Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 9. (26.2.1885)
- Date
- 1885-02-26
- Page
- Seite 69 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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r 69 folgten. Die Gedenkfeier im Tempel wurde nach einem Orgel-Präludium und einem Sologesang des Cantors mit dein Vorträge eines Trauergesanges seitens des Tempelchors eingeleitet. Hieraus schilderte der zu seinem Nachfolger gewählte Rabbiner Dr. Kl ein per er ans Landsberg a. W. i» längerer und ergreifender Rede die hohen niid vielen Verdienste, die sich der Verstorbene, ein mit seltenen Geistesnnd Herzensgaben besonders begnadeter Amtsbruder, nach allen 'Richtungen hin zu erwerbe» gewußt halte. In sehr! geistreicher Weise setzte er die mannigsachen Eigenschaften des j Verblichenen anseinander, deren man nicht entrathen kann, j um so erfolgreich für eine R e s v r m i r n n g im Judenthum j einzutreten, wie es vom Verstorbenen in der Provinz Posen; gescheheii sei. Hieraus hielt Herr Rabbiner Dr. Ripp »er j ans Gtvgau eine geistvolle, gleichfalls sehr ergreifende und j auf die Zuhörer tief eitnotrfcnbe Betrachtung über die Wirkj samkeit seines verstorbenen Amtsbruders. „Sie war reich an , Erfolgen, aber nicht frei von Sorgen und Mühen, die der j Verstorbene mit seltener Energie, mit uneriitüdlichem Arbeiten und mit treuer Hingabe an seinen Berns durch Wort und Thal bewältigte, um unentwegt das schöne und hohe Ziel zu erreichen, das er für das moderne Judenthum, für die ganze Menschheit erkannt und mit Gottes Hilfe auch größtentheils zum Segen Aller erlangt Hai. Die Wandlungen, welche das Judenthum ohne Aufgabe seiner tausendjährigen Grnndlehren im nioderiien Zeitgeiste durchmachen musste, vollzogen sich nicht so leicht; dem Verstorbenen aber gebührt das Verdienst, daß er im richtigen Verständnis; des Zeitgeistes diese Reformation zeitig in die Hand nahm, und — was die vielen hervorragenden Eigenschaften deS Verstorbenen am besten charakterisire — sie treu den jüdischen Glaubenssätzen zur Befriedigiing und zum Segen aller seiner Glaubensgenossen hier durchführte. Seiii ist auch das Werk, die neue Synagoge, in welchem seiii Geist und sein Streben fortleben wird." Nachdem ein Schlußgesang die Feier beendet halte, tvurde der Sarg von den Mitgliedern des Repräsentantenkvllegiuniö zum Leichenwagen getragen; und lim 31/, Uhr setzte sich der nach Tausenden zählende Trauerzug, dent mehr als 50 Wagen folgten, in Bewegung. Aus dem neuen jüdischen Friedhöfe wurde der Sarg unter Begleitung eines Chorgesanges au das Grab getragen, und hier hielt Herr Rabbiner Dr. Oppenheimer ans Thorn eine angemessene Grabrede, in der er die häuslichen Tugendeil des Verstorbenen besonders hervorhob. Nach dem üblichen Schlußgebete widmete der Vorsteher der Synagogengemeinde, Herr Bankier Louis A r v n s o h n , dem Verstorbenen noch einen längeren Nachruf mit dem Danke für die segensreiche Thätigkeit des Verblichenen, welche den Frieden der Gemeinde stets erhalten habe, und deren Andenken fortleben möge zum Segen für die ganze Gemeinde! Zahlreiche Kränze wurden aus das frische Grab niedergelegt. Nicht blos aus den nüchstgelegenen Städten, wie Rakel ^dessen Rabbiner Dr. Perlitz auch erschienen war), Schubin, Fordon, Schulitz, Krone a. B. re. sondern bis aus Königsberg i. P. waren Deputationen der Synagogengemeinden eingetroffen, um ihre Theilnahme an dem großen Verluste der hies. Gemeinde auszudrücken. — Möge es dem gewählten Nachfolger gelingen, im Geiste des Verstorbenen zu wirken und sich eine gleiche Liebe wie der Selige in allen Kreisen zu erwerben, damit unsere Gemeinde wie bisher als Mustergemeinde in der ganzen Provinz dastehe. In dieser Zuversicht liegt unser Trost. Kamburg, 20. Februar. (Or.