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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-03-05 · N° 10. (5.3.1885) · p. Seite 75

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 10. (5.3.1885)
Date
1885-03-05
Page
Seite 75 (sequence 3)
Language
German
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Also warum das pedantische Festhalten an etwas, dessen Entstehung in nachbiblischer Zeit und dessen Gestaltung nach denr specifischen Zeitvcrhältnissen von keiner Seite geleugnet wird? — Freilich, wenn die übliche, hergebrachte Liturgie aufgegeben werden sollte, dann würden wir auch dagegen prvtestiren. Aber das soll nicht geschehe», denn diejenigen, welche in der jetzigen Form des jüdischen Gottesdienstes ihre Erbauung finden, verdienen gewiß alle Rücksicht und mehr Rücksicht, als die Entgegcnstehende». Es soll bei dem Bestehenden bleiben: aber es soll eure den Anschauungen der Neugläubigen entsprechende Art von Gottesdienst zu einer von denselben postulirtcn Zeit neben dem herkömmlichen hinzukommen. Dagegen kann doch von selbst aus dem Schnlchan-Aruch nichts Erhebliches einznwenden sein. Höchstens kann diePartcitakt i k dagegen ankämpfen,die TakrikderPartci welche offen erklärt: „Sie mögen nur alle, die Hunderttauscnde, die keine Orthodoxen sind, gehen, und sich taufen lassen! Das ist besser, als wenn sic durch ihren Verbleib in der Synagoge die Orthodoxie erschüttern!" Wer so denkt, der ist wenigstens conscgnenl. Wer aber nicht so denkt, der muß auch bereit sein, in der Weise von ION NT NN NöNd Nl den Neugläubigen Rechnung zu tragen. Wie tvcnige aber giebt cs, welche in Hinsicht auf den Austritt der Ncuglüubigen aus der Synagoge Gesinnungsgenossen des „Israelit" sind! Man sage nicht, daß eine etwa daß der neu zu vrganisirende Gottesdienst den herkömmlichen verdrängen würde, denn es ist ja nicht zu leugnen, daß bei mehr als 90"/„ der Juden dieser so wie so verdrängt ist. Diese leben jahraus jahrein ohne Gottesdienst, ohne Andacht, ohne Pflege des religiösen Elements. Diese besuchen höchstens 2—3 Mal jährlich den Gottesdienst ans wenige Stunden, aber anstatt sich erhoben und angezogen zu fühlen, fühlen sie sich abgestvßen. Und ist es nicht besser, daß das Judenthui» für Ersatz sorge, als daß im Ehristenthum Ersatz gesucht werde? Wenn das Jndenthum erst dem ungläubigen Theile seiner Bekenner auch Befriedigung bietet, dann werden bei diesen die Bedenken wegen der verlangten Opscr schwinden. Die Beschneiöung hat Millionen nichts geschadet und cs würde sie auch keiner drückend empfinden, wenn er sich nur nicht fragen müßte: „Wofür?" — — Kurz, das Judenthui», welches berufe» ist, in der wahren Gotteserkcnntniß Lehrer der Menschheit zu sein, es sorge dafür, daß nicht in seiner eigenen Mitte Tausende und aber Tausende der Religion vollständig entbehren! Der Rahmen i meines Vorschlages ist nur ein sehr enger, der so viel, wie nröglich zu ertveitcrn ist: aber er bezeichnet die Richtung, in welcher die berufenen „Hnlkünstler" ans Abhilfe mit erhöhter Energie bedacht zu sein haben. Die Detaillirung der neu zu schaffenden Organisation soll hier unterbleiben. Wenn diese Zeilen nicht ohne Eindruck bleiben, wird Schreiber dieses auch mit seinen Ansichten über die praktische Ausführung der hier angeregten Idee hcrvorzutreten sich erlauben. — Vorläufig sei cs mit dein Vorstehenden genug. — Ich schließe mit dem Rufe: Rettet, so lange noch etwas zu retten ist! — Seht zu, daß iyr einst vor dem 71^772 ^7tv Ta sprechen könnt: laSSff NT TT Hin DTt nx „Unsere Hände haben das Blut nicht vergossen!" — Dies rufe ich nicht den Orthodoxen unter »reinen Glaubensgenossen zu, sondern den Freisinniger», welche konservativ sind, ohne stabil zu sein. Oder glaubt ihr etwa, daß das Judenthum sich nur in der stabilen Form der Orthodoxie erhalten könne? — Nun, warum seid ihr denn da nicht alle.... Orthodoxe? Aber wirkliche Orthothodvxe, nicht bloß „JSraelit"-Leser! — Die Orthodoxie sagt: Die Juden, die nicht orthodoxe Jude» sind, sollen sich'taufen lassen und Christen werden! Ihr, die ihr der Ansicht seid, die nichtorthodoxen Juden sollen . . . . Inden bleiben: sorgt dafür, daß sie Inden bleiben . . . . können! Gerichte und Cr»rresponden;en. Deutschland. Merlin, 27. Februar. ,Or.