Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 9. (26.2.1885)
- Date
- 1885-02-26
- Page
- Seite 68 (sequence 4)
- Language
- German
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— 68 — lief) giebt kein deutscher Jude auch nur einen Pfennig hierzu, sondern läßt seine Purim spende in diesem Jahre der Alliance Israeli te Universelle zukvmmcn! Kam Mhein. Eine Artikelserie über den jünst verstorbenen Eduard Abo ul beginnt „Arch. isr " mit einer Betrachtung , welche wir deutschen Rabbiner nnd jüdischen -Schriftsteller in Deutschland wohl schon oft angestellt, aber kaum gewagt haben, sie unseren Gemeinden und unserem Publikum so vcnilich zu sagen. Es heißt dort: die in Geld bestehenden Wohlthaten machen weniger Eindruck auf Israels Gedächtnis als Dienste, die durch das Wort oder die Feder erwiesen sind. Nur werden die Vertheidigcr dieser Art, die es in seiner Mitte findet, viel weniger populär bei ihm, als die Fremden, die ihm ihren Beistand leihen. Es gilt besonders bei unseren Glaubensgenossen: Niemand ist Prophet bei sich zu Hause! Aber wer zu ihren Gunsten gegen die Verkennung des Rechtes nnd die Verletzung der Menschlichheit seine stimme erhoben hat, der Redner, der Schriftsteller, der Dichter ist sicher — sobald er nicht Israelit ist — schnell Zuneigung, Dank, Verehrung, Begeisterung bei unseren Glaubensgenossen zu finden. Der Namen des Abbs Gregvire ist unendlich mehr bekannt und geehrt, als der von Mendelssohn. jBci uns ist Professor Delitzsch z. B. mehr gelesen als Jellinek n. f. f.). Man wird jagen: Ja dieser Unterschied ist berechtigt, die ungleiche Behandlung ist natürlich, weil der Fremde, der uns eine Freundlichkeit erweist, verdienstvoller erscheint, als der Bruder, der uns niit Liebkosungen überhänsl. 'Mag es drum sein! Jedoch man sollte nicht allzusehr die brüderliche Zuneigung abschrecken. Denn >cde suche, welche ihre gelegentlichen Fürsprecher mit Kronen ziert, indcß sie ihre beständigen Vertheidigcr dem Vergessen prcisgiebt, setzt sich der Gefahr aus, später weder Fürsprecher noch Vertheidigcr zu haben! AL. Dresden, Ende Februar. Nach, ivic üblich, vorhergcgangenem Gottesdienst mit Predigt des Herrn Oberrabbincr Dr. Landau fand Sonntag Abend 8 Uhr im saal des Betvsdsre das in d. Bl. schon avisirle, von ca. 90 Herren besuchte Ehcwra-Fcsiessen statt, dem die Spitzen der Gemeindevertretung beitvohntcn und daS in ungetrübter, harmonischer Stimmung verlief. Geistvolle und anregende Trinksprüchc würzten das Mahl. Herr R.-A. Vorsteher Emil Lehmann besprach in längerer Rede die Geschichte beider Wohlthätigkeitsvercine (j. Rr. 7), die antisemit. Zeitströmnngen, die immer wieder erstarkende Brüderlichkeit und gipselte im Hoch auf Kaiser, Kronprinz und König Albert. Des würdigen Herrn Oberrabbincrs Toast galt dem Gemeindcrath, den Vorstand der Wohlthätigkeitsvercine nnd schließlich der allgemein verehrten, von schwerer Krankheit tviedergenesenden Vorsteherin des Frauenvereins Frau R.-A. Lehmann. Dem folgten nun im bunten 'Aufeinander Toaste auf die HH. Obcrrabb. und R.-A. Lehmann (von H. Deput. Moritz Eger) ans die durch Wvhlthätigkeit und Gemeinsinn hervorragende Familien Bondi, specicll H. Vorst. Jos. Bondi, dessen 25jähr. Vvrst.-Jubilüum bevorstche (von Herrn R.-A. Lehmann) auf Die Frauen (von Herrn Sensal Jakobi) auf die „Alliance" resp. deren Vertreter dem Oberrabbiner (von Herrn Deput. Mehrländer) und zum Schluß tvarb nochmals für die „Alliance" in warmen Worten Herr Oberrabbiner Or. Landau. Noch sei erwähnt, daß eine angenehme Abwechselung musikalische und gesangliche Vorträge des Herrn Obercantor A. Wvlfsohn und Violisten Herrn ArHllrj. Wallerstein boten und in dankenswerther Weise die Versänimlung erfreuten. Aus der letztwilligen Verfügung des jüngst verstorbenen Commerzienraths Samuel Jaffa theilen wir die einleitenden Worte des Entwurfs zu der von ihm lctztwillig angeordneten Stiftung mit, die wegen der echten Religiosität, die darin weht, einer weiteren Verbreitung durch Ihr gesch. Bl. würdig sind. Sie bekunden