Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 11. (12.3.1885)
- Date
- 1885-03-12
- Page
- Seite 84 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 84 — Moses de» Hinweis auf die höhere» Guter, Religiosität, Bilduug, Cultur, durch welche Amalek besiegt werde» kö»»e, Dor»»i gründe die Alliance Schule», um die Israeliten auf eine höhere Cnlturstuse zu hebe». Aber wie Moses Hände schlaff geworden wäre», wenn nicht Aron und Chur seine Hände gestützt hätten, so wäre auch die Alliance erschlafft, wenn sic nicht Unterstützung gefunden von Seiten der Lehrer und Gemeinden Israels durch Wort und Thal. Geistige Begabung, Frömmigkeit und LiebeSwerke (Moses, Aron und Chnri — diesen mit einander verbindctcn geistigen Mächten muff die rohe Gewalt und Hinterlist weichen. Mit einer kräftigen Aufforderung znm Beitritt zur Alliance schloff die von allgemeinem Beifall aufgcnommene Predigt. Am Abende versammelten sich auf Einladung des Local- ComitsS iäninttlichc Gemeindcmitglieder und auswärtige Gälte im grossen Kaufhaussaale, wo Herr Dr. Zuckcrmandcl einen längeren Vortrag über die Geschichte der Alliance und des Loeallv.rcins hielt und zu weiteren Beitrittserklärungen anfforderie. Die ansgclcgte Liste bedeckte sich mit 10 neuen Mitgliedern, so das; ivir hier jetzt 00 Mitglieder der Alliance habet,. Es folgten dann erheiternde Vorträge, musikalische Aufführungen. Bis nach Mitternacht waren die Fcstgcnvssen in heiterer Stimmung Es wurden auch mehrere Toaste ausgcbracht. Herr Lehrer Nuffbaum, der auch einen hnmori'tiichen geistreichen Vortrag gehalten, toastete aus dasCeniralnnd Loeal-Comirs, Herr Dr. Znckermandel auf den Gemeindcvoritand, Herr E. Rothschild ans die Gäste und die junge Welt, welche zur Unterhaltung ihr Möglichstes beigctragcn. Das schöne Fest ivird noch lange in der Erinnerung der Thcilnehmcr bleiben Wevelinghoven, 1. März, Heute feierte hier Frl, Sarah Li ff mann ihren 100. GeburlStag. Atn 1. März 1785 wurde dieselbe zu Gierath geboren, 45 Jahre hat sie als Dienstmädchen »nd späterhin als Haushälterin bei Herrn Bankier Fleck in Düsseldorf gewohnt. Jetzt in ihrem Alter hat sie Aufnahme und freundliche Pflege bei ihre» Bruderskindcrn, den Geschwistern Liffmann hier gefunden. Der königl, Landrath von Ocrtzen nebst Gemahlin, sowie die Notabel» veS Ortes waren erschienen, um dem Fräulein zum Beginn dcS neue» Säculums zn gratuliren. Bon allen Seiten, von Verwandten und Bekannten waren Glückwünsche und Geschenke gespendet worden. Die Nachbarschaft hatte ihre Häuser mit Fahnen und Kränzen geschmückt. Die Hundertjährige ist körperlich so rüstig, daff sie ohne Stock und sonstige Stütze treppauf und treppab wandern kann, Hamburg, 1. Mürz, (Or.-Corr.) Herr Professor Dr, Fels, Lehrer am hiesigen Johanneum hielt, jüngsten Donnerstag einen Vortrag im Verein -für jüdisch-wissenschaftliche Vorträge über „Juden in der englischen Dichtung", Nachdem Redner in seinen einleitenden Worten die Verwandtschaft zwischen Geschichte und Dichtung init mehreren Beispielen belegt hatte, begann er mit der Besprechung der Anfänge des Dramas, In den geistlichen Spielen, die vor der Verbannung der Juden aus England (1290) datiren, werden häufig Fabeln von der Schlechtigkeit der Juden erzählt. Im „Spiel vom hl, Sakrament" wird auch die Anklage, daß die Juden Christeukindcr schlachten, vorgebracht. Die Geistlichkeit kvunte in diesen Spielen ihren Haff an dem Judenvolk auslasscn und hatte in denselben ein Mittel, die Wuth des Volkes gegen die Juden zu entfachen. Auch in den Cauterburh-Geschichten Chorzcrs kehrt das Märchen vom Christkindschlachten wieder; jedoch scheint die Geivandung, in der sich das Märchen darbietet, darauf hinzudcutcn, daß bei Chozer die Fabel nur zum Spott über die Leichtgläubigkeit der Leute dient, (Bluffte doch noch Crsmieux von einem Thiers sich die Frage gefallen lassen: Sind Sic wirklich fest überzeugt, daff die Juden kein Christenblut gebrauchen?) Während der Verbannung der Juden aus England konnten sich uin so leichter falsche Legenden, die die schlechten