Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 12. (19.3.1885)
- Date
- 1885-03-19
- Page
- Seite 94 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 94 — steheramt der Israeliten dortselbst zur Berichterstattung rcsp. zur Begutachtung vorgelegt werden wurde, so hat derselbe bei der letztgenannte» Behörde eine ausführliche Darlegung der Angelegenheit und der bezüglichen Nothlagc der israelitischen Lehrer cingereicht. Darauf ist ihm der folgende Bescheid geworden: „Auf ihre Eingabe vom 11. ds. Mts. eröffnen wir Ihnen folgendes: Ihre Annahme, als ob die Besetzung von erledigten Lehrerstellen den Gemeinden von dem Vorstehcramte ein Wahlrecht eingcränmt werde, oder gar, wie Sic sich ausdrücken, den Gemeinden ihr Willen gethan werde, ist durchaus unbegründet. Die Lehrer werden »ach wie vor auf den Vorschlag des Vorsteheramtes bestellt, welches letztere dabei alle in Betracht kommenden Verhältnisse Pflichtmäßig berücksichtigt. Wenn hierbei das Vvrsteheramt zuvor die Wünsche der Gemeinden hört, und soweit dies thunlich ist, berücksichtigt, so verstößt dies in keiner Weise gegen die gesetzlichen Bestimmungen und entspricht den Grundsätzen der Billigkeit namentlich in Gemeinden, welche keinen Zuschuß aus der Provinzialkasse erhalten, vielmehr die Kompetenz aus eigenen Mitteln aufbringe». Der Wunsch der Gemeinden gicbt aber niemals allein den Ausschlag, vielmehr Ist es stets das Bestreben des Vorstehcramtes gewesen, unter sonst gleichen Verhältnissen ältere und verdiente Lehrer vorzugsweise zu berücksichtigen. Ebensowenig kann aber unter mehreren Bewerbern Anciennität allein entscheide», da im Interesse des Volksschulunterrichts die Tüchtigkeit und die bisherige Führung der Bewerber in Betracht gezogen werden muß. Das Vorstcheramt muß sich Vorbehalte», in jedem einzelnen Fall »ach pflichtmäßigcm Ermessen und unter Berücksichtigung aller in Betracht kommende» Umstünde zu verfahren und kann deshalb Ihren Vorschlägen, die ohnedies praktisch nicht durchführbar sind, keine Folge geben. Kassel, am 28. Juli 1884. Vvrsteheramt der Israeliten (gez.) R i n a l d. (gez.) Hirsch." Ich enthalte mich vorsätzlich jeder Bemerkung zu diesem Bescheid, nur Vas eine möchte ich sagen, daß ich bei Empfang dieses Schreibens das Resultat unserer Petition an den Herrn Kultusminister voraussehen konnte. Die Antwort auf die Petition — an Herr» Gntkind in Kassel gerichtet und von diesem mir freundlichst mitgethciit — ist folgende: „Berlin, den 18. Dezember 1884. Auf das Gesuch vom 7. Juli d. I. wegen Berücksichtigung des Dienstaltcrs der Lehrer bei Besetzung der Lehrcrslellcn an jüdischen Schulen erwidere ich Ihnen, daß ich nach Anhörung der dortigen königlichen Regierung keine Veranlassung finde, das Verfahren derselben bei Besetzung der Schulstcllen an jüdischen Schulen zu ändern. Ich überlasse Ihnen, die übrigen Mitunterzeichner der Vorstellung hiervon in Kenntniß zu setzen. Im Aufträge: (gez.) Croix." Trotzdem finde ich unsere Lage nicht entmnthigcnd, ich glaube vielmehr, daß thatsächlich unsere Petition nicht ganz resultatlos gewesen ist (Fall B. in A.), und so wollen wir von der Zukunft und vom Wohlwollen unserer Behörden das Beste hoffen. A m r a m. Rußland. Merw — so erzählt der jüdische Correspondent eines russischen Blattes aus Transkaukasien — heißt das „untere Paradies", weil es rings von Wüsten umgeben ist. Mil diesen verglichen ist das armselige Gebiet ein Paradies. Gleich Merw ist darum auch die Festung Saraks, die rings 140 Werft Wüste hat. An beiden Orten fand ich Juden aus Persien und Afghanistan. Der Schochet in Merw stammt ausMeschhed (in Chorasan), wo vor 45 Jahren die Juden gezwungen worden sind, den Turban anzunchinen. Etwa 500 Familien wurden Scheinmohammedaner. Sie haben fast in jedem Hause einen Schochet, damit die Perser nicht sehen, daß sie den jüdischen Ritus halten. Mischehen kommen nicht vor, die Töchter verheirathen sie, wenn sie 9—10 Jahre alt sind und geben der persischen Sitte, welche ein Kaufgeld r die Eltern