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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-03-26 · N° 13. (26.3.1885) · p. Seite 98

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 13. (26.3.1885)
Date
1885-03-26
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
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— 98 — Programm des Seder-Abend ist aber darauf berechnet, daß dieser als möglich angenommene Fall wirtlich und wahrschein l icherw ei se eintretc. Die Entwerfer der Haggodo haben auf die Erregung der Fragelust des Kindes großes Gewicht gelegt, und das verräth ihre hohe pädagogische Einsicht. Was hilft euch alle Belehrung, die ihr dem Kinde gebt, wenn das Kind kein Verlangcu darnach hat, wenn ihm das Interesse dafür fehlt? Es wird den Erfolg haben, wie wen» inan leiblich dem Magen Nahrung zuführt, ehe der Appetit vorhanden ist. Daraus kann nur Ueberdruß entstehen. Nur wo die Wißbegier, wo das Interesse vorausgeht, wird die Belehrung den Erfolg der Nahrung nach einem gesunden Hunger haben. Auf die Erregung des Interesses wurde daher alle inöglichc Mühe und Sorgfalt verwendet. Die Haggodo folgte darin nur dem Beispiele der alten Propheten, die, um ihre Aussprüche, Ermahnungen und Prophezeihungen recht eindringlich zu machen, die seltsamsten und oft recht mühseligen Seltsamkeiten vor den Augen des Volkes übten So z. B. lag Ezechiel vor einem symbolischen Modell von Jerusalem auf einer Seite 390 Tage und auf der andern 40 Tage, ohne sich in dieser Zeit umzudrehen und bei absonderlicher Nahrung lval. Ezechiel 4). Wenn so die Aufmerksamkeit und das Interesse lebhaft erregt war, konnte die daran sich anschließende Belehrung oder Ermahnung des tiefsten Eindrucks gewiß sein. Dasselbe war auch mit den Veranstaltungen des Sedcr-Abcnd beabsichtigt und ist auch erreicht worden. Darum verläßt auch die Erinnerung an die ersten beiden am Tische des frommen Vaters verlebten Pcssachabende noch den Greis nicht, wenn er auch längst diese alte fromme Sitte nicht mehr geübt Hütte. — Wir haben darin auch die Lösung für das Räthsel, warum in unscrer Zeit diese religiösen Uebungen nicht mehr den tiefen Eindruck auf das Kinderherz machen. — In frühem Zeiten war das Kind an die Uebcrzcugung gewöhnt, der Vater thue nichts, ohne seine Gründe dafür zu haben. Geschah etwas Seltsames, so fragte cs. Heute ist den Kindern nichts mehr auffallend: sie wissen, die Eltern thun gar Vieles ohne jeden Grund, aus purer Gewohnheit, weil deren Vater es auch so gemacht. Sie wissen, daß, selbst bei den sogen. Fromme», recht Vieles gedankenlos geschieht, nur damit cs geschehe. Es fühlt darum gar keinen Drang zu fragen, der Vater würde auch nur selten antworten können. Die religiösen Uebungen, wo sie noch nicht über Bord geworfen, sind eben leere Ceremonien. Ist es da zu verwundern, daß die Jugend ohne Interesse fürs Judenthum aufwüchst? — Das muß aber für die Schule ein Fingerzeig sein, wo sie den Hebel anzusetzen hat. Wenn ihr das Leben nicht mehr, wie früher, zu Hilfe kommt und das Herz des Kindes mit lebhaftem Interesse erfüllt, da muß die Schule auf Mittel und Wege bedacht sein, wie sie vor allem das Interesse erregt. Was hilft alle Belehrung, wo das Interesse fehlt? Wenn das Kind kein Interesse am Gegenstände hat, dann ist es gleich einem steinharten Acker, allen: Unterrichte gegenüber: ihr könnt darauf Saaten auf Saaten streuen, sie werden sich anhäufen, sie werden verwittern, verwesen, aber wachsen und Früchte tragen werden sie nicht. — -r.