-Corr.) Am jüngsten Dienstag beschloß Herr Ober-Rabbiner Dr. Jsaaesohn den diesjährigen Cyelus seiner Abendvorträge in dem „Verein für jüdisch-wissenschaftliche Vorträge" mit einer Lebensschreibung des Maimonides. Der Redner beschränkte sich in seiner geistreichen Weise, wie es so seine Art ist, nicht darauf, ein Bild dieses unsterblichen Genius auf den verschiedensten Gebieten der Wissenschaft zu entwerfen und seinen Zuhörern vor die Seele zu führen, er gab vielmehr Proben jenes eminenten Geistes, schilderte die Kämpfe mit den Zeitgenossen und knüpfte daran manche schöne Parabel des Talmuds, welche sich hie und da passend einfügen ließ. Das Auditorium, welches in Anbetracht der religiösen Ansichten, aus sehr heterogenen Elementen zusammengesetzt war, folgte dem Redner mit ungetheiltem Interesse und wird mit uns bedauern, daß diese Vorträge, welche in der Synagoge „Neweh-Scholaum" seit fünf bis sechs Jahren abgehalten wurden, mit dieser wohl in diesem Jahre noch aufhören werden. AuS Gründen, welche wir verschweigen wollen, weil sie sich nicht zur öffentlichen Besprechung eignen, hat Herr Dr. I. sich entschlossen, seine Wirksamkeit für genannte Synagoge einzustellen und ist es nicht wahrscheinlich, daß es von Neuem zu einer Einigung kommen wird. Rein objeetiv, wie wir es gewohnt sind, Ihnen zu berichten, wollen wir weder für »och gegen ihn Partei nehmen, doch beklagen wir das Verschwinden des Herrn Dr. I. von dem Schauplatze seiner bisherigen Thätigkeit nicht nur um dieser selbst willen, sondern auch des indirekten Einflusses wegen, welchen sein ferneres Wirken ans die Organe des Synagogen- Verbands ausgeübt haben würde. Denn es ist nicht zu verkennen, daß mit dem Jnslebentreten der obengenannten Synagoge ein neues Streben auch die jüngeren Mitglieder des Delegirten-CvllegiumS des Synagogen-Berbands ergriffen hat. und daß der, wenn auch nur geringe Fortschritt, welcher sich in dieser Richtung in neuerer Zeit bemerkbar macht, darauf zurückzuführen ist. Es wäre nach unserer Ueberzeugung der anfänglichen Minorität jener Collegiums nie gelungen, eine Revision der Statuten in diesem Sinne durchzusetzen, wäre nicht die Furcht vorherrschend gewesen, der Anhang des Dr. I. würde zu mächtig werden; und wer weiß, ob nicht durch den Rücktritt desselben die frühere Lethargie wieder an die Stelle tritt. Zwar dauern die Bemühungen fort, die neue Synagoge auch ohne Mitwirkung des Dr. I. zu erhalten —■ wenngleich der bisherige Vorstand in der General-Versammlung sein Amt niedergelegt hat — doch scheint es mehr als zweifelhaft, ob es möglich sein wird, eine jüngere Kraft zu erwerbe», welche ihn auch nur annährend zu ersetzen im Stande sein möchte; namentlich da die Mittel, welche der Synagoge zu Gebote stehen, nicht sehr reichlich vorhanden sind und die Opferwilligkeit in solchen Dingen nirgends geringer ist, als gerade i» Ham bürg. Es soll in einigen Tagen wiederum eine Versammlung stattfinden, wir wollen hoffen, daß wir uns nicht getäuscht haben. Oesterreich-Ungarn. Arünn, im Februar. (Or.-Corr.) Von den drei Dingen, auf welchen nach dem bekannten Ausspruche Rabbi Simon b. Gamaliels die Welt beruht, ist in der letzten Phase der Entwicklung des Judenthums das erste, die Thora, am stiefmütterlichsten bedacht, besonders von seiten derjenigen Faetoren, welche die Geschicke des Jndenthums zu lenken haben. Man hat überall prachtvolle Bethäuser errichtet, die alten renovirt, man hat selbst in den kleinsten Gemeinden den Cantor mit Talar bekleidet und ihm ein paar Schreihälse zur Seite gestellt, die einen Chor darstellen sollen. Doch sind wir auch keineswegs willens, die Errungenschaften der Neuzeit zu verkennen. Die „Wohlthätigkeit" ist bester organisirt, wenn auch darin noch Vieles zu wünschen bleibt, kurz, wir können was Abodah und Gemiluth Chastadim betrifft, einen Fortschritt zur Besserung keineswegs in Abrede stellen. Hingegen hat in Oesterreich und speeiell in Mähren die jüdische Wistenschaft in den letzten 50 Jahren schaudererregende Rückschritte gemacht. Nun füllt es mir bei Leibe nicht ein, das Wesen der Jeschiba von de» Tobten, wohin sie rechtmäßig gehört, zu erwecken. Gerade im Gegentheil wünschte ich selbst ihre Reste in Ungarn und Galizien gleichfalls dahin, wohin sie von rechtswegen gehören, i» das Bereich der Vergangenheit. Man hat aber das Alte einfach