der Braut fordert, zuwider eine Mitgift. Den rcitag feiern natürlich Alle. An> Sabbath halten sich nur die mehr als Vierzigjährigen vom Geschäft zurück. Ihr religiöser Führer ist ein R. Mordechai, der zugleich der reichste Seidenfabrikant dort ist. Er soll mehrere Millionen besitzen. Ihn selbst habe ich nicht in seinem Hause angetroffen (er hatte eine Geschäftsreise nach H e r a t unternommen) aber sein Sohn »heilte mir mit, daß nur noch 150 Familien von Scheinmohammedanern jetzt dort leben. Die- Anderen haben sich unter dem Vorgeben der Meckafahrt nach und nach nach Palästina begeben. Die dort Wohnenden baden 6 Thorarollen und ein Talmudexemplar. Die Schule ist in der Synagoge. Doch lernen die Kinder nur hebräisch Lesen, jüdische Geschichte und die Vorschriften der Ichechita. Alle sind sie Kaufleute, außer 5, welche mohammedanische Geistliche sind. Vor 3 Jahren war ein palästinensischer Sendbote dort, der nicht weniger als 4000 Mark von dort mitgenommen hat. Palästina. Jerusalem. Ein Pariser Correspondent der „Hazephira" ironisirt die Thatcnlosigkeit des mit so vielem Wortgepränge in Kattowitz an's Licht getretenen Montesiore-Verbandes zur' Förderung des Ackerbaues unter den Inden reip. zur Unterstützung der jüdischen Colonicu in Palästina. Pessach Tikwa und Jessod Maaloh gehen unter, wenn ihnen nicht kräftig unter die Arme gegriffen ivird. Aber mehr als 8000 resp. 4000 M. hat der Verband bisher nicht gegeben und der Delcgirte, der Hinreisen sollte, ist noch nicht ernannt. So ist wieder die Saatzeit vorübergegaugen. Durch die Bemühung des Herrn Josua Stampfer ieincs Cvlonist ans Pessach Tikwah), der seit 3 Monaten in Paris und London von Pontius zu Pilatus läuft, hat sich das Mansionbouie- Comits entschlossen, für jeden Eoionisten 20 Pfv. (400 M.)> herzugcben und auch der „Memore-Montefiorc-Fvnd" bcricth, ob er nicht 1000 Pfund leisten soll. Auch Herr Erlanger will beitragen — so kann ja etwas werdet, — freilich kommbs sehr hoch zu stehen. Das merke» die einsichtigen Palästinafreunde wohl. Sie, deren Haupt Herr Michael Piucs in Jerusalem ist, betonen neben der Coloniengründnng, Handel, Gewerbe und Fabriken' Es ist seltsam, daß die jüdischen Uhrmacher, Schlosser und Holzarbeiter nicht reussirt haben, während die (christlichen) Templer mit denselben Handwerken Vermögen erwarben. Die Begründung, auf die wir gespannt sind, will die nächste Nummer des „Hazwi" bringen. — Der russische Archimandrit und der griechische Patriarch haben aus dem Oelberge den Grundstein für die Gebäude gelegt, welche die Russen dort errichten lassen. Mitte Februar wurden hier reife Weizcnähren vom Ostjordanlande gezeigt,, welche nach Succoth gesät worden sind. — Unser G-mcindelebcn krankt an Ueberflllle — zu viel Genieinden, in jeder Gemeinde zu viel Vereine, die alle die besten Ziele haben„ aber durch die zwerghafte Kleinheit nichts leisten, während sie ihren Zweck erfüllen würden, wenn sie die ga,ize Gemeinde umfaßt. Jerusalem. Es ist Pflicht, tnitzutheilen, daß Herr Baron Ustinoff in Jaffa ein nachahmungswerther Philantrop, namentlich gegen unsere armen Brüder, ist. In seiner eigetien Villa unterhält er ein Hospital für alle Confessionen, worin namentlich die Kranken der jüdisch-russischen Flüchtlinge Ausnahme und Gratisbchandlung finden. — Seine Gärten, ein ausgedehnter Park mit den schönsten seltensten Gewächsen des h. Landes, ist der bereitwilligst für alle Cvnfessivneir geöffnete Erholuugsplatz, am Sabbath für die Israeliten, wie Freitags für die moslamitischen Stadtbewohner und Sonntags für die dcutsch-würtleniberger Colonistc». — Er beschäftigt mit Vorliebe Israeliten; zur Zeit nieiuer Anwesenheit waren seine Gärtner wie seine Kutscher Israeliten, die natürlich streng religiös leben, denn jede Propaganda liegt dem Herrn Baron fern; nie würde er am Sabbath von seinen Bediensteten verbotene Arbeit verlangen oder dergl. Auch die jüdischen Bauern von Jl'Jtb und fflpn nr.E sind voll des Lobes über die Wohlthatcn dieses Menschenfrenndes. — . L. H.