Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 12. (19.3.1885)
- Date
- 1885-03-19
- Page
- Seite 90 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 90 „Wollte man eine Untersuchung cinleiten, so würde man finden, daß nicht die Juden, sondern die Rumänen die Verfolgten sind," — Hierauf ergriff der Minister des Aeußeren, Herr Campineanu, das Wort zu folgender Erwiderung! „Wenn fremde Journale und leider auch einheimische, ihre Mission darin erblicken, nicht etwa die Regierung —■ sondern das ganze Land auzuschwärzen, welche Haltung sollen wir eiuuehmen, um den durch die Presse ausgestrcuten Verleumdungen die Spitze abzubrcchen? Wir können in diesem Falle gar nichts andcres thun, als uns ebenfalls der Publicität bedienen und dies wird auch sicherlich geschehen. Lassen Sic uns daher die Interpellation des Herrn Ghcrgcl als das betrachten, was sie wohl sein soll, als Ausdruck der Mißbilligung Seitens des Senatcs bezüglich der gegeip das Land erhobenen Verleumdungen, Verweilen Sie jevoch nicht länger bei diesem Gegenstände, der uns nichts Gutes bringen kann*) und gehen wir lieber zur Tagesordnung über". Der Senat nahm diesen Antrag an, — (Warum hat der Herr Minister die vorgebrachten Thatsachen nicht widerlegt? Sic „Verleumdungen" nennen, damit ist cs nicht abgethan, man muß dies zu beweisen suchen, daun wird die Presse gern und aus freien Stücken davon Act nehmen. Aber „Uebcrgang zur Tagesordnung" ist in diesem Falle gleichbedeutend mit — Zugeständnis!, Red,) II, Ein junger rumänischer Advokat Namens Constantiu C. Mille, hielt kürzlich in Bukarest einen öffentlichen Vortrag, welcher die „Judcnfragc" zum Gegenstand hatte und reproducircn wir daraus einige Stellen als erfreulichen Beweis, daß sich auch hier — allerdings selten genug — mitunter eine Stimme zu Gunsten der Israeliten erhebt und gleichzeitig die Thatsache, daß dieselben unterdrückt seien, anerkennt, Zur näheren Kennzeichnung des Standpunktes, welchen der Vortragende einnimmt, bemerken wir, daß derselbe einer socialistischen Fraktion angehört, Herr Mille sagte unter Anderem Folgendes: „Obgleich es für einen Rumänen kein Leichtes ist, die Judenfrage vorurthcilsfrei zu behandeln, weil wir den Judenhaß gewissermaßen nüt der Muttermilch eingesogen haben, so will ich cs nichtsdestoweniger doch versuchen, diese Frage so darzulcgen, wie sie sich thatsächkich verhält. Wir unterscheiden bei den Juden, sowie bei allen Nationen, zwei Klasse»: die der Bourgeoisie und der Arbeitenden, will sage»: eine dominirende und dominirtc; die erster« bekämpfe ich, die letztere nehme ich in Schutz, Die rumänische Bourgeoisie gewahrte eines Tages, daß sie von der jüdischen, welche aufgeweckter, weniger scrupulös und unternehmender ist, überflügelt werde und um sich nicht den Rang ablaufeu zu lassen, schlug sic Lärm, veranlaßte die Ergreifung von allerlei gesetzlichen und ungesetzlichen Maßregeln gegen ihre angeblichen Feinde und dahinter verbarg sich im Grunde genommen nichts anderes, als die Furcht materiell geschädigt zu werden. Bezeichnend ist cs, daß an diesem Windmühlenkampfe die rumänische Arbeiterklasse sich nicht betheiligte. Es ist dies ein Beweis, daß zivischer dieser und den jüdischen Arbeitern gewisse gemeinsame Interessen bestehen und es wäre auch zum Vortheile Beider, Hand in Hand zu gehen, weil es dein Lande an Arbeitskraft gebricht und somit von einer gegenseitigen Eoncurrenz nicht die Rede seid kann. Weshalb sollen wir also die unglücklichen Juden anfeiuden, die doch nichts anderes wollen, als ein Stück Brod verdienen, denn der Mage., des Juden verspürt ebensosehr de» Hunger wie der des Rumänen, Die rumänische Bourgeoisie sucht dem Volke den Glauben beizubringen, daß an allen vorhandenen Uebeln nur der Jude die Schuld trage, um sich dadurch zur allein dominirendcn Klasse aufzuschwingen; sie fährt unausgesetzt fort, die rumänische» und jüdischen Arbeiter gegenseitig zu verhetzen, um in Folge der