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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-02-26 · N° 9. (26.2.1885) · p. Seite 70

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 9. (26.2.1885)
Date
1885-02-26
Page
Seite 70 (sequence 6)
Language
German
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— 70 — mcggernumt, ohne daran zu denke», etwas neues zu schaffen. Die confessionclle Schule hat zwar äs lege aufgehört, wenn sie auch äs laoto noch existirt, nämlich da, wo die Juden in czcchischen Orten wohnen, oder besondere territoriale Gemeinden bilden. Die Herren Lehrer solcher eigentlichen Judcnschulcn sind, obwohl sämmtlich Juden, zumeist die eifrigsten Verfechter der Ausschließung der geistliche» Ueberivachung, weil sie derlei Dinge von ihren christlichen College» in den Bezirkslehrerconferenzen häufig zu hören bekommen, wiewohl sie vergessen, daß diese Herren, welche nach der theresianischcn Schulordnung einfach als Gehilfen des Katecheten bestellt waren und in der Concordatszeit in dem Pfarrer ihren unbedingten Vorgesetzten anerkenne» mußten, ein ganz anderes Recht haben, hier mitznsprechen, als die jüdischen Lehrer, welche zu der Gcnieinde in keinem schlimmeren Verhältnisse standen, als Rabbiner und Cantorcn noch beut zu Tage, Diese jüdischen Lehrer sind cs, die in ihrem Stolze, Staatsbeamte zu sein, den Religionsunterricht, für ivelchen sic doch besonders bezahlt tvcrden, in jeder mögliche» Weise zurücksetzcn. Dabei sind die Herren selbst in ihren eigenen Kenntnissen nie über das Cheder-Wissen hinausgekommen. An wissenschaftlicher Begründung ihrer Kenntnisse, an pädagogischer Erfassung ihrer Aufgabe fehlt es ihnen ganz und gar. Run treten die Zöglinge solcher Lehrer mit 10 Jahren in ein Gymnasium ein. Hier sollen sie neben biblischer und nachbiblischer Geschichte und Religionslehre bei höchstens zwei wöchentlichen Unterrichtsstunden auch die Lcctüre der Bibel im Urtexte betreiben. Daß dies zu reiner Formsache herabsinkc» müsse, ist ganz klar, umsomehr, wenn man bedenkt, daß sie neben Mitschülern zu sitzen kommen, welche noch mit dem hebräischen Alphabet zu künipfcn haben, Fragen wir uns bei solchen Umständen, wo ist die Möglichkeit geboten, daß ein junger Mann, der die öffentliche Schule besucht — und darauf müssen wir im Interesse der Gleichberechtigung unserer Cultusfnnktionäre mit denen anderer Culte unbedingt bestehen — zum Studium der jüdischen Theologie übergehen könnte, so müssen wir die Frage entschieden verneinend beantworten. Der jüdische Theologe muß m die Hochschule eine gründliche Äenntniß der hebräischen Formenlehre, ein besseres Verständnis; des erzählenden Theiles der Bibel mitbringen. Er muß fähig sein, leichtere talmudische Stellen zu lesen, er soll nach meiner Ansicht den halachischen Stoff der Mischna und der ihr vcrtvandten Werke ebenso beherrschen, >vie er das mosaische Gesetz in wissenschaftlich exegetischer Auffassung ohne Rücksicht auf talmudische Erklärung kennen soll. Er soll mit einem Worte befähigt sein, bei seinem Uebertritte in die Hochschule wissenschaftlichen Vorlesungen folge» zu können. Diese Möglichkeit muß geschaffen werden, denn man kann den Bau eines Hauses nicht beim Dache beginnen. Müssen ja alle Fachmänner, wenn auch, was ich zugeben will, dieser Vergleich, wie die meisten seiner College» etwas hinkt, erst gründlich theoretisch gebildet sein, ehe sie zur Praxis übergehen, Für den jüdischen Theologen sind die Bestimmungen der Homclitik und des Schulchan Aruch Praxis. Das ist eine um so weniger anfechtbare Thatsache, als bisher es noch Niemandem eingefallen ist, von dem Rabbinats-Candidaten zu verlangen, daß er gleich den Juristen und Medicinern bei einem älteren Rabbiner eine Zeit lang prakticiren. Zu der Nothwendigkeit einer Vorbereitung für den theologischen Unterricht kommt noch ein Umstand, In dem Hudenthume darf keine schroffe Scheidewand zwischen Laien und Fachmännern bestehen. Der gebildete Jude muß bei der gegenwärtigen Organisation der Gemeinden in der Lage sein, ein sachliches Urtheil über manche Fragen abzugeben. Er muß als Mitglied des Vorstandes, des