Eigenschaften der Inden aus die Spitze trieben, verbreiten. Die Juden werde» als Ungeheuer dargestellt. Als Beispiele dienen Marlowc s Jude von Malta und Shakespeares Shylock, doch während dieser Charakter uns zwar Abscheu aber auch Mitleid cinflöfft, ekelt der Marlowe'schc Jude an, Robert Wilsons stellt in einem seiner Dramen den Juden in einem ehrenvollen Gegensatz zn einem christlichen Kaufmann, Dieser will Türke werden, iveil er sich dadurch vom Bezahle» seiner Schuld befreien kann, da aber der Jude ihm großmüthig die Summe schenkt, bleibt er bei seinem alten Glauben, obgleich er vorher von der Wahrheit des Islams überzeugt war. Während der Kämpfe Karls I. war das Theater geschlossen. In den Komödien unter Karl II, haben Inden lerne Rollen. Die Noblesse und Grandezza der spanischen Jude» mag hier vorthcilhast gewirkt haben Erst als im 18, Jahrhundert aus Deutschland und Pole» arme und schlecht gekleidete Juden nach England kamen, hatte das Schauspiel wieder eine Posscnfigur. So erscheint in Sheridans Lästcrschule der Jude, In angemessenerer Weise charakterisirt Cnmberland seinen „Juden" 1794, aber dieser ist auch nicht frei an häßlichen Acuffcrlichkeiten, seine sklavische Unterwürfigkeit und sein Jargon machen ihn lächerlich. In dieser Hinsicht hat Lcssing viel kühner und refvrmatorischcr gewirkt. Nachdem Redner Scotts Jvanhoe und die Romane Disracli's, Alroh und Conningsbh*) eingehend betrachtet hat, geht er zu Charles Dickens über. Dieser geniale Dichter läßt in einem seiner Romane einen Juden mit durchaus schlechtem Charakter austreten. Er wird auch in dem Stücke nie anders als der „Jude" genannt, obgleich er sich nie als Jude charakterisiert. Eine englische Danic macht Dickens Vorstellungen und D, hält es nicht unter seiner Würde, sich zu verthcidigen. Und wenn er von seinem srenndschastlichen Gefühl gegen das jüdische Volk spricht, so kann mau ihm glauben, macht es sich doch auch ui seiner Geschichte von England bemerkbar. Aber Dickens thut mehr. In seiner Dichtung „Unser gegenseitiger Freund" schildert er einen Juden als Beispiel jüdischer Ehrenhaftigkeit. Zum Schlüsse bespricht Redner die Romane der Eliot, Der Vortrag, der auf Vollständigkeit keinen Anspruch uiachte, gab ein klares Bild von beu Slömungen der öffentlichen Meinung und dem langsamen Forlschrciten der wahren Anschauungen über Juden und Judeuthum, Indem Redner aus den angeführten Werken geeignete Stellen vorlas, wußte er das Interesse an dem gediegenen Bortrag noch zu steigern, Schrimm, 1, März, (Or.-Corr.) Gestern Abend wurde hier das 25 jährige Jubiläum der Alliance im Saale des Herrn H, Sonntag in würdiger Weise gefeiert. Ein sehr zahlreiches Publikum, sowohl Damen wie Herren, hatten sich zu dieser erhabenen Festlichkeit cingcfunden. Der Localcomits-Präsident, Herr Dr. H. Tietz Hierselbst, hielt die Festrede, die sich ebenso durch gediegenen Inhalt, wie schwungvolle Dictioit auszcichnete. Der Redner zog eine Parallele zwischen dem Begründer des Purimsestes und demjenigen der Alliance und führte dieselbe in gelungenster Weise durch. Wie Mordechai, trotz (einet hohen politischen und socialen Stellung als erster Minister des persisch-medischen Reiches sein eifrigstes Streben darauf richtete, das Wohl seiner Stammesbrüder zu befördern und seiner Re d e Gewalt "lam) dazu benutzte, um zum Heile dieser und ihrer Nachkoinmen zu sprechen und ihnen die ihnen zustehenden Rechte und Freiheiten zu erkämpfen, dergestalt, daß ihn als ruhmgekrönten ersten Staatsdicuer noch das Epitheton „Jchudi" am herrlichsten schmückte, ebenso widmete Crämieux, der im Jahre 1848 zum Justizministcr und^Milgliede der provisorischen Regierung ernannt war, im Jahre 1870 nach der Gefangennahme Napoleons sogar an die Spitze der Regierung gestellt wurde und als solcher mit allen Fasern seines Seins seinem Vaterlande ergeben war, dennoch auch seinen weitreichenden Einfluß, sowie seine hiureißende Beredtsamkcit und hohe Intelligenz den Interessen seiner noch vielfach bedrückten jüdischen Brüder und ruhte *) Und „Tnncrcd" 7 (Sieb.)