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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-03-05 · N° 10. (5.3.1885) · p. Seite 78

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 10. (5.3.1885)
Date
1885-03-05
Page
Seite 78 (sequence 6)
Language
German
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geschwächter Aufmerksamkeit lauschten, fand am Schlüsse lebhaften Beifall. Arünn, 27. Februar. (Or.-Corr.) Das in der vorigen Nummer Ihres geschätzten Blattes erwähnte Project hat nun in so weit eine concretc Gestalt angenommen, als aus den hier weilenden Mitgliedern des Curatorinms des mährischjüdischen Landes-Massa-Fvnds ein Comits sich gebildet hat um die Frage der Errichtung eines Proseminars zu studieren, ehe man mit dem Project vor die General-Versammlung der Vertrauensmänner der mährischen Gemeinde» treten kann. Als Exporter sind von dem Comits hcraugczogcn worden: Rabbiner Dr. Placzck, Gemeinde-Seeretär Dr. Oppenheim und Dr. Deutsch, Religiouslehrcr an beit hiesigen Gymnasien. (DaS Elaborat über Zweck und Ziel der zu gründenden Anstalt werden wir nächstens veröffentlichen.) Zur Orientierung Ihrer Leier diene die Bemerkung, daß der mährisch-jüdische Landes-Massa-Fonds ans den Strafgeldern der Juden besteht, welche durch die speciellen Judcnsteuern im vorigen Jahrhundert und noch in der ersten Hälfte des jetzigen, zur Höhe von mehr als einer Million angcwachscu ist und später die Widmung erhielt, jüdischen Cultus-Zwccken zu dienen. Er wird von einem Curatorium verwaltet, das aus den hiezu delegierten Vertretern der mährischen Gcmeindeti getvählt wird. Frankreich. H'aris „Arch. isr." macht gelegentlich einige Bemerkungen über die Bctheiligung von Juden an der Pariser Presse und der Haltung dieser den Juden gegenüber. Unter 30 Gründern des rcpublicanischconservativcn „XIX. Siscle" waren 6 jüdische Capitalislcn, wie denn dieser politischen Richtung sehr viele Juden zugcthan sind. Die anständige Pariser Presse behandelt im Allgemeinen die Juden i» achtungsvoller Weise, wen» sie auch nicht eben immer von Zuneigung erfüllt ist. Bier bedeutende Blätter dürften als judensrcnndliche bezeichnet werden, was bewirkt ivird durch die (jüdischen) Leiter, oder durch die große Zahl jüdischer Abonnenten, oder dadurch, daß Juden zu den Eigenthümern gehören und zwar: DasJournal dcsDsbats, Tcmps,XIX.Siscle und GauloiS. Andere, welche zahlreiche und hervorragende jüdische Mitarbeiter haben, wie der Figaro, zeigen nur hie und da etwas und nicht immer ungemischtes Wohlwollen. (Dafür ist Albert Wolf auch aus Deutschlaitd — und ein deutscher Jude ist gar leicht geneigt, wenn er es zu etwas gebracht hat, zu vergessen und Andere vergessen zu machen, daß er Jude ist!). Andere, wie die „Patrie", sind zur Zeit in lobenswerthem Kampfe gegen den Antisemitismus! Nun folgt die alte Klage über den Mißbrauch der Worte: „Jude und jüdisch", selbst seitens liberaler Blätter, und daß Angeklagte und Verbrecher mit Vorliebe als Juden bezeichnet werden, während cs uncrlvähnt bleibt, daß verdiente Menschen Juden sind und bei nichtjüdischen Bösewichtcrn die Rubrik Religion leer bleibt. England. London. In den „Mußestunden" (Leisure Hvur), einer Londoner Monatsschrift, ist im Februar-Heft ein Artikel von Dr. Kirkpatrick-Picard, einem Nichtjudcn, über die Gesundheitszustände und die Langlebigkeit der Juden enthalte. Der Dienst, den der Verfasser der Hygiene damit erweist, daß er den Christen die Vortheile der jüdischen Diät, der jüdischen Sitten und Gewohnheiten für die sanitären Verhältnisse darlegt, ist nicht zu unterschätzen, und obwohl schon viel darüber geschrieben worden ist, so kann doch nicht oft und nachdrücklich genug darauf hingcwiesen werden. Es ist Thatsachc, daß der Jude weniger widrigen Einflüssen unterliegt, denen er in gleicher Weise wie sein christlicher Nachbar ausgesctzt ist. ' Wenn der Ort, an dem er wohnt, ungesund oder das Klima unzuträglich ist, leidet er dennoch in geringerem Grade als der Christ. Seine körper- .ichc