Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 11. (12.3.1885)
- Date
- 1885-03-12
- Page
- Seite 85 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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nicht eher, als bis er das große Werk, die Gründung der alle Inden der Erde umfassenden Alliance zu Stande gebracht. Redner bezcichnete die hohen Ziele, die sich die Alliance gesteckt, an deren Verwirklichung sic mit unausgesetztem Eifer arbeite. Er ging alsdann auf die Mittel über, deren sie sich zur Erreichung dieser Ziele bediene, skizzirte die Leistungen der Alliance während ihres 25 jährigen Bestehens und vcrlocilte bei den zahlreichen der Lösung noch harrende» Aufgaben, Diese seiet, nur erfüllbar, wenn sich die gegenwärtige Milgliederzahl von etwas über 30,000 noch mindestens verdreifachte, Herr Dr, Tietz schloß mit einem begeisterten Appell an alle diejenigen, die noch nicht dem Bunde angehöre», doch baldigst beizutrcten, Nach der Rede trug Herr T, das von ihm zu Ehren der Allia,icc verfaßte und in Nr 0 des „Jüd, Familienblaltes" abgedrucktc Festgedicht vor, Sotvohl die Festrede wie das Festgedicht wurden mit enthnsiastischem Beifall anfgcnommen und reicher Applaus lohnte den Redner, Scho» andern Tags schlossen sich mehrere neue Mitglieder der Alliance an und stehen noch weitere Meldungen in Aussicht, tAuch hier in Magdeburg wurde Sonnabend Abend vor der Megillah über die Bedeutung und Wirksamkeit der Alliance gepredigt und zu zahlreicherem Anschluß an dieselbe anfgcsorderl. iRed.) 8 Bayer». Es kann nicht genug rühmend hervorgehoben werden, daß in Bayern der Antisc,nitismns keine Wurzel fassen koiititc, weil man eben höher» Orts diese Giftpflanze nicht anfkommen lassen wollte. Wer von dem Geiste wahrer Toleranz beseelt ist und die Stimme der Menschlichkeit noch nicht in sich erstickt hat, der kann unmöglich antisemitische» Neigungen fröhnen. Ja, Bayern gebührt das Verdienst, daß cs das Prinzip wahrer Parität, die sich auch auf Juden erstreckt, zuerst in Anwendung gebracht hat. Mir fällt bei dieser Gelegenheit ein köstliches Dictum Börnc's ein: „Dumme Leute habe» das Glück und die Franzosen sind dumm. Denk' Dir nun, liebes Kind, dieses Volk ist noch so ungebildet, daß es nicht einmal Zünfte und eine Ccnsur hat, so roh, daß unter ihnen Leute ohne alle Herkunft Minister werde» können, so dumm / daß sic die wichtigsten Processc öffentlich verhandeln, eine Jury haben und sogar — ich lüge nicht, Mädchen — Inden mit Bürgerrechten," Den Grundsatz der Parität finden wir z, B, in dem königl, protestantischen Seminar zu Kaiserslautern vertreten. In dem Lchrercollegium dieses Seminars, das atigeublicklich von 5 jüdischen Zöglingen besucht wird, hat der Bezirksrabbincr — jetzt Herr Dr. W, L andsbcrg — Sitz und Stimme und hot über Alles initzuberathcn. Der Religio,isnntcrricht, der hier obligatorisch ich, wird in 4 wöchentlichen Stunden ertheilt und zwar in systematischer Religionslehre, in Bibel resp. Pentateuch mit Raschi und eingehender Grammatik, in Gebetbuch und! Machsor, in den für den Cantor nothwendigcn Dinim aus dem Kizzur Schulchan Aruch und schließlich in bibl, resp, jüdischer Geschichte, Wir sind der Ilebcrzeugung, daß Dr. Landsbcrg bei feinem pädagogischen Eifer trotz der wenigen 'stunden die jllvischen Zöglinge tüchtig weiterfördern und zum Selbststudium anregen tvird. Wir müssen bekennen, wenn in allen Scminarien ein solcher Geist wie im Seminar zu Kaiserslautern herrschen würde, dann brauchte man sich nicht mehr für spezifisch jüdische Seminarien besonders zu erwärmen, zumal an christlichen Seminare für pädagogische Ausbildung der Zöglinge mehr geschieht als an jüdischen, wo das Interesse für die pädagogische Wissenschaft mehr oder weniger^ problematischer Natur ist. Wo giebt es ein christliches Seminar, in detii nicht der Dircctor den Unterricht in der Pädagogik und deren Hilfswissenschaften crtheilte? Ganz naturgemäß muß dieser Unterricht in der Hand des Direktors liegen. Wer kann die Zöglinge für den Lehr erb er uf begeistern, der keine Ahnung von der Pädagogik hat, mit bloßen Phrase» ist da nichts gcthan, — Schließlich müssen wir noch aus den Jahresbericht über die Verwaltung des Fonds für unbemittelte israelitische Zöglinge an dem Seminar zu Kaiserslautern für das Jahr 1884 znrllckkommen und wollen nicht verfehlen unsere Glaubensgenossen besonders in Bayern aus diesen Fonds aufmerksam zu machen, der augenblicklich ein Vermögen von Mark 656,66 aufweist. An Stipendien wurden in dem Jahre 1883 Mark 141 verausgabt. Aus Württemberg, 6. März, (Or.