Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 10. (5.3.1885)
- Date
- 1885-03-05
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
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— 76 Noch bitte ich »ms Wort bezüglich der Vertretung jüdischer Gemeinden. Es ist ja leider eine Thatsache, daß es in kleinen Gemeinden oft an geeigneten Männern zur Vertretung fehlt, weil überhaupt nur wenige Familien vorhanden sind. Ist es dann z» verwundern, wenn wirklich einmal der Fall vorkämc. daß die eine oder die andere Person vom Standpunkte größerer Gemeinde» mit großer Auswahl zu beanstanden wäre? Hören wir nicht gar oft von solchen Fällen bei Kirche n Verwaltungen, wo doch Mangel an geeigneten Personen ganz ausgeschlossen erscheint, weil es hier so kleine christliche Gemeinden gar nicht giebt, dieser Grund alsv nicht in Frage kommt?! Damit sei die Frage | an sich keineswegs beschönigt, denn tvir sollen uns eben hüten Fehler zu begehe», selbst wenn wir christliche Vorbilder oder doch Gegenstücke beibringen können, den Juden werden Fehler schwerer angeschricbe». Aber wenn ein solcher Fall vorkonnnt und die bestätigende Behörde anstandslos darüber hinwcgsicht, wofür diese sicherlich Grund Hütte, so ist es eben nur eines — Stöckers angemessen, darüber die große Trvinmel zu schlage» und sich vor dem Lande als Moralhüter in die Brust zu werfen. Wo blieb im Schwenningerschen Falle der Moralhüter? K. Aerki«, im Februar. (Or.-Corr.) Nachdem die HH. DDr Müller und D. Cassel Vorträge gehalten — der Elftere über „Rabbinerseminare" und der Letztere über „Jeremias", — denen beizuwohnc» Ihr Referent behindert war, sprach am 9. d. Mts. Herr Dr. Frankel über die „Erbauungs- und Unterhaltungs-Litteratur unscrer Alvordcrn im Mittelalter". Er bezcichnete als solche, außer Bibel und Gebetbuch, das moralphilosophischc Buch über „die Hcrzenspflichten" (Chowoth halewawoth) von Bachja ibn Bakoda ans Saragossa, sodann das Nsnoras llauraor von Jsak Abvab, als eine nach ethischen und religiösen Gesichtspunkten gestaltete Sammlung von Hagada's, und zollte besondere Anerkennung dem Verfasser deS Zeenna ureenna (9{. Jakob bcn Jsak). Redner führt eine statistische Zusammenstellung an, in welcher er nachweist, daß die Juden in Oesterreich tu einem Jahre noch im vorigen Jahrhundert 290,000 fl. auf talmudische, exegetische, chaldäische und andere der hcbr. Litlcratnr angehörende» Schriften verausgabt hätten. Jetzt ersetze die deutsche Predigt in den Tempeln die Erbauungslittcratur; das lebendige Wort wirke mehr, als der todtc Buchstabe. Redner ging sodann ans die llnterhaltungslitteratnr unscrer Altvordern über. Er führte auch hier eine ganze Reihe von Legende», Märchen, ja sogar Schauspiele, an, welche in jüd.-deutscher Sprache erschienen waren. Er erwähnte, daß der Prager Oberrabbiner D. Oppenheimer in seiner bedeutenden Bibliothek auch eine große Anzahl solcher vrofanen Lectüre hatte. Mit dem Hinweis auf Mendelssohn, den Schöpfer der deutschen Sprache für die Jude», welche allmählich die jüd.-dcutsche Litteratur entbehrlich, später sogar unbrauchbar machte, schloß der interessante Vortrag. In der darauf folgende Woche sprach Herr Professor Lazarus über „die Dankbarkeit" worüber ich Ihnen für die nächste Nr. einen kurzen Bericht senden werde. Hamburg. Den in den monarchischen L-taatcn noch vielfach auftretenden antisemitischen Kundgebungen gegenüber, ist es erfreulich und zugleich bezeichnend, daß wir in unserm lieben Hamburg, Gott sei Dank, nicht nur nichts der Art verspüren, sondern daß gerade in neuerer Zeit sich die Fälle mehrfach wiederholten, daß Christen größere Legate auch für Israelitische Institute aussetzten. So vermachte ein Herr Heerwagen in seinem kürzlich veröffentlichten Testamente Mk. 8000 der hiesigen Gemeinde für ihre Armen und außerdem Mk. 10,000 an israelitische Vereine für Armen- und Krankenpflege. Eine ähnliche Summe ist vor nicht langer Zeit ebenfalls von einem christlichen Mitbürger zu Gunsten mildthätiger Stiftungen in der Israelitischen Gemeinde in seinem Testamente bestimmt worden. Die