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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-02-12 · N° 7. (12.2.1885) · p. Seite 50

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 7. (12.2.1885)
Date
1885-02-12
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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50 — Nun geht der Berfasser im 4. Absätze des 3. Capitels aus das Ösebiet der Speculation über, und da beginne» unsere Wege auseinander zu gehe». Das Judenthum glaubt — sagt der Berfasser — seine historische Mission sei nicht beschlossen. Dem Berfasser fehlt nicht der Sinn für die Großartigkeit dieser ideale» Ans fassung, die ihm darin besteht, „daß die Lehre von Zion ausgehe», daß einst die Völker sie annehmen re, werden, — Aber auf Grund speculativcr Betrachtung der Geschichte bezweifelt er, daß die Bergangcnhcit zu solcher Hoffnung für die Zukunft berechtige. Er glaubt, da das Judenthum sich nur m christlicher und mohammedanischer Umgebung erhalten konnte, so sei die Erhaltung des Judcnthums mehr eine Resultante dieser homogene» äußeren Verhältnisse, als der Kraft einer inneren Mission, Als Beweis dafür, daß es sich in nichtchristlichcr und nichtmohammedanischer Umgebung nicht erhalten könne, dient ihm die Thalsache, daß „in Indien, dem Lande des Brahmanismus, etwa 15,000 Juden leben, darunter 2600 sogen, Bein Jisrael, die das Gesetz Mose nicht haben, — In China wohnen etwa 200 Juden, „Man wird behaupten dürfen, daß die Juden zu ihrer Erhaltung einen mit ihrer Umgebung gemeinsamen religiösen Boden nölhig gehabt haben". Unter den Heiden wäre das Jndeulhum untergegange». Nur politische Gründe waren für die religiöse Toleranz der Römer maßgebend. Gäbe cs kein Ehrislenthum und keinen Mohammedanismus, so gäbe es kein Judentbnm, Diese Abhängigkeit des Judcnthums berechtige zum Zweifel an seinem Führerberufc, Die heilige Schrift ist nicht durch die Juden, sondern durch die Christen, besonders Luther, Gemeingut der zivilisirten Welt geworden. Die universelle Bestimmung des Judenthums ist prophetische Theorie, Praxis aber der Satz des Talmud: wer zum Judenthum Übertritt ist für dieses eine Last! Das Christenthum ist Träger der prophetischen Theorie, Das Judenthum ist national, „die Religion einer fiktiven Nation, das Ehristcnthum ist universell, deutsch ist der Protestantismus, Die Bes chncidnng hemmt die Ausbreitung; die Feiertage sind nationale Erinnerungs-Denkmale, Dies nationale Element „verschließt dem Jndenthum die Zukunft". In diesem 8 haben wir die Sophisterei der Leidenschaft, des Egoismus vor uns, Bor allem ist es nicht wahr, daß das Jndenthum in heidnischer Umgebung nicht Hütte bestehen können. Die Toleranz ist ein Grundelement des Heidenthums; wenn jedes Volk seinen eigenen Gott hat, warum nicht Israel auch den seinigen? — Auch ist die Bibel in griechischer Ucbersctzung von den Juden aus Gemeingut der Menschheit geworden, — Aber zugegeben: Israel konnte sich nur in christlicher und muhammedanischer Umgebung erhalten, so sind ja Christcnthum und Jslani — Tochterreligionen des Judenthums! Das Judenthum hätte also aus eigener Kraft sich den Boden zu seinem Fortbestände innerhalb der heidnischen Welt schöpferisch gestaltet — und somit wäre diese Behauptung, welche dem Judenthum eine Abhängigkeit vindizirt, gerade der beste Beweis für die Unabhängigkeit desselben. Denn wer ist unabhängiger, als wer die Bedingungen seiner Existenz trotz aller feindlichen Elemente, stets aufs neue hervorzubringen vermag, — Auch ist das Judenthum der Gegenwart durchaus nicht national, es ist eine Religionsgenossen schaft, wie jede andere und weiter nichts; die Geschichte Israels war aber von je nur die Geschichte der jüdischen Religion, und die Geschichte der jüdischen Religio» ist — die Geschichte der Religion der Menschheit, „Votrs Libl«" — sagt Renan in seinem vor Juden gehaltenem Bortrage: Le Judaisme et le Christianisme — Messieurs, est le livre de l’humanite tout entiere, c’est a dire l’histoire des developpements successifs de l’idee religieuse dans l’humanite“. Das ist ja eben