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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-03-19 · N° 12. (19.3.1885) · p. Seite 95

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 12. (19.3.1885)
Date
1885-03-19
Page
Seite 95 (sequence 7)
Language
German
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— 95 — Nermischle und neueste Nachrichten. Magdeburg Der von Bismarck zum Legat'onsrath 'ernannte Or. Kayser stammt von arme» jüdischen Eltern in Breslau, woselbst er als sehr begabter Schüler rasch die Schule» durchmachte. Sein Onkel, der Pandektist Professor Or Jul. Baron, nahm sich seiner an und verschaffte ihm als jungen Assessor am Berliner Stadtgericht aus hohen Kreisen Schüler; zu diesen gehörte auch der zweite Sohn des Reichskanzlers, den er für das Assessor-Examen vorbereitete. K. wurde hierauf Staatsanwalt in Königsberg. I1/, Jahre auch Procurator in Straßburg i. E., dann Amtsrichter in Berlin. Hier wurde er bald zum Substituten de? Herrn v. Schclling im Justizministerium ernannt, und bei der Einführung der Unfallversicherung zum Viccprüsidcnten dieses Ressorts. Seit wenigen Wochen zum wirklichen Lcgationsrath ins auswärtige Ministerium berufen, weilt er in nächster Umgebung des Reichskanzlers, dcr ihn als tüchtige Kraft sehr schätzt. K.'S Mutter lebt noch als Jüdin. Man nimmt an. daß der Sohn auch noch dem Judenthum angehört. Rerkin Als in dcr Reichstagssitzung am 13 d. Mts. der klerikale Abgeordnete Rintclen die Aeußcrung that, daß 'die Eolonicn in Afrika nur für einige jüdische Großkauflcutc vortheilhaft seien, erividerte Fürst Bismarck u. A.: „Man sagt, die Eolonie» käme» nur den reichen Juden zu gute; aber Männer wie der jüdische Bankier Bieichröder seien doch auch Menschen und sogar Deutsche. (Letzteres hat dcr jüdische Bankier auch dadurch bekundet, daß er 150,000 Mark zur „Bismarckspende" gegeben.) Wikhekmsdorf (Westfalen). In der hiesigen Arbeitercolonic, Zufluchtsstätte für Heimath- und Arbeulvse, befinden sich 1468 Evangelische, 1132 Katholiken und 9 Israeliten. Hannover, 15. März. (Or.-Evrr.) Durch die Berufung dcs Herrn Or. Prager zum Landrabbiner in Cassel werden in unserer Gemeinde die beiven von demselben bisher verwalteten Stellen, die des Oberlehrers (Leiters) an der hiesigen Genreinde Religionsschule, sowie die des Direktors der Bildungs-Anstalt für jüdische Lehrer vacant werden. Die Ausschreibung wird demnächst erfolgen, und wirre möglichst baldige Besetzung erstrebt werden. Es soll, wie wir aus zuverlässiger Quelle hören, die Vereinigung beider Stellen rvicder in Aussicht genoinmen sein, um das Einkommen zu erhöhen und dadurch bereits bewährte und tüchtige Schulmänner zur Bewerbung zu veranlasse». Bon Seite des Königl. Prvvinzial-Schul-Cvllegiums dürfte, sofern geeignete Bewerber auftreten, die Zustiminung zu dieser Bereinigung zu erwarten sein. Danzig. Der wegen Verdachts der Ermordung des Knaben Ehbula seit längerer Zeit in Haft befindliche und seither in dem Gcfängniß zu Pr. Stargard intcrnirtc Fleischer Behrendt aus Skurcz wurde ani 9. d. hierher transportirt, wo er bis zu der Verhandlung des Processcs vor dem hiesigen Schwurgericht verbleiben soll. Mordhausen, 14. März. Im Anschlüsse an den Haftora-Vcrs: „Alles Volk im Lande soll die heilige Gabe darbriugen" (Ezechiel 45,16) hielt heute Herr Rabbiner Or. S. 48elbhaus eine Rede zum 25jährigen Jubiläum dcr Alliance Jsraslits Universelle, in welcher er zum Anschlüsse an dieselbe auffordcrtc. Ans Metz erhalten wir, kurz vor Rcdactionsschluß. die Trauerkundc von dem am 11. Mürz, Abends 10'/, Uhr erfolgten Ableben des Grand - 8i abbin vvn Lothringen Herrn I. B i g a r t im 56. Lebensjahre. Ehre seinem Andenken! Wien. Pater Greuter griff im Parlament die Wiener Universität an, weil sie zuviel „semitische" Professoren habe. Daraus hat der Unterrichtsminister K o n r a d unter dem wiederholten