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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-02-19 · N° 8. (19.2.1885) · p. Seite 60

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 8. (19.2.1885)
Date
1885-02-19
Page
Seite 60 (sequence 4)
Language
German
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— 60 — Dr. Haindorf. stattgcs,inden, die Vollendung des Baues wird wahrscheinlich im August dieses Jahres stattfinden und ist fine Eiuwcihungsfcier i» Aussicht genommen. Das Grundstück hat eine sehr schöne und gesunde Lage au der Wehrstraße. Gegen diese Straße liegt die Front des Gebäudes. Dieselbe hat sieben Fenster, das Haus ein sehr hohes, luftiges Souterrain, sodann 2 Stockwerke und mehrere Dach- Zimmer nebst geräumigen Böden. Vor der Front befindet sich ein für hübsche Gartenanlagen bestimmtes Vorgärtchen, hinter dem Hause liegen die Spiel- und Turnplätze, sowie ein größerer Garten. De» damals unbebauten Platz hatte das Kuratorium der Stiftung für den billigen Preis von 14000 Mark erworben: die Gcsammtkoste», einschließlich dieses Kaufpreises, werden sich ans ungefähr 65.000 Mk. belaufen. Obgleich die für diesen Bau veranstalteten Sammlungen im Ganzen einen guten Erfolg gehabt haben und sich auch hier wieder die Mildlhätigkeit unserer Glaubensgenossen bewährt hat. so ist es doch dringend zu wünsche», daß noch fernere erhebliche Beiträge cingehen, da sonst das Kuratorium gezwungen sein wird, die Besitzung mit einer Hypothek von ungefähr 20,000 Mark zu belasten. Wenn das Gebäude fertig sei» wird, wird es durch seine gefällige Forinen und seine hübsche Front eine Zierde ver Stadt sein und der Marks Haindorfscheu Stiftung Ehre machen. Hoffentlich werden die Resultate des Seminars, ivclches in neuerer Zeit sich materiell und geistig sehr gehoben hat und augenblicklich von 14 Lehrzöglingen, wovon 4 Abiturienten, besucht ivird, nicht hinter der äußern Erscheinung des Teminargcbäudes zurückbleiben. In diesem Gebäude werden nach den getroffenen Einrichtungen, leicht 30 Zöglinge und noch mehr Unterkommen finden. Das Hauptverdicnst an dem Zustandekomnien dieses schönen Werkes gebührt in erster Lime dein früheren langjährigen Präses des Kuratoriums, jetzigen Ehrenpräsidenten desselben, Herrn Rittergutsbesitzer Lüb auf Caldenhof bei Hamm, dem leider zu früh verstorbenen Präses Heinz I tz i g in Münster und dem jetzigen Präses Herr» F. Blumenfeld daselbst, sowie dem bauleitenden Archltcctcu Herrn Vvßkoclter, nicht niinder aber den Wohlthätcrn, die ihr Scherflein zu de» Baukosten beigetragen haben, an deren Spitze wieder Herr Löb mit dem sehr ansehnlichen Betrage von l 5,000 Mark stand. Hoffen wir, daß diese Anstalt die eine fast 60 jährige ruhmreiche Vergangenheit har, auch für die Zukunft eine Segensspenderin für die jüdischen Gemeinden Westfalens und der Rheinprovinz sein werde. 8. Aus Westpreuße«. (Or.-Corr.) Gegen viele jüd. Kultusbcamten russischer Nationalität, die jedoch ihre Naturalisation nicht erhalten, scheint die preußische Regierung mit aller Schärfe vorzugchcn. Wie dem Schreiber dieses bekannt, ist vielen Kantoren und Schächtern in der Provinz jede Amtshandlung gegen sofortige Landesverweisung untersagt worden. Diese Maßregel, welche vom Ministerium des Innern ausgchcn soll, hat in den jüdischen Beamtenkreisen viele Bestürzung hcrvorgerufcn. Es sollen durch diese Verfügung Beamte getroffen sein, die länger als 15 Jahre in einer Gemeinde als Vorbcter fungiren. Viele Gemeinden find bemüht, diese Verordnung rückgängig zu machen. Ob wohl mit Erfolg?? — Im benachbarten Garnsee wollte ein Vater sein Kind beschneiden lassen. Dieses that bisher der dortige Kantor. Jetzt lveigerte derselbe sich, die Beschneidung zu vollziehen. Der Vater des Kindes mußte sich deshalb eine» Mohel von Graudenz holen. — In andern Gemeinden dürfen die Kantoren auch nicht schlichten, so daß bald daselbst Fleischmangel entstehen dürfte. — Gestern sprach ich eine» Kantor: derselbe hatte wenig Hoffnung, die Naturalijatiou zu erhalten, da Rußland sehr selten ihre Staatsangehörigen aus dem Unterthaneuverbande entläßt. — Wäre cs nicht angebracht, daß der D.-J. G.