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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-02-19 · N° 8. (19.2.1885) · p. Seite 61

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 8. (19.2.1885)
Date
1885-02-19
Page
Seite 61 (sequence 5)
Language
German
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— 61 — talmudische Rech t", Herr Lehrer Nutzbau m über „Urtel Acosta iit der Geschiehte und Dichtung". Sämmtliche Vortrüge hatten sich der gespannten Aufmersamkeit der meist christlichen Zuhörer zu erfreuen. Arier, im Februar Daß die in der Theorie so grau aussehende viclversprochene Verfügung deS Cultusministers v. Gotzlcr, nach welcher bei der Anordnung der schriftlichen Arbeiten für die Abiturientenprüfung ans die jüdischen Zchülcr keine Rücksicht zu nehmen sei, in der Wirklichkeit nicht so schlimm und streng gehandhabt wird, als man anfangs befürchtete, beweist das folgende Factum Vorige Woche fand die schriftliche Abituricntenprüfung des hiesigen Gymnasiums, bei welcher auch zwei jüdische Abiturienten betheiligt waren, statt. Mehrere Tage vor der Prüfung begab sich unser Oberrabbiner Herr Or. Znckermandcl zu dem stellvertretenden Direktor des Gymnasiums, Herrn Professor Or. Fritsch, und unterbreitetes diesem die Bitte, er möge doch bei der Anordnung der schriftlichen Arbeiten Rücksicht auf die jüdischen Abiturienten nehmen und den Samstag nicht mit einer Arbeit belegen. Dieser Bitte wnrdc nun im liebenswürdigsten Entgegenkommen sofortige Folge gegeben. Hamburg, 7. Februar. (Or.-Corr.) Den sechsten Vortrag im hiesigen Verein für die Wissenschaft des Judcnthnms hielt Herr Seminardirektor Or. Prager-Hannover über das Thema: Joscfus. Nachdem der Redner über die verschiedene Bcnrtheilung des I. und deren Begründung gesprochen, zeigte er, in welchem Verhältnisse I. zu den religiöseu und politischen Parteien seiner Zeit gestanden. Die Widersprüche in seinen Schriften wurden hcrvorgchobe», und die Wahrheit von der Entstellung, zu welcher den I. der tendenziöse und apologetische Zweck besonders seiner „Biographie" anregte, gesondert, und so I. gegen sich selbst in Schutz genommen. Redner hält I. für einen zwar schwachen Charakter, glaubt ihm aber nicht den Vorwurf der doppelten Verrätherei machen zu dürfen. Der anderthalbstündigc Vortrag wußte das Publikum zu fesseln und rief dessen lebhaften Beifall hervor. ßalkek. (Or.-Corr.) Die Wahl des Hrn. Or. Prager in Hannover zum hiesigen Landrabbiner ist von der Regierung nunmehr bestätigt. Die in Nr. 18 der „Wochenschrift" vor. Jahrg. von den bekannten „Schwarzen" des Berliner orthodoxen Rabbinerscminars an die Regierung eingcreichte, die Rabbiner der Breslauer Schule besonders anschwärzende Petition, in welcher die Stelle vorkam: „Wir unterlassen nicht, hohe König!. Regierung, ganz besonders aus die Gefahr hinzuweisen, welche durch die Wahl eines sogenannten „Breslauer Rabbiners" uns drohen könnte" hat also nicht die geringste Beachtung gefunden, es wurde ein „Breslauer" zum Landrabbiner gewühlt und von der Regierung auch bestätigt. Der leutselige friedliebende Charakter des Or. P., der ihm alle Herzen geivonnen, wird die angedrohte „Gefahr" zu bannen wissen; seine theologische und pädagogische Tüchtigkeit ist von Allen anerkannt. So ivärcn denn trotz aller gegnerischen Umtriebe die beiden wichtigen Landrabbinate in Hannover und Cassel, von Breslauern besetzt. Mannheim, 6. Fcbr. (Or.-Corr.) Vor einer zahlreichen Zuhörerschaft hielt gestern Herr Stadtrabbiner Or. Steckelmache r einen Vortrag über „die Mäcenität in der jüdischen Geschichte." Redner löste die Aufgabe die er sich gestellt, in einer meisterhaften Weise und will ich den Gedankengang hier in Kürze wiedergebcn. Die Einleitung handelt von Mäcen, dem berühmten Gönner der römischen Dichter und Gelehrten, als dem Urheber des Mäcenitätsbegriffs. Derselbe — der Mäcenitätsbcgriff — in dem idealen Sinne, wie wir ihn heute fassen, deckte sich jedoch, wie namhafte Forscher darthnn, nicht so ohne Weiteres mit seinem Urheber, der bekanntermaßen nicht aus lauterer und von allem Egoismus freien Liebe zur Wissenschaft dieselbe begünstigt hat — daß er verdient