dadurch entstchcuden Concurrcnz, Beide besser *) Wenn bcr Herr Minister das cinsieht, warnm sorgt er nicht für Abbestellung der Uebcl, im Interesse der Ehre seines Landes? ausbeuteu ztl können. Was soll nun mit den im Lande vorhandenen Juden geschehen? Sollen wir sic ausweisen, hängen, oder sic vielleicht gar eutmanncn, um ihre Vermehrung hintauzuhalten? Da keine dieser Maßregeln angewcndct werden kann und darf, so uillsscn wir doch auf einen inockus vivendi bedacht sein. Die Sociakisten haben einen solchen gesunde». Bevor ich näher darauf cingche, ist es wichtig, die Logik der rumänischen Bourgeoisie in ihrem antisemitischen Kampfe kenne» zu lernen. Sie behauptet, der Jude bleibe Jude und könne sich nicht assimiliren. Aber an wem liegt die Schuld? Als Kind schon steht der Juöc außerhalb des Gesetzes, in der Schule ist er der Sündenbock aller seiner christlichen Kameraden und als Manu geht es ihm nicht besser, Romauisirt er seinen Namen, so lächelt man verächtlich; spricht er ausschließlich die rumänische Sprache, so moquirt man sich über ihn; wechselt er gar die Religion, so nennt man ihn einen „getauften Juden", kurz, er möge thun, was er wolle, mau ucuut ihn immer nur den Juden, Unter diesen Umständen ist cs nur natürlich, daß dieselben sich enger aueiuaudcrschließeu und eine abgesonderte Klasse bilden müssen, weil mau sie dazu zwingt. Wenn wir dagegen dem Juden brüderlich die Hand reichen, ihn uns gleich achten, ihn an unseren Känrpfcn gegen die Unterdrücker Theil »chinen lassen würden, so müßte er nothwendiger Weise aufhörcu das zu sein, was er heute ist, da er in uns seine Widersacher erblickt und wir besäßen au ihm sicherlich einen treuen Verbündeten", (Beherzigcnswcrthe Worte!) Nachschrift: Noch eine Stimme zu Gunsten der Juden, — Ein hier erscheinendes Blatt erzählte den Fall, daß eine Jüdin auf offener Straße sterbend zusammenbrach und fügte hinzu, daß, wenn cs allen in Rumänien befindlichen Juden so erginge, cs schon der Mühe werth wäre, für dieselbe» eine Messe lesen zu lassen. Darauf erwiderte ein anderes Organ „Drepturile ouuilui" (vie Menschenrechte) Folgendes: „Wen» Euer Patriotismus darin besteht, die Vernichtung eines Volkes zu wünschen, weshalb schreit Ihr gegen die Ungarn, die doch den Rumänen jedenfalls weit weniger Schlechtes wünschen als Ihr den Juden, Ihr haltet Euch für Patrioten, weil Ihr die Vernichtung der Jude» hcrbeisehut; ist dann nach Dtefer Logik der Ungar nicht auch ein Patriot, wenn er die Magyarisiruug der Rumänen wünscht? Weshalb respectirt Ihr in Andere» nicht dasjenige Gefühl, welches Euch selbst innewohnt?" Ueber den Gebrauch des Hebräische» beim Gottesdienste.*) Von Dr. S. Schiebet in Lissa, _ (Schtnsi ) Auf der anderen «eite wird nun aber hcrvorgehobcn, daß, so lange deutsche Gebete aus der Synagoge ausgeschlossen sind, bei den Meiste» eine ivirkliche Andacht nicht vorhanden sein kann. Es sei ungereimt und thörichl, daß Leute eine Anzahl von Stelle» aus dem Gebetbuche hersagen sollen in einer Sprache, die sie nicht verstehen, und daß man dies daun ein „Gebet" »cnucn soll. Auf die geistigen Bedürfnisse der Tempelbesucher müßte die erste und höchste Rücksicht genommen werden. Hm>derte hungriger Seelen schreien nach Brod, und man giebt ihnen einen — Stein, Sie wollen andächtig fühlen, wollen erhoben sein in die höheren Regionen religiöser Begeisterung; statt dessen werden sie an die Erde gekettet durch die Fesseln alter Gewohnheiten u, Bräuche, Die Menschen gehe» »ach der Synagoge zur Verehrung Gottes; wenn sie dort müßig, unaufmerksam und gelangweilt sitzen, so ist der Zweck, um dessentwillcu sic hingegangeu sind, verloren, Der Gottesdienst läßt sie kalt und uiacht keinen Eindruck auf ihr Gcmüth; sic denken an die gewöhnlichster weltlichen Dinge und sprechen davon init einander, Rur ein sehr geringer Theil derjenigen, die zur Shnagoge gehen, *) In vor. Nummer tmift das erste Avrt auf S. 63 „keinen" (statt einen) Heiszen.