Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 8. (19.2.1885)
- Date
- 1885-02-19
- Page
- Seite 63 (sequence 7)
- Language
- German
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Leipzig, 25. Januar. Auch Leipzig ist neuerdings — etwas spät, da die betreffende Bewegung glücklicher Weise f schon stark ii» Rückgänge begriffe» ist — mit einem anti - [ scmitschen „Reformverei»" beglückt worden. Derselbe | hat in diesen Tagen eine öffentliche Versammlung gehalten, ' die aber de» Stempel der herrschenden Carnevalszeit getragen zu i haben scheint. Es ist in hohem Grade bedauerlich, dag man s diesen national-confessionellpolitisch - wirthschaftlichcn Hader j auch in die hiesige Einwohnerschaft künstlich zu verpstauzen [ sucht. Ich sage „künstlich", denn das Verhältniß zwischen « Ehristen und Juden war bisher hier stets ein ungetrübtes; | die hiesigen Vertreter des Jndcnthums, größtentheils ange- > sehene Handelsleute, — schreibt ein Eorresp. der „Magdcb. I Zeirg." — haben so wenig zur Hcrvorkehrung eines solchen k gehässigen Gegensatzes Anlaß gegeben, daß wohl kaum irgendwo so wenig als grade hier zu einer derartigen „antisemitischen" Bewegung Anlaß gegeben war. Es steht zu hoffen, daß der gesunde Sinn Leipzigs diesen ihm künstlich eingeimpfnte fremden Tropfen Blut baldigst tvieder ausstoßen wird. Ii. Khemnitz, Anfang Februar. (Or.-Corr.) Die hiesige junge, rasch anfblnhende Gemeinde, die seit Jahresfrist in Herrn Rabbiner Dr. Mnhlfelder einen tüchtigen Seelsorger und Direktor der Religionsschnle gewann, steht im Begriff, »ach ungemein sich in die Länge gezogen habenden Vorarbeiten Seitens der Behörden und des Ministeriums in die Reihe der korporativen Gemeinden einzntrcten. Die Gemeinde beabsichtigt nach Erlangnttg dieser Rechte zu einem Synagogenban zu schreiten.! AL. ßhemnih, Mitte Februar. (Or.-Corr.) Vor Kürzet» k fand die seit Langem vorbereitete, von einem den Bürger- £ meistcr stellvertretenden Rathsassessor geleitete Versammlung l stimmberechtiger und steuerpflichtiger jüdischer Einwohner von Chemnitz im Saale des „Hotel Reichold" statt. Sie war von 111 Personen besucht und hatte durch die sndloo-Anf nähme der Statute» einen raschen Verlauf. Allerdings waren s noch über 40 Herren, thcils mit, theils ohne Entschuldigung : ausgeblieben, was Letzteren eine Strafe von 15 M. znziehen l und die endgiltigc Entscheidung der Regierung noch hinans-! schieben dürste. Die hiesige Religionsgenossenschast, vor t cttva 12 Jahren erst begründet, ist demnach nach Art ameri- , kanischcr Städte angewachsen. Die Religionsschule zählt! nahezu 70 Zöglinge.! Wien Der akademische Senat hat wegen der bekannten l , Vorgänge in einer Versammlung des medicinischen Unterstützungsvercins (antisemit. Rohheit!» 2 Studenten für immer und 2 andere auf 1 Semester von der hiesigen Universität relegirt. Eineni Studenten wurde eine strenge Rüge crthcilt. Wien. Professor Dr. G r ü n h u t hat den Orden der eisernen Krone erhalten. Die „Nouvelle Revue" in "Maris erzählt, daß einst Thiers den jungen Gambetta an Knranda als einen tüchtigen und vielversprechenden jungen Mann einpfohlen habe Krakau, 8. Februar. (Or.-Corr.) Ihr Bester Correspondent, welcher die Verhältnisse der dortigen israelitischen Religionslchrer, in düsterem Lichte schilderte, glaubte, daß es!in Cisleithanien besser damit bestellt sei. Wen» dem vielleicht auch so sein sollte, so lassen sich aber von Krakau keine besseren Berichte hierüber erstatten. Der Religionsunterricht an den Mittelschulen dahier ist obligat, hat aber auf die Censur keinen Einfluß; der Schüler erhält ein Zeugniß erster Klasse, wenn er auch in Religion die schlechteste Note erhält. Der Religionsunterricht ist dem Gesammtuuterrichte nicht einverleibt, sondern wird in der freien Zeit erlheilt. Zu den Conferenzcn wird der Religionslehrer nicht geladen. Jüngst forderte der Herr Direktor des 3. Gymnasiums vom Herrn Rabbiner Dr. M. Duschak im Namen des Landesschulrathes einen Lehrplan