das universelle Element des Judenthums, daß es schon innerhalb seines nationalen Lebens die nationalen Schranken überwunden hatte. Die Geschichte Jsrael's ist nicht die Geschichte eines Volkes, sondern die Geschichte des ,,, Monotheismus! Auszug aus Egypten, Wanderung in der Wüste, Hainau und Mordechai, die Makkabäer und Antiochus Epiphanes, sie sind die geschichtlichen Offenbarungen des Einen-Einzigen, ebenso wie die großen Propheten: Muses, Elias, Jesajah, Jeremiah u, s, w, die individuellen Träger dieser Offenbarung sind, „Die Menschwerdung Gottes" innerhalb des christlichen Dogmenkreises ist ja nur eine ins Extrem überschießcnde Einkleidung dieses in seiner Beschränkung uralten jüdischen Gedankens der Realisiruug des Göttlichen innerhalb der Mensche»Welt, in Form der Hingebung an Gott seitens des Menschen und der Offenbarung des Göttliche» in Prophclie und Geschichte. Die ganze jüdische Geschichte ist eine solche Offenbarung, ich will nicht sagen: „Fleischwerdung" Gottes, weil dieser Ausdruck unjüdisch und gefährlich ist, und sie ist darum die Geschichte einer jeden monotheistischen Religionsfvrm, Christcnthum und Islam sind nur die gigantischen Zeugen, daß das Jndenthum seiner universellen Mission in der Menschheit gewachsen ist. Aber das Jndenthum will ja keinen Zuwachs, es ist ja nicht bckehrungssüchtig! Wie will cs da in der Zukunft seine Mission erfüllen? Wie will eö da die Zeit herbeiführen, „in der Gott König sein wird über die ganze Erde, in der Gott einzig und sein Name einzig sei» wird?" — Ich antworte darauf: es ist ein fataler, allgemeiner Jrrthum zu glauben, das Jndenthum sei nicht bekehrungssüchtig! Eine jede Lehre, die an ihre Wahrheit glaubt, muß bekehrnngssüchtig sein. Aber das Jndenthum will nur zu seinem Glauben bekehren, nicht zu seiner Glaubens form! Glaube an Gott und darauf beruhende Humanität ist Lehre des Judenthums: zu dieser soll die ganze Menschheit bekehrt werden; aber nicht zur Glaubeusfvrm des Judenthums! Darum hat der Talmud Recht, wenn er sagt: „Jeder der zum Jndenthum Übertritt, ist ihm zur Last", was aber freilich nicht identisch ist mit der etwaigen Behauptung: „Jeder Heide, der dem Götzendienst obliegt, und an den Eine» Gott glaubt und darnach menschlich lebt, ist dem Jndenthum zur Last," Die Heiden sollen alle zum Gottcsglauben durch das Judenthnm unmittelbar, oder mittelbar durch Christenthum re, bekehrt werden, aber sie sollen nicht zum Judenthume, durch Beschncidung re,, übertreten. Die Mission des Judenthums besteht nicht darin, daß einst „das Judenthum König sein soll über die ganze Erde und an jenem Tage das Jndenthum die einzige Religionsfvrm sein werde" — sondern: „Gott wird König sein über die ganze Erde und an jenem Tage ist Gott einzig und Sein Name ist einzig"! Der Talmud ist also der wahre Fo rtsctzer des echten Prophelcn-Gedankens von der Universalität des Judenthums! Oder: wer wird behaupten wollen, Jesajah und Jeremijah, Elias und Michah, sie hätten die Scheiterhaufen für eine B e k e n n t n i ß f o r m gutgeheißen? Den Gottesleugner, den Götzendiener, hielten sic für des Lebens unwerth; niemals aber hätten sie d i e F o r m d e s Bekenntnisses außerhalb des eingeborenen Kreises für so wichtig gehalten, wie es in den Tochterreligionen des Judenthums geschieht. Welche Religion ist nun universeller: Das Christenthum oder das Judenthum? — Das Christenthum, das die Taufe verlangt, oder das Judenthnm, das mit der bloßen Gesinnung zufrieden ist? — Das ist die große Täuschung, die diesen „Gedanken eines Juden" zu Grunde liegt, eine tragische Täuschung, wenn auf Grund solchen grundlosen Raisonnements der Rubicon eines Glaubenswechsels bereits überschritten ist, wie Fama wissen will. Das Christenthum steht dem Judenthume feindlich gegenüber, weil ihm nicht nur der Glaubens - inhalt, sondern auch die Form universell ist; die Form ist aber ihrer Natur nach individuell. Darum hat im unendlichen Weltall die eine Materie zahllose Formen. Das Jndenthum betrachtet den Glaubens inhalt für universell -

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