Zahl der hier bestehenden jüdischen Vereine, von denen manche mehr als überflüssig sind, weil sic wenig Nutzen schaffen und doch dazu beitragen, die Kräfte, welche sich sonst vielleicht nothwendigeren Institutionen zuwenden würden, zu absorbiren, ist wieder durch zwei neue Vereine vergrößert worden. Der eine, bereits in Wirksamkeit getretene Verein bezweckt, armen jüdischen Durchreisenden, namentlich Handwerksburschen, Nachtquartier und in dringenden Fällen Kost für einige Tage zu gewähren; der andere in der Entwickelung begriffene, zum Andenken an dcn jüngst verstorbenen Heymann I. Matthias von früheren Schülern der Talmud-Thora in das Leben gernfeuc Verein beabsichtigt, Unbemittelten Freistelle» in dieser Schule zu schaffen/ Da dieselbe indessen die Pflicht hat. Kinder Gemeinde-Angehöriger unentgeltlich zu unterrichten, so kann diese Wohlthat nur Fremden zu Gute kommen, welche in Folge dessen mehr noch als bisher zu einer Last für die Gemeinde werden. Durch die Freizügigkeit hat sich auch in Hamburg allmählich ein jüdisches Proletariat gebildet, wie es bis dahin nicht bestand; denn nur durch Verheirathung mit einer Gemcindcangehörigen oder durch Zahlung bedeutender Sunimen konnte man es ehedem ermöglichen, Aufnahme in die Gemeinde zu finden und nur wer derselben angehörte, konnte die Staatsangehörigkeit erlangen. Seit der bürgerlichen Gleichstellung dagegen ist nicht nur diese Schranke gefallen, sondern seit dem Jahre 1864 hat auch die Verpflichtung aufgehört, zu den Lasten der Gemeinde beizutragen und nicht Wenige entziehen sich dieser, in anderen Staaten noch bestehenden Pflicht, einen jährlichen Beitrag für die Bedürfnisse ihrer Religionsgemeiude zu zahlen und manches Mitglied droht mit dem Austritt, wenn die ihm auferlegte Steuer seinen Wünschen nicht entspricht. Freilich hat seit jener Zeit auch die Gemeinde nicht mehr die Verpflichtung ihre Armen zu unterstützen, sondern ist dies Sache der städtischen Armenvcrwaltung; allein cs geschieht das von Seite» dieser in so unzureichendem Maße, daß trotzdem die Ausgabe der Gemeinde dafür M. 45,000 jährlich übersteigt und sollte man sich deshalb hüten, den jrentden Armen den Zuzug tioch mehr als bisher zu erleichtern. S-n. Stettin, 23. Februar. (Or.-Corr.) Ein trauriger Fall drückt mir die Feder in die Hand. Am 17. ds. Mts. starb in Gr ei sende rg der Cantor und Lehrer Epvstein. eine tiefgebeugte Gattin mit 6 noch unversorgten Kindern zurücklassend. Vermöge seiner Fähigkeiten zu einem größeren Wirkungskreise berechtigt, der ihm leider nicht beschieden war, legte er sich die größten Entbehrungen auf, um nur seinen Kindern eine zeitgemäße Erziehung zu geben, dadurch, wie durch die Vereitlung aller seiner Hoffnungen mit sich selbst zerfallen, vermochte er in seiner Gemeinde trotz seiner 14jühr. Thütigkeit nicht festen Fuß zu fassen. Zum November d. I. von der Gemeinde gekündigt, verlor er bei seinem Pessimismus zu dem sich noch Kränklichkeit gesellte, jede Hoffnung, noch eine andere Stelle zu bekomme», und der bittere Gedanke, mit seiner zahlreichen Familie der Noth und dem Elende preigegeben zu sein, warf ihn völlig nieder. Auf seinen Wunsch eilte ich au sein Krankenlager, freute mich daselbst auch Herrn Rabbiner Or. Goldschmidt anü Colbcrg zu treffen, mit dem ich gemeinschaftlich eine Aussöhnung zwischen ihm und der Gcmeiitde herbeizuführen silchte. Voller Hoffnung auf eine baldige Geiiesung habe ich ihn verlassen, zwei Tage später erhielt ich die traurige Nachricht, daß der Tod ihn von allen seinen Leiden erlöst hatte. Was wird nun aus der bcklagenswerthen Familie? Dieser traurige Fall vcraillaßt mich nochmals auf das zurückzukommen, ivas ich bereit» in Nr. 46 d. Bl. besprochen. Während sonst junge Leute, die eine Beamtencarricre einschlagen, nach Ablaus einer bestimiiite» Frist eine definitive Stellung erlange», und die Beruhigung haben, daß ihre Angehörige auch für den Fall des Todes des Ernährers, oder dessen Invalidität gesorgt sind, stehe» die jüdischen Beamten, resp. deren Familie», in solchen Fällen schutzlos da und sind einzig