über den Religionsunterricht an den Mittelschulen ein, welcher mit Befriedigung von dieser hohen Behörde entgegen genommen und beurtheilt wurde. Es stehen nämlich bedeutende Verbesserungen in dieser Beziehung in Aussicht. Sobald diese sich verwirklicht haben werden, lverde ich nicht ermangeln. Ihnen Bericht zu erstatten. Furt«. Bon jüdischen Ausstellern sind 71 ausgezeichnet worden, und zwar in 18 Abtheilungen der allgemeinen Ausstellung. In der Abtheilung Heerwesen hat der Oberst Josef Vitale in Ehrendiplom erhalten. Im Unterrichts fache wurden die jüdischen Schulen von Rom, Florenz, Livorno mit goldenen Medaillen, die jüdische Handwerkerschule in Mantua für Schularbeiten mit einer Bronzemedaille bedacht. Maris. Einige Blätter hatten die Kriegstüchtigkeit der jüdischen Rekruten ans Algier bemängelt und verspottet. Darauf erwidert die „Solidarits", indem sie einige Daten für eine „Geschichte des jüdischen Krieges" liefert: „Man hat nie gesehen, daß die (arabischen) Spahis dem braven Commandanten Aron, der 1854 die Schwadron der Spahis von Tiaret befehligte, oder dem ebenfalls jüdischen Chef des arabischen Bnreau's von Laghouat und Medeah den Gehorsam verweigert hätten. Die Mehrzahl der militärischen Dolmetscher, welche so oft sich an der Spitze der Truppen, die sie gegen die Feinde führte, haben tödten lassen, waren ebenfalls Juden, wie Cohen 1833 vor Mostaganem, Ayas 1846 ebendaselbst, Levy 1846 in der Schlacht von Mengren. __ Maris Der Führer der radikalsten Gruppe im Pariser Stadtrathe, die jeden Tag verloren nennt, an welchem sie Nichst gegen die Religion gethan oder wenigstens gesprochen hat, ist ein Exjnde, der „Bürger" Camille Dreyfns. Besonders ersreut sich der liebe Gott der Gegnerschaft dieses „Atheisten". In furchtbare Exstasc hat es ihn versetzt, daß in eineni Schulbuche der Satz vorkommt: Gott ist unser Aller Vater. Das ist ihm eine Verletzung der religiösen Neutralität der «chule!? Ritter der Ehrenlegion ist Herr Max C r e m n i tz getvorden, der als Erfinder der künstlerischen Anwendung der Chromolithographie eine bedeutende Industrie geschaffen hat. Herr Jsaie Levaillant, Präfect des Doubs und Herr Camille Lyon, Direktor im Ministerium des Innern, sind zu Offizieren des öffentlichen Unterrichtes ernannt worden. Warschau. Die „Gazetta Warschawska" ist in Nöthen. Sie hat Ed. v. Hartmanns Buch über die Judenfrage in großen Auszügen übersetzt, hat ihn als den größten Philosophen des Jahrhunderts ihren Lesern vorgestellt und seine Autorität als maßgebend bezeichnet. Da erscheint H's. Artikel gegen den Katholicismus. Alle polnischen Blätter zetern Gift und Galle gegen v. H. Der „G. W." bleibt vor Wuth das Wort in der Feder stecken, denn sie muß ihren neuesten Herrgott zu den Culturkämpfern werfen. In Hdelsa hat Herr Rabbiner Dr. Schwabacher einen Vortrag gehalten, der dem Bildungsverein 400 Rubel eintrug. Das Thema hieß: Deutschland und Aegypten! Aonllantinopek. Die Herren Grünblatt und RoosauS Amsterdam sind von Jerusalem hier eingetroffen, um die Erlaubniß, dort ein FreihauS zu erbauen, hier zu erwirken. Conllantinopek. Herr Moses den Nathan hat in dem Stadtviertel Kadikoi Haidarpascha eine Synagoge und Schule errichten lassen, an weicher Lehrer des Hebräischen, Türkischen und Französischen angestellt sind und die „Ohel Mosche" genannt wird. Makäüiua. Der Leiter der Colonie „Jessod hamaaloh" dankt Herrn Oliphant dafür, daß er jedem Colonisten einen Anzug und der Colonie 1000 Frank geschenkt hat. — Die Einwanderer aus Suwalk sind türkische llnterthanen geworden. Der englischen Expedition zur Erforschung des Ostjordangebicts ist der kaiserliche Ferman nicht ertheilt worden. Jerusalem. Alle hiesigen K o l l e l i m (Verbände) wollen einen Protest gegen die Colonisatio» Palästina's, illustrirt durch die Leidensgeschichte der Colonie „Pessach Tikwah", an sämmtliche Gemeinden Israels versenden. Lochinchiua. In C h e i d o c ist der Präsident des Gerichtshofes ein Jnde, Herr Lipmann.