~T-* -i- Wenn irgendwo, so muß die jüdische Religionsschule auf Anwendung von Interesse bildenden Methoden b e d a ch t s e i n. mpttTTI, die Fragelust der Kinder muß rege sein, ihr Geist muß lebhaft mit den Gegenständen des Unterrichts beschäftigt sein — das können wir von der Pcßachhagoddo lernen. Haben wir so einen Hauptgrundsatz der Pädagog ik in der Pessach-Haggodo kennen gelernt, so wollen wir in einem folgenden Artikel die „vier Söhne" der Haggodo, die D'33 '1, die uns ja vier Typen, viererlei Charactere, vorfllhren, einer näheren Betrachtung unterziehen. Zum Jubiläum der Alliance Jsraelite Universelle.*) Das Zusammentreffen des Purimfestes mit der Jubelfeier der Alliance ist nicht nur begründet in der Aehnlichkcit der Erfolge der muthigc» That Esters und des namhaften Wirkens der Alliance — beide haben große Gefahr von den Juden abgcwendet, haben das EinheitSbewußtsein in der Judenhcit gestärkt — sondern auch in der Art des Wirkens der Allianz, welche Aehnlichkeit hat mit dem der Ester. Wenn unsere Weisen sage» 0037! bo ryiD “1DDS „Ester ist das Ende der Wunder", so wollen sie damit den Gedanken ausdrllcken, daß alle folgenden Rettungen aus der Gefahr nur durch ein Wirke» gleich dem der Ester hervorgehcn werden. Ester ist das Vorbild für alle folgenden Rettungen: Das Endziel der Geschichte, die Herrschaft der Brüderlichkeit und Eintracht unter den Menschen, die Vernichtung der Selbstsucht und des MenschenhaffeS, wird nicht durch Stärke und Kraft, die Eigenschaften des Mannes, sondern durch Liebe, Fürbitte, Ausharren, Charaktereigenschaften des Weibes, hcrbeigefllhrt werden. Die israelitische Allianz, deren 25 jährige Jubelfeier wir heute begehen, der die Juden so Großes verdankt, sie wirkt gleich der Königin Ester, ohne ausgerüstet zu sein mit Macht und Kraft, durch Fürsprache und Bitte bei den Großen und Mächtigen und ihre Bitte wird erhört, wie Ester Gehör fand beim König Ahasverus. Es ist dies nicht nur scheinbar zutreffend, es liegt bei genauem Eingehen eine tiefe Wahrheit in diesem Gedanken. Es wird unserem berühmten Staatsmann nachgesagt, er hätte behauptet, es gäbe Völker mit männlichem und solche mit weiblichem Charakter. Daß Israel im edelsten Sinne des Wortes einen weiblichen Charakter habe, wird man nicht leugnen können. Die Propheten vergleichen Israel mit einem treuen Weibe. „Ich gedenke Dir die Liebe meiner Jugend, die Zuneigung Deines Brautstandes, da Du nur nachwandelst im unbesäteu Lande". Unter der Geliebten im Hohenliedc, die von Liebe erglüht ist für den Auserwählten ihres Herzens, verstehen unsere Weisen — Israel. Und eignen nicht die Schicksale und die Tugenden Israels dem eines Weibes? Wie das weibliche das „schwache Geschlecht" genannt wird, so ist Israel daS schwächste unter den Nationen. Wie nicht selten ein treffliches Weib einer harten Behandlung von Seiten eines ungebildeten Mannes ausgcsetzt ist, so hat Israel Schweres von den Völkern zu tragen. Wie herrlich, glänzend, wie thatenreich ist die Geschichte der Culturvölker. Israels Geschichte ist eine Leidensgeschichte, wie des Weibes Schicksal im Verhültniß zu dem glänzendern des Mannes. „Wie eng gebunden ist des Weibes Glück! Schon cinein rauhen Gatten zu gehorchen ist Pflicht und Trost, wie elend, wenn sie gar ein feindlich Schicksal in die Ferne treibt". Wie die rohen Menschen, die edle Natur des Weibes verkennend, mit einer gewissen Geringschätzung vom Weibe sprechen, wo sie im Unrechte sind, so wird von den Ungebildeten das Wort Jude, welches die *) Aus einem Bortrage des Oberrabbiners Dr. Zackermandel in Trier.

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