkeit umgiebl mit einer Mauer DaS zarte, leicht bewegliche Geschlecht. Wo Sittlichkeit regiert, regieren sie - Und >oo die Frechheit herrscht, da sind sie nichts. Und wirst Du die Geschlechicr beide fragen: ~ Rach Freiheit strebt der Mann, das Weib nach Sitte, Das muß der Feind zugeben, daß Israel zu allen Zeiten durch Sittlichkeit, heiligen Familiensinn sich vor anderen Nationen auszcichnet. TV- „Familie Jakobs" wird Israel genannt, weil im Hause der Jude den Schwerpunkt des sittlichen Lebens erkennt, Wie das Weib an dem Guten, das sie erfaßt, mit stetem Sinne festhält und nicht durch Klügeleien davon abzubringen ist, so hält Israel an seinem Glauben unerschütterlich fest und keine Macht ist im Stande, es von demselben abzubringen. „Ein Mann sagt der Dichter, der beste selbst, gewöhnt seinen Geist an Grausamkeit und macht auch zuletzt von dem, was er verabscheut, ein Gesetz, wird aus Gewohnheit hart und unkenntlich, allein ein Weib bleibt stät auf einem Sinn, den sie gefaßt, Du rechnest sicherer aus sie im Guten als im Bösen". Mitleid und Liebe, Gefühlsleben ist im Charakterzug Israels, wie des Weibes. Kann es uns dann Wunder nehmen, wenn ein edles Weib, trotzdem ihm Kraft und Stärke des Mannes abgehen, dennoch Siege sich rühmen kann, die weitreichender und dauernder sind, als die durch Macht erworbenen? Die milde Rede des Weibes, ihre anmuthige Bitte hat oft erlangt, was durch das Schwert nicht erzielt werden konnte, „Ich habe nichts als Worte" sagt Iphigenie zum Barbaren Thoas „und es ziemt einem edlen Manne, der Frauen Worte zit achten", und an einer andern Stelle „So stehe ich denn hier wehrlos gegen Dich? Die schöne Bitte, den anmuthigen Zweig in einer Fraucnhand, gewaltiger als Schwert und Waffe ftößest Du zurück". Und weiter: „die Stimme der Wahrheit und der Menschlichkeit. Es hört sie Jeder geboren unter jedem Himmel, dem des Lebens Quelle durch den Busen rein und ungehindert fließt?" Und er hat sic gehört der Barbar. Iphigenie besiegte durch ihre Klugheit, ihr Vertrauen und Wahrheitsliebe den barbarischen König, wie Ester den Sinn des Perserkönigs umstimmte. Es ist hiernach mehr als ein Bildniß, wenn ich sagte, die israelitische Allianz habe in der edlen Königin Ester ihr Vorbild. Sie wirkt still und bescheiden, wie das edle Weib, durch Wort und Fürbitte bei den Großen der Erde, den Gewaltthaten gegen die Juden Einhalt zu thun und sie hat Gehör gefunden. Auch die Klugheit hat sic Ester abgclernt. „Ester sprach nicht von ihrem Volke und ihrer Geburt." Auch die Allianz erklärt ausdrücklich, sie schließe Nationalität und Religion von ihren Zwecken aus, sie will Menschlichkeit, Gewissensfreiheit geachtet wissen. „Die Allianz", sagt der Bericht „nimmt die Hilfe Aller, zu welchen Glauben und zu welche» Ansichten sic sich bekennen mögen. Die Verwirklichung der Grundsätze, die sie vertheidigt, knüpft sich an die Verwirklichung aller wahren Grundsätze. „Wir iverden keine anderen Feinde haben, sagten die Gründer der Gesellschaft, als die Unterdrückung, keine andern Hilfstruppen, als die Ucberzeugung, kein anderes Banner als die Gerechtigkeit, kein anderes Ziel als die Ausbreitung der menschlichen Brüderlichkeit". Adolf Cremieux, der berühmte verehrte Präsident der Allianz, sagte in der Generalversammlung der Gesellschaft am 31. Mai 1864: „Alle unsere Brüder jeglichen Glaubens fordere ich auf, sich anzuschließen und diesem großen Werke Civilisation, der des ungeheueren Forschritts ihre Hilfe zu lechen. Mit welcher Freude würden wir sie aufiiehmen in unseren Bund. Als ich den glücklichen Gedanken