Bezirks, ja des Landesschulrathes die Fähigkeit besitzen, ein Urtheil über die Befähigung eines Rabbiners, eines Religionslehrers eines Cantors abgcben zu können. Dazu ist eine Schule nothwendig, die 'ihm während der Gymnasialzeit außerhalb des obligaten Unterrichtes die nöthigen Kenntnisse beibringe. Schon vor 18 Jahren hat sich eine von der Regierung einberufene Versammlung von jüdischen Gemeinden Mährens mit der Frage eines Prosein inars zu befassen gehabt. Nun ist dieselbe Frage von neuem in Fluß gebracht. Hoffen wir, daß sie diesmal nicht blos akademisch behandelt werde, Mähren verfügt über einen Fonds von mehr als einer Million Gulden, dessen Erträgniß für jüdische Zwecke verwendet werden soll. Bisher hat dasselbe zur Aufbesserung der Gehälter der Cultusbeamten, zur Subvention der Gemeinden, kurz nur zu Cultus- und Wohlthätigkeitszwecken, Abodah und Gemiluth Chassadim, gedient. Hoffen mir, daß er künftighin auch der Thora, der jüdischen Wissenschaft, dienen werde, und daß die Curatoren des Landesniaffafondes beherzigen werden den Ausspruch der Weisen von Lpdda: „Wichtiger als Cnltus ist die Lehre des Glaubens, denn nur sie fördert die That". O, Ungarn. In St, Gioergy ließ die Stadtbehörde den jüdischen Kirchhof schließen, angeblich weil er zu nah an der Stadt sei; wobei nicht in Rücksicht gezogen wurde, daß die Höfe der in den Städten und Dörfern gelegenen Kirche» zugleich Kirchhöfe in gebräuchlichem Sinne des Wortes sind. Daß der Beschluß nur gefaßt worden ist, um die Juden zu chikaniren, zeigte sich bald darin, daß kein Bürger es wagte, der Gemeinde eine Parzelle zur Gräberstätte zu verkaufen und daß, als die Stadt durch den Obergespann aagehalten tvurde, aus ihrem Besitze ein Stück herzugeben, eine steile Felsklippe den Juden zur Verfügung gestellt wurde. Darüber erbost, schenkte der Obergespann ein ihm gehörendes in der Nähe der Stadt gelegenes Gartenstück der Gcnieinde, — Ein Märtyrerleben schildert der geistvolle Correspoiidcnt des „Jwri" aus Ungarn und Siebenbürgen — das Lebe» eines ordentlichen jüdischen Ackerbürgers und Kaufmanns, der in der Fülle seiner Kraft dahinstarb, z» Tode geärgert und ruinirt durch die Anlisemiterei, welche die Parole ausgegeben hat: Bei dem Juden ivird nicht gekauft und ihm wird um alles Geld keine Arbeit getha»! Ja, der Antifemitismus wird, wie alle Erkranknngcn im Volkskörper wieder vergehen. Aber wer heilt all die Wunden? Wer stellt all' das wieder her, was er geschlagen und zerstört hat? Rufiland. Uetersöurg. Bisher wurde den krank hierher kommenden Juden Aufnahme in den Hospitälern gewährt. Fortan aber soll erst festgestcllt werden, ob der Kranke das Recht hat, hier zu wohnen. Kan» dies nicht nachgewiesen werden, so soll der Kranke ans der Stadt gewiesen werdeii! (Das heißt in Rußland „praktisches Christenthum!") Gegenüber dem Gefabel von dem Nachtheile, den die Juden dem Lande bringen, weist ein Moskauer Blatt nach, daß eine jüdische Confekrionssirma (I, Mandeli in ein verhungertes, elendes Dorf Leben und Thäligkeit gebracht hat, indem sie dort auf Zureden eines Bauern ihre Fabrikate nähen läßt, was 300 Menschen ansreichende Nahrung gewährt. In Dorpat, wo nur einige arme Juden, die zumeist Handwerker sind, wohnen, gabs am 21. Jannar einen wohlpräparirten Judenkrawall, den die Polizei mit knapper Roth rechtzeitig zu unterdrücken vermocht hat. — Die Meldungen, daß die Thristusbrudersekte hier in der Hauptstadt in jüd, Handwerkcrkrcisen Anhänger finde, ist erlogen, Kiew, Obschon die jüdischen Studenten sich an den Unruhen gar nicht betheiligt hatten, sind von 143 Relegirten nicht weniger als 7 0 Juden, Freilich sie alle haben nur das Consilium erhalten, d, h, sind berechtigt, sofort eine andere Universität zu beziehen, aber mitten im Studienjahre nimmt sie keine andere Hochschule auf. Und wie iinmer, die Kieiver Professoren haben endlich ihre Absicht erreicht, die Zahl der jüdischen Studenten in K, zu verringern! Vermischte und neueste Nachrichten. Aerkin Die Alterversorgungsanstalt der hiesige» jüdischen Gemeinde versendet ihren 55, Jahresbericht, Nach

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