-B. bald Schritte zur Abhilfe thue? — Es dürften sich auch wenige Lehrer finden, die den Anforderungen der Gemeinden in Posen und Westprcußen genügen würden. 8. Schneidemußl, l3. Febr. iOr.-Corr.) Wie man auch in der „Wochenschrift" in Berichten aus verschiedenen Orten ersieht, gehen die Regierungen mit aller Strenge gegen nichtnaturalisirte Inden vor: es läßt sich das wohl jedenfalls auf höheren Befehl zurllckführen und ist auch ein Zeichen der Zeit. Auch hier wurde zweien verheirathcten poln. jüdischen Handwerkern, weiche bereits ca. 10 resp. 5 Jahre an hiesigem Orte ansäßig sind, der polizeiliche Befehl zugestellt, in einer bestimmten Frist sich Pässe zu verschaffen, dr sie andernfalls per Schub über die Grenze spedirt werden würden; einer von ihnen wurde sogar in Haft genoinme», weil er einer früheren Verwarnung nicht nachgckomine». Es gelang aber doch zuerst gegen Eautionsstellung die polizeiliche Frist zu verlängern und schließlich ist von der Königl. Regierung der Aufenthalt diesen beiden Leuten gestaltet worden, nachdem seitens des Gemeinde-Vorstandes eine Bürgschaft, dahin lautend ausgestellt wurde, „daß die hiesige Gemeinde jederzeit i in A r m u t h s f a l l c s ü r ll n t e r - Haltung der Familien zu sorgen habe und der städtischen Armenkasse niemals Kosten, sei cs welche Art es wolle durch diese beiden Familien entstehen dürfen." Es würde sich nun in solchen Gemeinden, wo brave Männer mit Ausweisung bedroht sind, empfehlen, sofort der Ortspolizci eine Garantie wie die eben angeführte anzubicten und das ist der Zweck, weshalb ich diese Angelegenheit in dies. Bl. berühre. Frier, im Januar. (Or.-Corr.) Wie sich die letztvergangenen Jahrzehnte in der Geschichte Israels kurz dahin charakterisire» lasse», daß sie ihre Aufgabe darin erblickten, überall würdige Stätten für den Dienst und die Verehrung Gottes zu schassen, so ist cs unserem und den folgenden Jahrzehnte» Vorbehalten, die großen und reichen Schätze der jüdischen Littcratur den breiten Schichte» des Volkes zugänglich zu machen. Und so sehen wir denn überall Talmud-Thora-, Jüdische Litteratnr-Vereinc rc. entstehen, die alle d?p einen Zweck verfolgen, die Kcnntniß unserer erhabenen Gotteslehrc und unserer großen Vergangenheit in Geschichte und Lilteratur zu verbreiten. Auch unsere Gemeinde erfreut sich eines solchen Talmud-Lhora-Vereincs, der unter der thatkräftigen Leitung unseresOberrabbinersHerrnOr.Zuckcrmandel sich gedeihlich entwickelt. Den ersten größeren Vortrag in der laufenden Wintersaison hielt in diesem Vereine Herr Dr. Zuckermandcl über „Maimonidcs". In mehr als einstündigem Vortage entwarf der gelehrte Redner ein ebenso klares als erschöpfendes Charakterbild des großen jüdischen Philosophen, indem er gleichzeitig dem zahlreich anwesenden Auditorium einen orientirenden Ein- und Ucberblick über dessen epochemachenden Werke gab. Im Laufe des vorigen Monats berief der Verein den Herrn Rabbiner Dr. Lewin aus Koblenz zu einem Vortrage, der sich ebenfalls eines zahlreichen Besuches und einer sehr beifälligen Aufnahme erfreute. Der sprach- und formgewandte Redner entwarf über das Thema: „Der Adel in Israel" eine hochinteressante Völkerstudic, in welcher er mit mancher geistreichen Hypothese den Nachweis lieferte, daß auch Israel alle Phasen socialer Gegensätze von Freien und Unfreien, Patriciern und Plebejern, höherem und niederem, geistlichem und weltlichem Adel rc. durchlaufen, bis es sich zu der geläuterte» Anschauung eniporgeschivuugen, nach welcher nur der G e i st e s adel eine Berechtigung habe. — Im hiesigen „Wissenschaftlichen Verein", der die Geisteselite der Stadt umfaßt, haben wiederholt jüdische Mitglieder des Vereins Vorträge aus dem Gebiete der jüdischen Geschichte und Litteratur gehalten, und haben so in bescheidenem Maße nicht unwesentlich zu geläuterten Ansichten über Juden und Judenthum in jenen Kreisen beigetragen. So hielt im Laufe des Jahres Herr Oberrabbiner Dr. Zucker - mandel einen Vortrag über die „Tosefta", Herr Sigmund Mayer über die „Neuhebräische Poesie in der maurisch - spanische» Periode" und über „Das

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