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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-02-19 · N° 8. (19.2.1885) · p. Seite 62

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 8. (19.2.1885)
Date
1885-02-19
Page
Seite 62 (sequence 6)
Language
German
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62 — der bedeutende Männer vor ihm gewirkt haben, und bat um die uöthige Kraft und Unterstützung in seinem neuen Wirkungskreise. Haben verschiedene Völker eine besondere Bedeutung in der Geschichte, so sei es Israels Beruf, das Volk der Religion zu sein, darum wurde es ein Priestervolk genannt. Selbst die Kleider des Hohenpriesters hatten im figürlichen Sinne eine tiefe Bedeutung, um bei Handhabung des Rechts nach Eintracht und Friede zu streben. Der Standpunkt, worauf er sich stelle, ist: daß er die Religion Israels verkünden werde, ohne ein Partcimann zu sein. Beim Sabbath-Morgengvttcsdicnst wurde diese Predigt fortgesetzt. Die Jugend und das reifere Alter zu belehren und für die religiösen und sittliche» Interesse» der Gemeinde zu arbeiten, betrachte er als seine Ausgabe. Moses, Aron und Mirjam wurden als die Typen von Gesetz, Cultus und Wohlthätigkeit vorgeführt und an die bekannte Parabel dem Bündel Pfeile als Bild der Eintracht, anknüpsend, ermahnte er die Gemeinde, de» Frieden zu erhalten. — Als Curiosum sei noch mitgcthcilt, daß die hiesigen Blätter eine Bekanntmachung bringen, wonach die jüdischen Bäcker erklären, daß sic auf Anordnung (uitnoodigung) des neuen Obcrrabbiners fortan an den Samstag- und Festtags-Abenden <B‘T1 rair -xrö) feilt frisches Brod verkaufen würden. — Wenn wir nur an den Samstag- und Festtags-Vormittagen stets frisches geistiges Brod zur Labung erhalten, so wollen lvir diese fromme „Neuerung" schon gern mit in Kauf nehmen; doch möchten wir wegen des principiis obsta unserem verehrten, geistlichen Oberhaupt das TCTI plJtn zuzurufcu uns erlauben. Rußland. Mtersburg. Judenfrage und kein Ende! Graf Pahlcn ist inzwischen intermistischer Präsident des Ministeriums geworden. Da wird er noch weniger Zeit haben, die Arbeiten der Judenkommission zu fördern. Inzwischen wird denn lokal reglcmentirt und drangsalirt. In Iinnkand wird der Landtag mit der Judenfrage befaßt werden. Patente sollen ausgegcbcu werden, welche nur bestimmten Kategorien von Juden crthcilt werden und und den Inhabern gestalten Handel und Gewerbe zu treiben, selbst Hauser und Boden zu erwerben — doch nur in den Städten. Wer schon 10 Jahre dort gewohnt hat und ein Wohlvcrhaltungsattest beibringt, bekommt ein für Lebzeiten giltiges Patent. — Der Finauzminister regt den Senat an zu erwägen, ob studirte Juden das Recht haben, in Jnnrußland Handel und Gewerbe zu betreiben. Aus dem von der „Gazctta Warschawski" neuerdings als erdichtet bezcichnetcn Verbote, daß die ausländischen Juden Handelsgeschäfte im Jnlande treiben, (es sind dabei die Odessa betreffenden Verordnungen zu Unrecht generalisirt worden) hat Ihre Kölnische Zeitung ein Verbot gegen den Handel der i n ländischen Juden gemacht und sich telegraphisch die kuriose Bemerkung mittheilen lassen, daß dadurch die Juden in den Wcstprovinzcu am schlimmsten betroffen werden. Dieser Berichterstatter bedient das Weltblatt aber schlecht. In einem Städtchen des Bezirks Mo hi lew hat der Rabbiner als Haupttheil seiner Besoldung das Monopol des Verkaufes von Licht und Petroleum an Juden. Wer an Nichtjuden Petroleum verkauft, soll für jedes Pud 20 Kopeken an den Rabbi zahlen. Nicht, daß diese Einrichtung zu Streitigkeiten geführt hat, sondern ihre culturhistorische Bedeutsamkeit bestimmt mich, Ihren Lesern davon zu erzählen. — Der Colonisationsverein in B i a l y st o ck sendet den Prediger Jehuda Barit als Wanderprcdiger aus, der für Palästina begeistern soll. Warschau. Mit der Expedition des von dem Reichskanzler Fürsten Bismarck im Reichstage genannten Rogozinsky war auch ein Jude H i r s ch e n f e l d mit nach Afrika