hätte, als Repräsentant und Muster alles, nicht nur des römischen, litterarischen Patronats angesehen zu werden. Es ist aber dennoch geschehen durch den günstigen Zufall, daß Rom Weltmacht, somit seine Sprache Weltsprache, seine trefflichen Dichter Weltgrößen und ihr Gönner, zumal wenn er so vereinzelt auftaucht, Gönner der Weltlitteratur geworden. Aber gerade die Lauterkeit der Absicht, Wissen und Erkenntniß zu fördern, und dadurch den Geist des Volkes zu veredeln, sie wird in segensreichster Wirksamkeit angetroffen bei den jüdischen Großen in Palästina, Babylon, Spanien und Portugal, wo Juden zu Zeiten mit den höchsten politischen Stellungen betraut wurden, ferner — nach der Vertreibung aus diesen Lündern — in Italien und der Türkei, wo sie von den humanen Sultanen: Bajazid, Soleiman, Selim besonders wohlwollend behandeln. Männer wie Ehasdai ibn Schaprut, Samuel ibn Nagrdla, die Abrabanels, sämmtiich Minister oder Inhaber sonstiger hoher Staatswürden, machten es sich gleichzeitig zur Lebensaufgabe, nicht nur materiell das zumeist traurige Loos ihrer Glaubensbrüder zu verbessern, sondern vor Allem ans ihre geistigen Bestrebungen fördernd und aufmunternd zu wirken durch fürstliche Protection hervorragender Dichter und Gelehrten, durch Beschaffung von Lehrmitteln, durch Errichtung von Lehrhäusern. Auch edle hochgestellte Frauen, wie Donna Gracia Mendesia, eine spanische Marrauin, die sich später in Konstantinopel wieder offen zum Judenthum bekannte, Beuveniva, intimste Freundin der Tochter des neapolitischcn Bicekönigs Don Pedro nachmaligen Herzogin von Toskana, und Ester Kierra, Favoritin der Gemahlin Murad III, begünstigen die Wissenschaft und ihre Jünger in fürstlicher Weise, abgesehen von der opferfreudigen Unterstützung, die sic auch sonst ihren unglücklichen Glaubensgenossen zu Theil werden lassen. Es ist überhaupt ein Charaktermerkmai der jüdischen Mäcenität, daß sie immer verbunden austritt mit Humanität überhaupt. Der jüdische Mäcen, wie er uns aus der jüdischen Geschichte entgcgentritt, ist zugleich Wohlthäter, der Freund der Wissenschaft, zugleich Freund der Menschen, der Förderer wissenschaftlichen Ernstes, zugleich ein Mann sittlichen Ernstes, entsprechend dem Grnndprincip des Judenthums, weiches Vereinigung der Lehre mit dem Leben, des edlen Forschens mit dem edle» Handeln, verlangt. Herr Or. Steckelmacher beabsichtigt dem Bedürfniß nach Belehrung über Geschichte und Wesen des Judenthums in jedem Jahre durch einen populär-wissenschaftlichen Vortrag seinerseits zu entsprechen. Zur Vervollständigung dieser Absicht geht man hierseits mit dem Plan um, die Bildung eines Vereins ins Leben zu rufen, der sich die Berufung auch auswärtiger geeigneter Kräfte zur Aufgabe machen soll. Holland. Rotterdam, 1ö. Februar (Or.-Corr.) Freitag Nachmittag 3 Uhr fand in der sogenannten „großen", in Wirklichkeit doch ziemlich kleinen, Synagoge der Niederländischen isr. Gemeinde die Installation des Herrn Or. B. L. Ritter als Oberrabbiner des shnagogalen Ressorts statt. Das Gotteshaus war geschmackvoll mit Blumen decorirt, und die Feierlichkeit durch die Anwesenheit des Kircheuraths und sonstiger Autoritäten erhöht. So weit der beschränkte Raum es gestattete, war er von Gcmeindemitglicdern besetzt.—Rach einem Willkommlicde, gesungen vom Synagogen-Chor hielt der greise Haager Oberrabbiner Herr Bereit stein, der das hiesige Rabbinat viele Jahre interimistisch verwaltet hat, die Einführungsrede, in welcher er mit warmen Worten seinen Amtsbruder hauptsächlich die Förderung der sittlich-religiösen Interessen der Gemeinde ans Herz legte, wozu sich ihm hier ein großes Feld zur Bearbeitung darbiete. Es sei ihm seines Alters wegen lieb, sich von einer jugendlichen Kraft abgelöst zu sehe». Er wünsche seinem Nachfolger, daß seine Stimme nicht die eines Predigers in der Weise sei. Hierauf nahm er Abschied von der Gemeinde und erflehte den Segen des Herrn für den Amtsnachfolger. Nach dem Abendgottcsdienst hielt nun der Herrr Oberrabbiner Or. Ritter seine Antrittsrede. Er dankte die Vorsehung, daß er erwählt wurde, eine Stelle zu bekleiden, an

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