am besten, in welchem Geiste das Judenthum seine Bekenner erzieht. Sie lauten: „Ich scheide aus diesem Leben, indem ich Allen, die mir jemals Leid angethan, .aus ganzem Herzen vergebe und Verzeihung von Denjenigen erbitte, die ich bewußt oder unbewußt beleidigt oder gar gekränkt habe. Unrecht habe ich mit Wissen und Willen Niemand zugefügt. Bis zum letzten Augenblicke meines Lebens hat der feste, unerschütterliche Glaube an Gott und die Unsterblichkeit der Seele mich nicht verlassen. Die Religion war mir stets als Leitstern bei meinen Handlungen und auf meinen Lebenswegen als Anhalt zur Seite, die in mir die Ucbcrzeugung befestigte, daß nicht nur meine Glaubensgenossen, sonder» die Frommen, d. h. die guten und braven Menschen aller Confessionen der Barmherzigkeit Gottes und des jenseitigen Lebens thcilhaftig werden. Gleichwohl glaube ich, daß der Mensch die Verpflichtung hat. in Treue und Hingebung bei der Religion seiner Väter zu bleiben und den Weg nicht zn verlassen, den sie gewandelt haben! Nichts in der Welt würdigt den Menschen so herab als Treubruch gegen seine Mitmetischen, geschweige gegen seine Vorfahren, mit denen er ja stets in vcrwandtlichem Zusammenhänge bleibt, und denen er ja sein Dasein verdankt und mit welchen er sich schließlich wieder vereint. Ich bitte daher meine Kinder und 'Nachkommen inständigst, der angestammten Religion für alle Zeiten treu zu bleiben und dadurch Anderen als leuchtendes Beispiel zn dienen. — In welchem Sinne ich meine hier ausgesprochene religiöse Ansicht auffasse, will ich durch folgende Bestimmung darthun. Es soll von meinem Vermögen voriveg die Summe von Hnndcrttan send Mark in sichere Zinsen tragenden Hypotheken zur Erhaltung einer unter bei» Namen „Samuel uiib Emi lic Ja ffs'schcn Stiftung" zu gründenden wvhlthütigc» Stiftung verwendet werden. Die Zinsen des Kapitals werden alljährlich zur Hälfte für jüdische und zur Hälfte für ch r i st l i ch e Bedürftige, doch v e r s ch ä m t e Arme, verwendet. Die Gaben sollen nicht unter 40 Mark und nicht über 800 Mark für ein Jahr an eine Person gewährt werden, die sich alljährlich bei denselben Personen tviederholen können. Die Anfertigung des Status für diese Stiftung behalte ich mir noch vor; sollte dies jedoch nicht geschehen sein, so verpflichte ich hiermit meine Erben resp. meine Schwiegersöhne längstens 12 Wochen nach meinem Tode die betreffenden Bestimmungen fcstzustellcn und die Euratoren zur Veewaltnng der Stiftung zu wählen; ich wünsche, vaß ein Theil derselben aus ihrer Mitte gewählt werde". Aromverg, 16. Februar. Gestern Abend 10 Uhr verstarb nach längerem Krankenlager der Rabbiner Or. Jul. Gebhardt. Der Syuagogengcmeindc Hierselbst gehörte der Verstorbene 33 Jahre als Prediger an. Er ivar ein Kanzelredncr von seltener Begabung und der erste jüdische Prediger, der in der Provinz Posen die deutsche Predigt einführte. Der Verstorbene ist in Tirschtiegel jProv. Posen) als der Sohn des jüdischen Lehrers Wilhelm Gebhardt im Jahre 1810 geboren, seine Universitätsstudien absvlvirte er in L. ipzig und Berlin und promovirtc in Leipzig auf Grund einer exegetischen Arbeit über den Propheten Hosea. 1842 trat er sein erstes Rabbinat in Wrescheu, 1847 sein zweite» in Gnescn an, woselbst er viele Widerwärtigkeiten und Kämpfe wegen der von ihm angestrebten geringfügigen 'Reformen zu erdulden hatte. Der Geineinde Bromberg gebührt das Verdienst, den Werth dieses Mannes erkannt und stets getvürdigt zu haben. Im Juli 1852 trat er sein hiesiges Amt an, und erwarb sich die Liebe und Achtung Aller, auch der Nichtglanbensgenossen, was sich auch bei der am 18. staltgehabten Beerdigungsfeierlichkeit zeigte, zn der außer der gesammten Gemeinde u. A. auch Oberbürgermeister Bachmann, Bürgermeister Petcrson, Stadtrath Minde nebst mehreren anderen Stadtrüthen, Direktor vr. Gerber, Direktor Or. Gerth, viele Lehrer der Realschule u. s. w. erschienen, welche auch in dem aus inehreren tausend Personen aller Confessionen und Stände bestehenden Trauerzuge znm jüdischen Kirchhofe