hatte, die Israeliten der ganzen Welt aufzurufen, um den Christen des Libanon zu helfen, wie lebhaft, wie freudig antworteten Arme und Reiche durch Gaben und Geschenke! Auf! auf denn zur Bereinigung aller Bekenntnisse unter ein einziges Banner! Einigkeit und Fortschritt, das ist die Losung der Menschheit. Di- Allianz ist ein Humanitätsverein, er heißt nur darum israelitisch, weil die Israeliten am meisten ihres Glaubens wegen verfolgt werden, weil sie am meisten zu leiden habcne und weil die große Zahl der Mitglieder atis Israeliten besteht, und weil die Israeliten als solche nicht wie andere Religionsgenossen an den Regierungen von selbst Schutz erhalten". Ein anderes Beispiel das die Alliance sich an Ester genommen, ist das Wort Esters: „Gehe sammle alle Juden!" Die edle Frau, die Königin, erkannte, daß erst ihr Volk in sich geeint sei» müsse, wenn es Liebe und Anerkennung „von Seiten der Völker genießen will. Zwiespalt und Hader in Israels Mitte, kann nicht Friede und Eintracht bei Andern erzeugen. Darum heißt die Allianz die „allgemeine", sie solle alle Juden aller Länder, aller Richtungen einschließen, sie alle sollen einstehen für die Ehre des Judenthums, sic alle sollen der Unterdrückten sich anuchmcn, sic alle sollen sich bestreben ihren Brüdern zu helfen. Wenn die Völker sehen, daß die israelitische Nation als Mutter ihre Kinder mit gleicher Liebe umfaßt, ein warmes Herz für Alle hat, die durch Bande des Bluts mit ihr verbunden sind, dann werden auch sie nicht von ferne stehen, werden sie zu helfen bereit sein. Ja mit echt mütterlicher Liebe wie Ester für ihr Volk sorgte, um es aus dem Druck zu hebe», ist die israelitische Allianz darauf bedacht, durch Bildung, durch Gründung von Schulen den Cnlturstand der Juden in den Ländern, wo die Bildung noch nicht durchgedrungen, zu heben, sie an nützliche Thätigkeil zu gewöhnen, das Handwerk bei ihnen zu verbreiten. Wie Ester in steter Verbindung stand mit ihren unglücklichen Glaubensgenossen, nicht stolz auf ihre Stellung ist, sich ihnen nicht entzieht, wodurch der Muth des Volkes gehoben ward, so steht das Central-Comits, deren Mitglieder meist hervorragende Männer in ihren Staaten sind, mit den verschiedensten Comitä's und durch diese mit den einzelnen Mitgliedern in fortwährender Verbindung, berichtet über Alles, was den Brüdern begegnet, was schon ein Trost ist für die Leideitdcn, wenn sie ihr Herz ausschlltten können vor der Mutter, diese wird schon auf Mittel sinnen zur Besserung, das Bewußtsein des Mitgefühls, nicht allein zu stehen, ohne Theilnahme, ist schon ein Trost. Wie wir bei Ester mit der Hoffnung auf Erlangung des Zieles gleichzeitig durch erhöhte Anstrengung von seiten Hamans die Gefahr wachsen sehen und wir zwischen Furcht und Hoffnung schweben, so haben wohl durch die Erfolge der Allianc erschreckt, die Feinde der Juden und der Menschen eine so eifrige Thätigkeit an den Tag gelegt. Was sie sonst nicht gewagt, haben sie unternommen. Während früher die Lüge im Finstern schlich, tit die Ferne gehen inußtc, um nicht ertappt zu werden, hat sie es gewagt mit der frechen Blutanklagc am Hellen Tage vor dein gebildeten Europa aufzutreten. Aber das ist schon mehr ein Akt der Verzweiflung. Von allen Verstecken verjagt, will die Lüge es offen mit der Wahrheit aufnchmen, was ihren raschen Sturz bereitet, wie Hamans Sturz beschlossen ist in dem Momente, als er die lang beobachtete Scheu von sich werfend, beit Galgen für Mordcchai errichtet. Die in den letzten Jahren alle Scham

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