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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-03-05 · N° 10. (5.3.1885) · p. Seite 74

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 10. (5.3.1885)
Date
1885-03-05
Page
Seite 74 (sequence 2)
Language
German
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— 74 — Freund Beyer versetzt. Wir können uns nicht versagen, die ergreifende Scene, in welcher Buchholz entlarvt wurde — nach der Darstellung des Dr. Sello vorzuführcn: „Am Morgen des vorletzten Vcrhandlungstagcs in Könitz erhob sich der Verfasser Mr. S.s zu Beginn der Verhandlung und trug vor: in aller Frühe habe sich Beyer bei den Verthcidigcrn gemeldet und ihnen Folgendes eröffnet: „er sei ei» alter Mann, der nichts mehr zu fürchten habe; sein Gewissen lasse ihm keine Ruhe und dränge ihn zu der Mittheilung, das; Buchholz einen Arbeiter Dabbcrstein aufgefordcrt habe, in Gemeinschaft mit ihm den Judentempcl anzuzündcn. Beyer hielt unter seinem Eide die Richtigkeit seiner Angaben aufrecht. Ans Antrag der Staatsanwaltschaft wurde Dabbcrstein telegraphisch geladen. Mit athemloscr Spannung sahen Alle seiner Vernehmung entgegen. Dabbcrstein erschien am Nachmittage und bezeugte eidlich: Bnchholz habe ihn einige Zeit vor dem Brande aufgefordert, mit ihm zusammen die Synagoge anzuzünden: ihm, — dein Bnchholz — habe man für diese That 10 Thalcr und Schnaps, so viel er trinken wolle versprochen. Bnchholz bot bei der Gegenüberstellung mit diesem Zeugen einen erbarmungswürdigen Anblick dar: sein Gesicht war wie mit Blut übcrgossen; fortwährend wischte er den Schweis; von der Stirn und vergebens rang er denr Dabbcrstein gegenüber, der ihm unverwandt in's Auge schaute, nach seiner früheren Dreistigkeit. Dabbcrstein ist Christ; die Angeklagten halten ihn nicht ermittelt: sein Name war zuerst und allein von Beyer genannt worden." — Am 7. Mürz 1884 erfolgte die Freisprechung der Angeklagten und ein schwerer drückender Alp löste sich von den Herzen aller Glaubensgenossen. Unabsehbares Unglück ist durch den gerechten Spruch der Geschworenen in Könitz verhütet worden. Die Lehrbücher der Geschichte werden auch dieses Ereignis; als ein denkwürdiges der Nachwelt verkünden. Es ist ja auch eine Purimgeschichte, die uns zeigt, daß das Auge der Vorsehung über Israel wacht! — X'H -pSHJI „es kam anders — als Hama» gedacht", so ganz anders, als die Herren Antisemiten in Pommern gedacht und die Hetzer in Berlin gehofft hatten. tc. Auch „Gedanken einest Juden". Audiatur1 et altera pars! (Sdjluji.) Ich habe diese Frage auch Anderen vorgelcgt, vor allem den Alten; sic antworteten mir: „Gott sei Dank, daß ich nicht mehr lange mitzumachen habe! Mag die Jugend dafür sorgen!" — Ich habe die Jugend gefragt, natürlich unter den Berufenen; sie antworteten: „Es ist gar nichts zu machen, so lange wir leben, noch nicht! Jeder Versuch einer Heilung macht das Uebel schlimmer!" Und die Folge wird sein: Abfall wird sich ans Abfall mehren! Es ist heute schon das in weite Kreise herrschende Gefühl: „Es ist ein Unglück, als Jude geboren zu sein!" Alan kann vielfach die Aenßerung hören: „Mein Vater hätte mir den größten Gefallen gcthan, wenn er sich hätte .... taufen lassen!" — Ein inneres Band fehlt, nicht mit dem Judenthum an sich, sondern mit dem in den jüdischen Gemeinden sich repräscntirenden Judenthum. Der Antisemitismus der Gegenwart hat zwar gegenwärtig die Wirkung,. die Anziehungskraft des Judcnthums ans seine Söhne zu vergrößern: aber wenn der Antisemitismus osficiell, von Staatswegcn, unterdrückt werden sollte, wen» die religiöse Toleranz