-Eorr.) Eine schivere parlamentarische Angelegenheit, die eines „ungenannten Doctors und Professors",' wie die offizielle Bezeichnung lautet, welche das Abgeordnetenhaus und Publikum hier und wohl in ganz Deutschland während dieser Woche in Athem gehalten, ist gestern zur Erledigung gekommen und obwohl wir mit der Sache an sich nicht mehr und nicht weniger als alle andern Staatsbürger zu ihn» haben, so ist cS doch^ ein anderes Motiv, das dem Schreiber die Feder in die Hand drückt. — Wir Sitte erinnern uns der Verhandlung über den Nenstcttiner Synagogenbrand im Abgcordnctenhause. Nachdem der zweite Proceß in Könitz zur vollständigen Freisprechung der Angeklagten geführt hatte, hat der Abgeordnete Hofprediger Stöcker seinen Ingrimm wenigstens an einem der Ncustettiner Gemeindevorsteher zu kühlen gesucht, indem er gegen diesen die Bcschnldignng erhoben, das; er persönlich nicht unanfechtbar dastehe. Im Abgcordnctenhause ivar damals Niemand auf diesen gehässige» Eoup vorbereitet und demzufolge auch keiner in der Lage, die Anschuldigung zu widerlegen, obwohl es dem Herrn Hofpredigcr klar gemacht wurde, daß es nicht Parlamentsgebrauch sei. Privatpersonen, die sich vor diesem Forum nicht vcrtheidigen können, so anzuklagen. Zudem ist die qu. Angabe des qu. Abgeordneten bislang nicht erwiesen und zudem s. Z. auch in der „Jsr. Wochenschrift" zutreffend bemerkt worden, das; in Preußen die Gemeindevertretung der behördlichen Bestätigung unterliegt, welche bezüglich des angefeindeten Herrn in Neustettin gewiß versagt worden wäre, wenn — Herrn Stöcker nicht wieder einmal ein „Mißverständniß" passirt wäre. Nun ereignet sich der Fall, über welchen jetzt alle Zeitungen voll sind, über welchen hochbcrühmte Fakultäten gesprochen und der ungeachtet des wohlwollenden und gewiß auch wohl zu würdigenden offiziellen Schleiers doch völlig durchsichtig ist. Es sprachen darum viele Volksvertreter, aber der angebliche Hüter der öffentlichen Gesittung, der Fahnenträger der nothleidcnden Antisemiten, dem die Sprechorgane immer übervoll sind, wenn cs gilt Juden bitter anzufeinden, sie eine Gefahr für das deutsche Volk zu nennen und sie der Verschlechterung der öffentlichen Moral zu zeihen: Herr Hosprediger Stöcker rvild bei dieser Gelegenheit nicht gehört, ist sauft wie ein Lamm, er spricht kein Wort und bleibt am 26., dem letzten schwersten Verhandlungstage in qu. Sache, überhaupt f e r n, stimmt also gar nicht ab. Es erscheint wohlangebracht, diese Thatsache auch in jüdischen Blättern zu constatiren und sic niedriger zu hängen. Denn wir erlauben uns darauf die bescheidene Frage: wird der Mann es vor Gott und denkenden Mensche» verantworten können, auch ferner mit seiner eingefleischten Feindschaft gegen Staatsbürger, weil diese Juden sind, öffentlich auszutreten? Wird er es ferner noch wagen, Versammlungen zu veranstalten, in welchen die Juden für alle möglichen Hebel im gesellschaftlichen Leben verantwortlich gemacht werden? Wird er ferner noch die Stirn haben, init Schmähreden über die Juden herzufallen und in seiner Eigenschaft als Abgeordneter unter dem Schutze der Redefreiheit private Personen rücklings anzugreifen, nachdem er und seine antiscnritischcn Genossen bei dieser eklatanten Gelegenheit jenen erhabenen Mnth, den Herr Abgeordneter Reichcnspergcr (Eöln) einst bei der Interpellation Hüncl bezüglich der Stellung der Regierung gegenüber der s. g. Judcnfrage (recte Judenhctze) „bewunderungswürdig" nannte, in geschehener Weise documentirt hat?! —

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