Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 12. (19.3.1885)
- Date
- 1885-03-19
- Page
- Seite 91 (sequence 3)
- Language
- German
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— 91 — versteht genügend hebräisch, um durch den Gottesdienst im Innersten bewegt zu werden. Die klebrigen lesen die Uebersetzungen der Gebete, ermüden aber gewöhnlich sehr bald, weil ihnen, aus Unkenntniß des Hebräischen,*) gleichsam die Verbindungssüdcn fehlen mit dem Bortrage des Vorbeters; der Rest liest selbst nicht einmal die Uebcrsetzungen. Daß deutsche Gebete ein Bedllriniß sind, wird durch die große Zahl derjenige» bewiesen, die gewöhnlich nur deutsch beten, wenn sie zu Hause sind. Sv und in ähnlicher Weise sprechen also diejenige», welche den Gottesdienst nur in deutscher Sprache ausgeübt tvissen wollen, und man wird zugeben müssen, daß darin manches Wahre liegt, Alle diese Argumente genügen jedoch nicht, um die hebräische Sprache gänzlich aus den Gebeten zu verdrängen. Das Richtige ist, wie fast immer, anch hier in der Mitte zwischen beiden Extremen zu suchen: das Hebräische darf nie a n s d c m G c b e t b u ch c verschwinden, aber die wichtigsten Gebete müßten in die allgemein verständliche deutsche Sprache übertragen werden, damit sie aiich den des Hebräischen Unkundigen verständlich seien. Wir erinnern daran, daß schon im -talmnbifdjcn Zeitalter es üblich war. gewisse Gebete in der damaligen Umgangssprache zu sagen. wie sich solche ja bis aus unsere Tage erhalten habe», z. B. in dein Kaddisclp Gebete, Jckum- Pnrkan u. a., welche entweder ganz oder thcilweisc im Aramäischen abgcsaßt sind, der Umgangssprache jener Zeit. Eure noch merkwürdigere Conccssion an die Unwissenheit des Volkes im Hebräischen war die Sitte, den Wochenabschnitt des Gesetzes vermittelst des Mcturgeman in dis volksthümliche Sprache z» übersetzen. Der Vortrag gewisser Gebete in der Muttersprache ist außerdem ausdrücklich durch den Talmud und spätere rabbinische Autoritäten sanctionirt. Das Sch'ma besonders durfte in der Sprache gesagt werdeii, die nni besten verstanden tvnrde, und dies galt auch kür die Schemone Esreh, das Tischgebet u. a. Der Schulchan Arnch geht sogar soweit, daß er jede Sprache gestattet. welche der Beter anwenden ivill. Also eine t heil weise Ablösung des Hebräischen im Gvttesdiciiste durch das Deutsche ist die Forderung, die für Deutschland geltend zu machen ist, und die sich imnier mehr als unabweisbar Herausstellen wird. Der Gedanke, dem die Einführung der dcutscheii Predigt zu Grunde lag. darf in der weiteren Conscquenz der Einführung einiger deutschen Gebete neben dem Grundstock hebräischer nichts Abschreckendes haben. Wir sind überzeugt,**) daß die Synagogen mehr gefüllt sein werden, und daß die Andacht eine ungetheiltcre und würdigere sein wird, wenn einige Gebete in deutscher Sprache cingcführt werden. Erwägen wir nur. daß eines der bedeutsamsten Hilfsmittel für die Reformation Luthers ohne Zweifel der Umstand gewesen ist, daß er die für das Volk unverständliche lateinische Sprache aus der Kirche entfernte und dafür die deutsche Landessprache in die Gebete eingeftthrt hat. Wir mögen als Juden über die Reformation denken, wie wir wollen, cs läßt sich nicht bestreiten, daß sie, im Gegensatz zu den streng katholischen Ländern, auf die Befreiung der Geister in Deutschland einen gewaltigen Einfluß ausgeübt hat.***) *) „Stils Unke 11 nlnifj desHcbrätsche »!" — mit diese»Bönen hat der gejch. Einsender des obigen Artikels — dem wir das freie Wori in dieser wichtigen Frage cinränniten, ohne deshalb seine Ansichten darüber in allen Punkten zu theitc». ebensowenig wie dies bezüglich all'der in der Artikelserie: „Auch Gedanken eines Jude»" niedcrgelegtcn unsererseits der Fatt war — den eigcnllichcn wunden Fleck berührt: hier inusi der Hebel angesept werden, wenn der Gottesdienst fruchtbar gemacht werden soll. „Ohne Verständnis! keine Andacht, and ohne Andacht kein Gebet", sagen auch wir. darnm möge die schule dafür sorgen, daß ein Geschlecht heraiiwachsc, welches die hebr. Gebete verstehe. Für Eajualsälle mögen dcntschc Gebete, hie und da auch deutsche Lieder, eingeschaltet werden, wie es ja in vielen Geineinden bereits der Fall ist. (Red., ■ Wir nicht: das deutsche Gebet allein thnls nicht, (ilied.i **'i!2pV‘ p?