-Corr.) Nach der Statistik des UnterrichtSwescn in Württemberg beträgt die Zahl der israel Schullehrerstellen unter der evangelischen Oberjchulbchörde 17, wovon zur Zeit 1l definitiv und 6 mit Schulamtsverwescrn besetzt sind, unter der katholischen Oberschulbchörde 12; die weiteren 20 israel, Lehrer sind Vorsänger, d, h, Religionslehrer, und stehe» unter der Aufsicht der Königl, Israel, Oberkirchenbehörde, — Aus Anlaß des Geburtsfestes Sr, Mas, des Königs Karl, zu dessen Feier in den Synagoge» Fcstgottesdienst nnd über den hierzu bestimnrten Text (Ps. 68,20) abgehalten ivordcn, wurde der Assessor Dr. Nathan S ch m a l bei der K, Jsr, Obcrkirchenbehörde zum Regicrnngsrath ernannt. Bezugnehmend auf den Artikel „Aus der Praxis" (Wochenschrift 1884, Nr. 49) theile ich Ihnen init, daß laut Anordnung der Jsr, Oberkirchenbehörd,' in der Sabbathliturgie während der Reichstagssession bei unS das Gebet eingeschaltet wird: „Die Vertreter des Deutschen Reichs, die an seinem Throne zur Bcrathung des Gemeinwohls sich versammelt haben, unterstütze Du in Deiner Gnade mit Deinem Geiste, tenr Geiste der Einsicht und Weisheit, daß sic das Beste wählen und beschließen und das Glück und Heil des Vaterlandes fördern", Frankreich. "Naris, In der Furore machenden Schrift des Grafe» Herisson: Journal eines Ordonanzoffiziers (Paris Ollendors 1885), in welcher die Ereignisse vom Juli 1870 bis zum Februar 1871 eine neue, eigenartige Beleuchtung erfahren, wird auch erzählt, wie aufgebracht der Reichskanzler v, Bismarck, sich über die Aufnahine deS Hauptquartiers in dem Rothschild gehörenden Ferriöres ausgesprochen hat. Als Sauce gab der Kanzler dabei zum Besten, wie der Großvater Amschel aus einem kleinen Juden ein großer geworden ist, Dank dem Kurfürsten von Hessen, Er nannte ihn mehrfach „der Hofjude", um ihn als aus der Stufe eines polnischen Faktors stehend zu bezeichnen, Herr v, B, erzählte mir, daß man sich über die den Deutschen in Ferrisreö geworden » Aufnahme sehr zu beklagen habe. Freilich trug, nach ihm, der Intendant deS Baron R. daran mehr Schuld, als der Baron selbst. Aber, meinte er, wie der Herr, so der Diener. Das gab ihm einen Anlaß, zu erzählen, wie sehr man in Deutschland die Juden hasse und verachte, und wie die gute Gesellschaft sic sich vom Halse halte. Mir war cs unmöglich iym auf dieses Gebiet zu folgen und ich berichtete ihm, daß wir in Frankreich zur Zeit nicht diesen Widerwillen empfinden. Er nrüßte übrigens wohl einsehen, daß ich seine Gesinnung nicht theilen konnte, und daß ich als französischer Offizier um so mehr geneigt war, den Muth des Baron R. zu bewundern, als er damit nrehr riskirte als viele Andere. Es ist ja möglich, daß der Großvater Amschel das Geld sehr geliebt hat, (Was freilich nicht wahr ist. Daß er sein Leben in die Schanze schlug, um das Anvertraute zu retten, das hatte den „Hofjuden" in die Höhe gebracht R. d, W. Sch.) aber heute noch, nachdem viele Jahre seit diesem Gespräche dahin gegangen sind, muß ich'S betonen, daß die Enkel, bei aller Liebe zum Gelde, es nicht allein königlich, sondern auch geistvoll, wahrhaft künstlerisch auszngeben wissen, Graf H, betont, daß er erst neulich wieder Gelder für archäologische Untersuchungen von der jüdischen hohen Finanz erhalten hat. Rumänien. Aukarest, Marocco ist lange nicht so schlimm, wie Rumänien, Dort ist die Judenverfolgung nur ein Symptom der Angst vor der Entnationalisirnng durch eine europäische