Beifall der Linken erwidert, daß bei der Ernennung der Professoren nur auf Lehrtüchtigkeit, wissenschaft¬ (5* liche Begabung und Würdigkeit gesehen werde, aber nicht auf die Confession. Wie«. Der Papst hat seine» Consens zur Trauung des jüd. Baron Popper mit der kathol. Braut nur unter der Bedingung gegeben, daß die Kiuder aus dieser Ehe in der katholischen Religion erzogen werden. Dcr Herr Baron hat sich dazu verpflichtet. So macht man Juden zu Propagandisten des Christenthums! Das ist ein Leib- und Seelenschachcr zugleich. Das Traurigste dabei ist, daß der Vater dieses baronisirenden Bräutigams, der alte Leopold von Popper, die Trauung in seinem Palais in Wien vornehmen lassen will. Dieser Herr v. Popper sen. war im verflossenen jüd.-ung. Cvngreß von der orthodoxen Partei zum 2. Viccprüsidenten gewählt worden wegen seiner — Orthodoxie. (Wie lautete doch die jüngst ausgegebene Parole unserer orthodoxen Blätter in Hannover und Mainz: „Orthodoxie" oder „Taufe" — hier haben sie Beides.) Wien, 12. März. Der Antisemitismus in Oesterreich scheint die Periode uneingeschränkter Hetzagitatio» hinter sich zu habeii. Wie dem „Pester Lloyd" gemeldet wird, ist den Polizeikommissariaten der Hauptstadt von der Vorgesetzten Behörde die stricte Weisung zugegangen, jede Versammlung, in welcher die Antiseinitcn ihre Verhetzungen gegen Mitbürger versuchen, sofort aufzulösen und die zur Propaganda bestimmten antisemitischen Druckschriften zu confiscren. Mest. Die vom Abgeordnetenhause mit großer Stimmenmehrheit angenommene Vertretung der jüd. Confession im Oberhausc ist von der vorberathenve» Commission des Oberhauses wieder gestrichen worden. Arünn, 16. März. In der heutigen Delegirten-Bersammlung wurde der Antrag betr. Errichtung eines Proseminars zur Ausbildung von Rcligionslehrern und Vorbildung von Rabbiner» angenommen. (Näheres in nächster Nr.) O. Krakau, 15. März. (Or.-Corr.) Gelegentlich der gestrigen Predigt im hiesigen Tempel widmete unser chrw. Rabbiner Or. Duschak der Pariser Alliance zu deren 25jährigem Jubiläum kräftige, iiihaltreiche Worte Mit der ihm eigenen schwungvollen fesselnden Sprache schilderte er ihre großartige Thätigkeit, erhabenen Ziele und die segensreichen Resultate während ihres Bestehens. Bei dieser Gelegenheit erlaubeii Sie mir, die Mittheilung in vor. Nr. bezüglich der Ernennung des Herrn Or. Duschak zum stellvertretenden Rabbiner der Großgemeinde dahin zu berichtigen, daß demselben vom Kultusvorstand das Trauungsrecht innerhalb der Tempeigemeinde eingeräumt wurde, (bisher mußte in Trauungsfällen stets eine schriftliche Ermächtigung des Rabbinats eingchvlt werden!>. Bis zur Anstellung eines Doktor-Rabbiners mit akademisch-theologischer Bildung dürfte es in unserer Großgemeinde leider noch lange Wege haben. Warschau. Der hiesige „Kuryer" meldet, daß die Dorsbehörden im Bezirke angewiesen sind, die auf dem Lande wohnenden ausländischen Juden der Regierung zu bezeichnen, da solche nicht länger als einen Monat geduldet werden sollen. — Dagegen ordnet eine generelle Verfügung des Unterrichtsmuiisters an, daß armenische, katholische, mohammedanische und jüdische Schüler der Volksschulen an den Hauptfesten ihres Glaubens vom Schulbesuch (bezw. Schreiben > entbunden seien! (Darin wäre also Rußland Preußen über.) Mew-Mork. Der hier erfolgte Tod des berühmten Musikers Or. D a m r o s ch ist ein besonders für Musikfreunde trauriges und betrübendes Ereigniß. Seine Leistungen für Gesang und Musik waren hier die großartigsten und erfolgreichsten. Er wurde in dcr Blüthe seiner Mannesk.aft vom Schauplatze seiner künstlerischen Thätigkeit abgerufen und hinterlüßt dcr trauernden Freunde und Bewunderer viele. (Damrosch war ein in Pose n geborener Jude, trat uie zu einer anderen Religion über, obwohl er mit denr Judenthunie sehr ivenig Verkehr gepflogen.)

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