gezogen. Die antisemitischen Blätter, denen Alles mißfällt, was ein Jude thut, hatten unmäßigen Spott für den jüd. Reisenden, zumal als H. sich bald von der polnischen Expedition trennte und nach Europa heimkehrte H. aber hatte die Ueberzeugung erlangt, daß ohne die Unterstützung einer Großmacht die polnische» Reisenden nichts ausrichten werden und war deshalb nach Paris gegangen, wo er mit der geographischen Gesellschaft und einflußreichen Männern Verbindungen anknüpfte und es dahin brachte, daß eine Erpedition nach Afrika geschickt wurde, welche in Liberia verhandeln solle wegen der Uebernahme der dortigen Staatsschuld von 100 000 Pfund (die das Ländchen zum Sklaven Englands macht) und die Flüsse Pail und Niger ausforschen soll. In der Gegend von Komalia will er 2 kleine Goldsand führende Flüsse näher erkunden. Die geographische Gesellschaft hat H., der Ingenieur von Fach ist, zum Ehes der Expedition vorgeschlagcn. (Hazeph.) Vermischte und neueste Unchrichten. Magdeburg. Der kürzlich in Berlin versammelt gewesene Synodalrath hat dem von den letzten Provinzialsynoden berathene» Gesetzentwurf über das Miuimalcinkoinmcu der Geistlichen, welches innerhalb der acht älteren preußischen Provinzen 2400 Mark betragen und bei einem Dienstalter von 25 Jahren auf mindestens 3000 Mark steigen soll, zugcstimmt. Außerdem hat er sich für die Einrichtung einer Wittwen- und Waisenverpflcguttg ausgesprochen, die nach Analogie des Bcamten-Relictengesetzes de» Wittwen etwa 'l3 der verdienten Pcnsivn des Mannes und den Kindern Erziehungsgelder darbicten und die lokalen Stiftungen dabei unberührt lassen soll. (Wir empfehlen den Vorständen der israelitischen Gemeinden diese Notiz zu gefälliger Tarnachachtung!) Älromberg. Der hier einstim mig*) zum Rabbiner gewühlte Herr l)r. Klempcrcr tritt sei» hiesiges Amt schon zum 1. April an. E. Menburg a d. W., 10. Februar. (Or.-Eorr.) In Nr. 1 habe tch Ihnen über einen Begrübnißfall berichtet, der, weil am Sonntag ivährcnd des Gottesdienstes vorgenommen, eine Anklage der Vorsteher der Gemeinde Geestemünde-Lehe-Bremcrhaven zur Folge hatte, die aber vor dem Schöffengericht in Lehe mit Freisprechung endete. Dieser Fall hat vor der Strafkammer in Verden ein Nachspiel gehabt. Wie die „Nordseezcitung" vom 7. Februar berichtet, hatte die Staatsanwaltschaft gegen daS auf Freisprechung lautende Erkenntniß des Schöffengerichtes Berufung eingelegt. Diese aber hatte keinen Erfolg, denn das Berufungsgericht schließt sich den Anssührungcn des Vordcrrichtcrs vollständig an: ,,Es könne ein Verstoß gegen die Sabbathordnnng (vom 25. Januar 1822) umsoweniger erblickt werden, als das Leichenbegängnis;, wie i» den klrthcilsgründen ausgeführt ist, an und für sich eine die Sabbathfeier entwürdigende Handlung nicht sei, da der Anblick eines solchen vielmehr feierliche und religiöse Gefühle erwecke". Dürkheim, 15. Februar. Ich erlaube mir, rechtzeitig daraus aufmerksam zu machen, daß in vielen jüdischen Gemeinden die bpvn N'LN»- und nniB 7M»-Teller auch dann aufgestellt werden, wenn, ivie es in diesem Jahre der Fall ist, die Mcgilla am Sabbath-Abend gelesen wird. Der Chillul Schabbes, der dadurch hervorgerusen und an heiligster Stätte gewissermaßen saitctiouirt wird, kann in keiner Weise gerechtfertigt werden, und tverdcn darum hoffentlich diese wenigen Zeile» genügen, um alle religiös gesinnten Vorstände wie Private zu veranlassen, diese Sabbathentweihung in ihren Synagogen zu inhibiren. Or. Adolf Salvendi. (Die betr. Teller wären diesmai Sonntag beim Purim- Morgengottesdienst aufzustellen. Red.) *) Das Wörtchen „nicht" in vor. Rr. ist — wie durch ein arges Mißverständnis! seitens des Setzers vom Rande irrthümlich in den Text gekommen, und von uns erst nach Fertigstellung der Nr. bemerkt worden, da tvir von den in letzter Stunde noch in der Druckerei ein. treffenden kleineren Notizen Corrcctnr unmöglich mehr lesen können. (Rd.)

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