“ nPKS — die Befreiung derjüdische„ Geister kann nur durch Pellicjnng in die eigenen Rcligivnsqnellen bewirkt werden. „Mein Volk irrt umher ausMaugei an Wissen!" (3rj.f>,13.)(9icb.) Berichte und Correspondenxen. Deutschland. Magdeburg. Aus Graz wir telcgraphirt, daß daselbst Dr. Augustus Briemauus wegen Betrügereien und Heiraths-Schwiudcleien verhaftet wurde. Briemanus, rsats Abraham Bricman», ist ein Sohn jüdischer Eltern aus Rumänien und besitzt in Buczacz Weib und Kinder. Er war früher orthodoxer Rabbiuats-Kandidat in Berlin, betrog Herr» Rabbiner Dr. Hildesheimer, wurde von einem Pastor zum Protestantismus bekehrt, und trat dann in Paderborn zum Kat h o li ci s m us über. Briemann ist bekanntlich, wie wir in Nr. 19 des „Jlld. Familienblatts" — wohl zuerst unter allen Blättern — ermittelt, identisch mit dem berüchtigten Dr. Justus — lucus a non lucendo! — dem geheimen talmudischeu Orakel Rohlings: sein von Jrrthllmeru strotzender „Judenspicgcl" war für die Professoren Gildemeistcr in Bonn und Dr. Ecker in Münster die lautere Quelle, ans der sic talmudiiche Weisheit schöpften, die Brille, durch die sie den „Schulchan Aruch" betrachteten. Die Nemesis hat den Betrüger und Fälscher nun ereilt: über „Justus" kommt die „Justitia"! Aus Waiern, 7. Mürz. Was Ihr geschützter Eorrcsp. in vor. Nr. über den Geist wahrer Toleranz, der in unserem Königreiche i» Eultusu. Schulnugelcgcnheilen herrscht, schrieb: findet seine volle Bestätigung in einer Verfügung, welche die Köuigl. Regierung von Unterfranken vor wenigen Tagen erlassen hat. Bisher bestand in Baicru der Brauch, daß israelitischen Schülern im Allgemeinen eine Befreiung vom Besuche der Volksschulen an Sabbathcn zwar nicht eingeräumt wurde, aber auch der Besuch der Synagoge nicht beanstandet war. Das führte vielfach zu Mißverständnissen, und es ist daher jetzt verfügt worden, „daß den israelitischen Schülern an Sabbalheu Dispens vom Volksschulunterricht crthcilt werde» müsse für die Zeit des SabbathgvlleSdienstes, sowie für die Zeit, welche nothweudig ist. um zur Synagoge zu gelangen und von ihr zurück zu kehren, gleichviel, ob dieselbe in einem benachbarten oder im Tchulvrte sich befinde. Solchermaßen wird der auch den Juden eingeräumten Gewissensfreiheit bei uns Rechnung getragen. Die Frage, ob nach mosaischen Vorschriften Knaben unter 13 Jahren der Besuch des Gottesdienstes geboten ist oder nicht, haben die staatlichen 'Schulbehörden nicht zu untersuchen. — Eine ähnliche Praxis besteht für die Schüler der höheren löuigkichen Lehranstalten (Realschulen, Realgymnasien, Lateinschulen und humanistische Gymnasien) seit Langem schon. Aus Wammern, 13. März. (Or.-Eorr.) Mit Bezugnahme auf die Correspondcuzen Stettin und Brakel in Nr. 10 und 11 Ihrer geschätzten Zeitschrift benachrichtige ich Sie zunächst ergebenst, daß die augenblickliche Noth der verwaisten Familie Eppstein in Greifenberg in Pommern durch ein zwischen den Gemeindevrganen daselbst und dem Rabbiner Dr. Goldschmidt in Colberg getroffenes Abkommen vorläufig beseitigt ist. Auch hat der D.-J. G.-B. die Zusicherung gegeben, daß er nach Hrn. Dr. G.'s Antrag die Familie nach Kräften unterstützen wolle. Um die Existenz der Familie Eppcnstein jedoch dauernd zu sichern, wird freilich neben der freudigen Opferwilligkcit der Gemeinde Greifenberg, die alle Anerkennung verdient, auch ein Appell au die öffentliche Wohlthätigkcit gerichtet werden müssen, wozu ein Coinits aus 12 Personen in Verbindung mit dem Gemeinde-Vorstand in Greifcnberg bereits zusammengetrcteu ist. Die Hauptsache aber ist und bleibt, daß von den sechs Waisen mindestens drei entweder in Waise»-Erziehungs-Anstalten oder durch Adoption in Fanülicn uütergebracht werden, weil sonst die Möglichkeit gar nicht abzuscheu ist. wie die Familie Eppstein genügend versorgt werden könne. jWir lenken die öffentliche Aufmerksamkeit ganz besonders auf diesen Punkt.) Zur Ergänzung der Mittheilung unter „Berlin" in voriger Nr. kann noch mitgetheilt werden, daß Herr Jacob Israel auch das Colberger Kurhospital mit einer Schenkung