Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 7. (12.2.1885)
- Date
- 1885-02-12
- Page
- Seite 54 (sequence 6)
- Language
- German
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— 54 — Ein im Finsteren schleichendes Denunciantensystem macht sich dort in einer sehr widerwärtigen Weise breit. Wie demselben die Schächter der Gemeinde zum Opfer fielen, ist z. Z. auch in diesen Blättern gemeldet worden. Daß die Unschuld der Angeklagten sonnenklar bei der öffentliche» Gerichtsverhandlung sich ergab, ist ja selbstverständlich; allein die Aermsten hatten vier volle Wochen während der Untersuchung im Kerker schmachten müssen. Nunmehr darf der eine Gemeindeschächter auf höhere Weisung der Behörde seine amtlichen Funktionen nicht versehen, weil er, als nicht naturalisirter Ausländer, das Jndigenat bis jetzt nicht zu erwerben vermochte. Ueberhanpt scheint die Behörde gegen die ausländischen, nicht naturalisirten jüdischen Cnltusbcamtcn mit aller Energie vorzugehen. Wo dieselben die Naturalisationsurkunde nicht vorweisen können, macht sie ihnen die Beschaffung derselben innerhalb einer gewissen Frist zur conditio sine qua non. Es ist daher durchaus nicht immer vorurtheilsvvlle Animosität, wenn Gemeinden bei Bacanzen ausdrücklich betonen: Polen und Russen (sc. nicht-naturalisirte) werden nicht berücksichtigt. Bor einiger Zeit soll die vfficiös inspirirte „Schlesische Zeitung" eine geharnischte Erklärung gebracht haben, die sich des Weiteren über die Unzuträglichkeiten ausspricht, welche die Anstellung ausländischer, nicht naturalisirter Cullusbeamten im Gefolge hat. Gemeinden werden gut thun, bei cintrctenden Bacanzen ihr berechtigtes Jnteressewahrzunehmen und principielljedeCandidatur nicht naturalisirter Ausländer a limine abzuweisen. Biellcicht wird ans diese Weise langsam, aber sicher die Purification des Standes der niederen Cultusbeamten sich vollziehen. Kleine und mittlere Gemeinden wissen ein trauriges Lied über die socialen und moralischen Schäden zu singen, welche die stiminbegabten russisch-polnischen Cantoren, Schächter und — sit venia verbo — Religionslehrer nicht selten verbreiten. Doch darüber heute genug! Um erfreulicher zu schließen, als ich begonnen, will ich nicht verfehlen mitzutheilen, daß die Gemeinde Creuzburg ernstlich daran denkt, ein neues, schönes Gotteshaus aufzuführcn. Oesterreich-Ungarn. Arad, 4. Februar. Das Leichenbegängniß des hiesigen Oberrabbiners Herrn Jacob Steinhardt hat heute unter imposanter Bcthciligung der Behörden, Korporationen und Bereinc statkgcfunden. Im israelitischen Tempel hielt der Szegediner Oberrabbiner Or. I. Löw eine tiefergreifende Trauerrede, worauf der unabsehbare Leichenzug unter dem „Glockcnläute sämmtlichcr Kirchen" sich in Bewegung setzte; m den Straßen, die der Leichenzug passirte, waren die Läden gesperrt. Der Leichenfeier wohnten Bischof Metianu, die gesammtc Geistlichkeit der verschiedenen Consessionen, das städtische Beamtencorps mit deni Bürgermeister an der Spitze, Major Pavel in Vertretung der Garnison, mehrere Deputationen verschiedener auswärtiger Gemeinden, der Gerichtshof, der Professorenkörper, sämmtliche Vereine mit ihren Fahnen, und eine vieltausendköpfige Menschenmenge bei. piksen, 6. Februar. (Or.-Corr.) „Ich bitte um's Wort zu einer faktischen Berichtigung!"*) Ich habe mit meiner Bemerkung, die gegenwärtigen Oberländer Juden keineswegs beleidigen wollen. Es freut mich außerordentlich zu hören, daß man dort seit dem Antritt des Herrn Landrabbiners vr Salzer nichts mehr von Wucher hört. Ich berufe mich aber auf das Zeugniß von ganz Thüringen, ob nicht daselbst, sei's mit Recht oder Unrecht, der Wucher jener Gegend sprüchwörtlich geworden ist. Ich habe auch nur sagen wollen, *) Dazu müssen wir das Wort nach parlamentarischem Brauche allerdings jederzeit ertheilen; doch sei hiermit die Debatte über diesen unerquicklichen Gegenstand geschlossen. — Wenn wir von Zeit zu Zeit Korrespondenzen, die über vorkommcndc moralische Gebrechen bei den Inden dieser oder jener Gegend sich tadelnd auslassen, ausnehmcn, so ersüllen wir damit nur die einem Ivahrheitsliebcndcn