wieder herrschend wird, dann werden wir Wunder erleben! Man wird sich zur Taufe dränge», wie um den günstigen Augenblick nicht zu verpassen: die Eltern werden an ihren Kindern das nachznholcn sich beeilen, was ihre Eltern versäumt haben. — Ja, aber was soll geschehen? Soll der Sabbath abgeschasft werden und auf den Sonntag verlegt werden? Sollen die hebräischen Gebete beseitigt werden? Soll man das Judcnthuin, das positiv vorhanden ist, an die Wiedergewinnung des schon verlorenen wagen? Soll um die Amputation eines verstorbenen Gliedes zu vermeiden ans höchst zweifelhaften, ja uittvahrschcinlichen Erfolg hin der noch gesunde, wenigstens noch lebende, noch lange nicht vom Tode bedrohte Theil des Organismus vergiftet werden? — V. Ich sage: Nein, uni Gotteswillen nicht! Gewagt darf gar nichts werden. Auf gegeben werde gar nichts. Aber dem religiösen Bedürfnis; der sogenaiinten „Neugläubigen" muß in irgend einer Weise Genüge zu thun versucht werden. Wenn nur erst diese Pflicht allgemein anerkannt würde! Das ist aber nicht der Fall. Die sogen. „Reugläubigen" werden von den sogen. Altgläubigen als verlorne Söhne angesehen, die gar keine Rücksicht verdienen. Einer der Führer der Orthodoxie z. B. in Berlin — ei» höchst ehrbarer — predigt häufig mit hinreißender Emphase: „Entweder ganz, oder gar nicht! ’/r und 3/',* und und V,»,°Juden brauchen wir nicht!" Das ist eine nur in; Jndcnthum herrschende Anschauung. Bei den Thristen gicbt es sehr viele, die ihre eigenen Gedanken über ihren Glaube» haben, die auch nicht 3 Mal im Jahre die Kirche besuchen, und doch als gute „Christen" gelten. Das Jndcnthum wird sich auch mit dieser Anschauung befreunde» müssen. Die Frage: Sind die H rindert - tausende „Ncngläubigc" Juden oder nicht? wird das Judeuthum mit einem ganz eutschiedcueu „Ja"! beantworten müsse», und nicht nur in sofern, daß sic die Pfli cht haben, Juden zu sein, sondern auch, daß sic in ihrer Eigenart Rechte haben. Und dies Recht der nach Hundcrttauscnden zählenden ungläubigen oder vielmehr neuglänbigcn Inden besteht vor allem in dem Anspruch auf einen ihnen zusagende» und ihren Anschauungen entsprechenden Gottesdienst zu einer ihnen gelegenen Zeit. Dieser Gottesdienst muß derart gestaltet sein, daß er auf de» gebildeten Geschmack eine Anziehungskraft ausllbc. ES kann der Gebildete nicht an einem Gottesdienste theilnehmcn, der nach seinen Begriffen den elementarsten Elementen eines Gottesdienstes Hohn spricht. — Schreiber dieses denkt nicht so über den jüdischen Gottesdienst; aber er weiß cs, daß Hundcrttausendc Juden so denken. Was können diese dafür, daß iie so denken? So wenig, wie die Elbe in ihrem Laufe zurückgcstant werden kann, so wenig kann eine religiöse Anschauungsweise die einmal verlorene urtheilslose Gläubigkeit wiedergcwinnen. Die Hunderttausende neugläubiger Juden haben nun einmal andere Vorstellungen von dem Wesen eines Gottesdienstes — das ist nicht zu ändern. Aber das festeste Band zwischen einen; Bekenntnis; und seinen Bekenner» ist nun einmal der Gottesdienst. Wo dies Band zerrissen ist, dann muß die Entfremdung der letzter» von dem erster» nothwcndig immer größere Diinensioncn annehmcn. Dies Band muß um jeden Preis wieder hergestcllt werden, wenn der Preis nur nicht in der Aufgebung von Grundsätzen und sonstiger wesentlicher Bestandthcile besteht. — Ist denn aber die jetzige Form des jüdischen Gottesdienstes wirtlich von so wesentlicher fundamentaler Bedeutung? — fragt die Wortführer der Orthodoxie, und sie werden euch antworten: „Nein"! Sie werden auf Grund

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