Beschaffenheit setzt ihn in den Stand, leichter krankhaften Einwirkungen zu widerstehen, denen Andere znnr Opfer fallen. Diese Vortheile verdankt er hauptsächlich der Art seiner Nahrung, seiner Mäßigkeit und der Pflege und Sorgfalt, die ihm in Fällen der Krankheit und der Noth zu Theil werden. Er ist in der besonders glücklichen Lage, eine Constitution geerbt zu haben, die durch die Achtsamkeit und Vorsicht in allen hygienischen Details während vieler Jahrhunderte glcichsanr auf solidester Grundlage aufgcbaut worden ist, das Fleisch, daß er genießt, ist vom Blute und damit von krankhaften Keimen befreit, die durch dasselbe in seinen Organisnrus cingcführt werden könnten. Auch sonst ist ans das peinlichste vorgesehen, daß der Genuß alles Ungesunden verhindert wird, daher er von scrophulöse» und tubcreulöseu Leiden vcrhältnißmäßig weniger heimgesncht ist. Die hygienischen Grundsätze, welche die Bibel ausgestellt hat, haben also auch jetzt noch an Bedeutung nichts verloren. Dr. 8oli. Rufilaiid. Petersburg. DerrussischePhiiosoph Wladimir Solowiew hat cineReihevonArtikeln in cincmkirchlichcnBlaltübcrdicJndenfragc veröffentlicht. Der Verfasser erhofft, daß einst griechischer und römischer Katholizismus verschinolzen und dann auch die Juden „werden gerettet werden". Dieser kirchlich fromme Schriftsteller erklärt: „Die Inden haben stets nach ihrem Gesetze gehandelt, sic verfuhren gegen uns „jüdisch". Wir aber haben bisher es noch nicht gelernt, mit den Inden „christlich" umzngehen. Jni Gcgcntheil >vir haben unbeachtet gelassen die Vorschriften des christlichen Gesetzes, sobald wir es mit Juden zu thnn hatten. Wenn mir erklären, daß das Gesetz der Inden nicht gut ist, so fvlgr daraus, daß die Bethätigung dieses Gesetzes uns unlieb ist, jedoch viel schlimmer ist cs doch, ein gutes Gesetz zu haben und cS nicht zu üben. Wir fragen nicht, ob dar Evangelium gut ist, oder schlecht. Aber sollen wir fragen, ob cs für die Wirklichkeit paßt oder nicht'? Ist es für die Praxis unbrauchbar, wozu ist cs gegeben? Dann hätten ja die Inden recht, die darin Mcnfchenwerk sehen. Ist es aber z» bcthätigcn, warnni verwirklichen wir cs nicht den Juden gegenüber? Alles was de» Juden zum Vorwurf gemacht wird, zeigt er als moderne Schattenseiten des civilisirten Lebens. Zeigt ihnen das Christenthnm in seiner Wirksamkeit — und als praktische Menschen werden sic nicht zögern, zu Euch zu kommen. (?: So lange Ihr aber nur in der Theorie Christen seid, werdet Ihr nichts ausrichtcn. Die Jude» frage ist in Wahrheit die C h r i stcn frage!'° Warschau Bei der furchtbaren Geschäftslosigkeit steigt das Elend in jüdischen Kreisen immer nrchr: deshalb begrüßen wir die Errichtung einer Snppenanstalt (welche Mit-, tagbrod verschenkt) durch jüdische Damen als ein höchst zeitgemäßes Unternehmen, dem wir viele Geldmittel wünschen. •— Trotzdem Einzelne darunter leiden, freuen sich sehr Viele dessen, daß die Regierung energisch gegen die Pfandleiher vergeht. — Der Oberpolizeimeister läßt die rituellen Badehäuscr auf ihre Reinlichkeit und sanitären Verhältnisse untersuchen. — Der Stadt»,agistrat hat die jüdischen Gemeinden ersucht, nach dem rituellen Durchschnccden der Lust- und Speyeröhre dem geschlachteten Thicrc mit einem Genickstvße sofort den Gnadenstoß zu geben. Das Rabbinat hat dies natürlich als unmöglich zurllckgewicsen. Woher der Magistrat zu der Behauptung kommt, daß man in Petersburg so verfahre, ist unerklärlich! — Der Bericht des jüdischen Krankenhauses für 1884 ergiebt: Aus 1883 übernommen an Kranken 150 Männer, 127 Frauen. Im Laufe des Jahres traten hinzu: 2248 Männer, 1950 Frauen, insgesamml 2407 Männer, 2077 Frauen 4484 Kranke. ES gesundeten 3703, starben 419, bliebe» zurück 302. 325 christliche Kranke wurden verpflegt. 16,556 Menschen (ohne Unterschied der Conscssion) wurden im Anbulatorium von den Aerzren «durchschnittlich Jeder mehr als zweimal) untersucht und 15,141 erhielten Arznei ans Kosten des Hospitalcs.

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