jüd. Blatte, dem die Läuterung des Jndcnthums von allen Schlacken am Herzen liegt, obliegende Pflicht: oder sollen wir's nur den antisemitischen Blättern überlassen, unscic Fehler und Schwäche» cmszndecken,die sie unserer Religion und Race zuschrcibcn, und nicht einzelnen Individuen? (Red.) daß die strengste orthodoxe Observanz noch keine Bürgschaft für Moral und Sitte sei. In ganz derselben Weise war in diesen Blättern vvr Kurzem von den Juden in gewissen Kreisen Hessens die Rede. Den braven Eisenachern habe ich in keinem Falle wehe thun lvollen. Dem Erfurter Correspondenten in vor. Nummer sei bemerkt, daß die Erscheinung, daß sich gerade dort die Wucherer befanden, wo Gebetkllrzungen in Uebung sind, in meinen Augen ein wahrhaftes Wunder ist, aber pÖlD p — und ich verlasse mich auch auf die Angabe nicht. Caro. Rustland. Kakisch. (Schluß.) Wenn auch aus einigen Entscheidungen welche vom dirigirenden Senate zu Gunsten einiger Inden auf ihre Beschwerden über barbarischer Anwendung der „temporären Vorschriften" getroffen wurden, deutlich genug hervorgeht, wie man in den höheren Sphären diese Gesetze betrachtet, so fahren die Unterbeamten, Dank der gegenwärtigen Strömung und der täglichen Hepyep-Rufe unserer Presse, dennoch systematisch fvrt, immer neue Ausweisungen der Juden aus solchen Orten zu veranstalten, wo schon ihre Ureltern sich angesiedelt haben. Wie man der „Pol. Corr." meldet, drängen die Gouverneure der russischen Grenzprovinzen, namentlich in Pvdolien und Wolhynien, im Sinne eines veralteten Ukas des Czars Nikolaus, auf Entfernung fremdländischer Juden aus dem Rayon bis zu 50 Werft von der Grenze. In R a d - ziwillow wurden österreichische Juden, die sich im Besitze vorschriftsmäßiger Reisepässe befanden, wo sie noch einigermaßen ihre karge Existenz finden konnten, aufgefordert, sich protokollarisch zum Verlassen binnen einer kleinen Frist ihres Wohnsitzes zu verpflichten, und iverden dieselben, in Ermanglung aller anderen Gewerbsquellen, das Contignent der Proletarier nur noch vergrößern. Einige Blätter brachten die aporistische Nachricht: „In Wolhynien widersetzten sich die Juden der allgemeinen Wehrpflicht." In solcher Fassung verräth sich nur eine böswillige Erfindung! - Wie daö Petersburger „Echo" gehört yaben will, hat die unter dem Vorsitz des Grafen Pahlen eingesetzte „Judeucommissivn" unter andern Fragen auch folgende angeregt: „Welchen Einfluß üben auf die gesellschaftliche und staatliche Gestaltung „Juden" aus, welche an der Tageslitteratur. als Redakteure und Verleger von Organen der russischen Presse Antheil nehmen". -s-d. Rumänien. Bukarest. Die Austreibung der Inden. Der Schochet S. Haim aus Dersca (Distr Dorohoi),)welcher von seinen Religionsgenosien in eine Commune berufen wurde, um daselbst eine religiöse Ceremvnie zu vollziehen, erhielt von der Ortsbehörde den gemessenen Befehl, innerhalb 24 Stunden abzureisen, widrigenfalls dessen gewaltsame Ausweisung erfolgen werde. Allein bevor noch diese Frist abgelaufen war. wurde er mitten in der Nacht von bewaffneten Männern überfallen und in brutalster Weise zum Verlassen des Orts gezwungen. — Aus Dersca wurden ferner vier Israeliten, welche daselbst seit vielen Jahren domiciliren und als redliche Handwerker bekannt sind, verjagt und deren gesummte Habe zerstört. — Von dem gleichen Schicksale wurde in Zovristea ein seit 30 Jahren dort ansäßiger Schneider Namens Jdel Klein betroffen,derallerHilfsmittel entblößt,mitseinerzahlreichen Familie den Ort plötzlich verlassen mußte, um einer ungewissen Zukunft entgegenzugehen. Zahlreiche ähnliche Fälle werden aus verschiedenen Gegenden, namentlich der oberen Moldau gemeldet und überall gehen die Behörden mit geradezu unmenschlicher Grausamkeit zu Werke, indem sie den ohne allen Grund von der Ausweisung betroffenen Familien nicht einnial genügende Zeit lassen ihre Habseligkeiten in Sicherheit zu bringen, in manchen Fällen aber nicht einmal auf den Zustand der Kranken Rücksicht nehmen und dieselben, gleichviel ob dabei ein Menschenleben auf dem Spiele steht oder nicht, zwingen, den Wanderstab zu ergreifen.