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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-02-05 · N° 6. (5.2.1885) · p. Seite 44

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 6. (5.2.1885)
Date
1885-02-05
Page
Seite 44 (sequence 4)
Language
German
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— 44 (3ii beiden Liedern wurde» die Soli in vorzüglicher Weise vom Kandidaten Herrn Max Ellguther gesungen.) Daß die Feier, was den gesanglichen Theil betrifft, viel glänzender als in früheren Jahren verlies, ist dem hingebenden Eifer des zeitweiligen Vorsitzenden Herrn Dr. David Rosi» zu verdanken, der in anerkennenswerthestcr Weise auf die Hebung des Ehorgesanges auch beim Sabbath- und Festgottesdienstc sein Augenmerk richtet. Die Leitung der Gesangsllbungen ruht in den bewährten Händen des 2. Kantors der hiesigen Kultusgcmcindc Herrn Zlolnicki, Berlin, 20, Januar, (Or.-Corr.) „Dankbare Empfindungen sind es, welche die Erinnerungen an den Mann, der sich so große Verdienste als Rabbiner um die Berliner Gemeinde, wie keiner zuvor, in uns wachruscn". Mit diesen Worten leitete Herr Or, G u m b i n n c r seinen gestrigen zahlreich besuchten Vortrag ein, zu dem ein ausgewähltes Auditorium — man konnte außer dem Lehrcrcollegium der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums, dem Rabbinatc auch mehrere Universitätsproiessorc» und andere Gelehrte sehen — erschienen war. Nicht der Vortragende allein war es, sondern vor allem sein Thema: „Er inne r n n g c n a n M i ch a e l Sach s", das solche Anziehungskraft ausüblc. Zuerst schildert Redner die cigcnthümlichcn Zustände der Berliner jüdischen Gemeinde vor 40 Jahren, die damals jedes geistlichen Hauptes entbehrte und in der das absolute Regiment des Vorstandes herrschte, 1841 wurde vom Minister Eichhorn die Einsetzung eines acadcmisch-gebildeten Rabbiners angcordnet und nachdem Or. Frankel z Z, Obcrrabbincr in Dresden, nachmals Director zu Breslau, die Stelle abgelehnt hatte, wurde Or. Sachs, der zur Zeit als Prediger in Prag fungirtc, gewählt, Redner schilderte nunmehr, Sachs' imponirende Erscheinung, wie er von der Natur mit allem ausgestattet war, was ihm zum hervorragenden Redner und Seelsorger in der Residenzstadt geeignet machte, und ging dann näher auf seine geistigen Vorzüge ein, seine Gelehrsamkeit auf dem Gebiete der classischcn Sprachen, der Geschichte, der Philosophie, der orientalischen Sprachen, der talmudischen und theologischen Disciplinen, Er war der erste Jude in Deutschland, der das Examen für ein höheres Lehramt gemacht hat. In Bezug auf seine Religiosität meint Redner, er war nicht religiös, weil er Rabbiner, sondern Rabbiner, weil er religiös ivar, Redner hebt sodann insbesondere seine Bedeutsamkeit auf dem Gebiete der Rhetorik ein, er citirt eine größere Anzahl von Predigten, welche alle Zeugniß von seinem eminenten rhetorische., Talente ablegen. Zu bemerke» ist, daß er in seinen Predigte» niemals gegen Andersgläubige polemisirte. Daß Sachs stets mit größtem Eifer für jüdische Interessen furchtlos eingetreten sei, selbst gegenüber hohen Beamten und Behörden, und daß er überall bestrebt war, die Ehre des Judenthums gegen Verleumdungen und Angriffe zu schütze» ist selbstverständlich und noch im Gedächtniß Aller, die diesen herrlichen Mann aus persönlichem Verkehr kannten. Seinen einstündigen Vortrag schließt Redner mit dem Wunsche, er möge mit demselben soviel bewirkt haben, daß ein Berufener sich angeregt fühle, die Biographie dieses berühmten Mannes zu schreiben*) Leipzig, 26, Januar. Von unserer Universität ist die auch weiteren Kreisen interessante, aber für Leipzig und Sachsen wenig rühmliche Nachricht zu verzeichnen, daß bei Neubesetzung der Professur der Pathologischen Anatomie und Allgemeinen Pathologie der langjährige Assistent Cohnheim's, Professor Weigert, übergangen worden ist. Da seine Bedeutung als Mikroskvpiker und speziell als Baktcriolog über allen Zweifel erhaben ist und keine Universität eine *) In meinem Berichte in vori. Nr, (Familienbl, 4, S, 16a rf- Ho rnuii es heißen: „Was Vater und Sohn auf dem Hinwege miteinander gesprochen haben". solche anerkannte Kraft ohne dringende Veranlassung aufgeben würde, so ist die Ursache dieses Vorkommnisses für Niemand, der in unsere Verhältnisse einigermaßen eingeweiht ist, räthselhast. Weigert ist Jude — das genügt. Wer das Verhalten unserer osfiziellen Regierungspresse gegenüber dem Antisemitismus verfolgt hat, wird wissen, welcher Wind in Dresden iveht, und wer da weiß, welche llnzeitgemäße Anschauungen hier bei manchmal sehr berühmten Gelehrten, die eine» ausschlaggebenden Einfluß in der Fakultät haben, in Beziehung auf religiöse Toleranz herrschen, wird es verstehen, wie es möglich war, lieber gegen das Interesse und Ansehen der Universität zu handeln, als einen nngetauftcn Juden in die engere Fakultät aufzunehmen, Or, Lenel, jetzt ordentlicher Professor der Jurisprudenz in Straßburg, konnte es hier als Jude nicht über den Docenten hinausbringen. Or. Fricdö erg, der junge, tüchtige Statistiker, siedelte, nachdem er sich überzeugt hatte, daß für ihn unter dem gegenwärtigen Regime das Warten ans eine Professur aussichtslos sei, nach Halle über. Or, Reißer wurde nach Breslau berufen; hier hätte er Jahrzehnte warten können und cs trotz seiner Leistungen nicht zum Extraordinarius gebracht. Wie man „draußm", unter der Acgide freisinniger Kultusministerien, über diese Eigenthümlichkeit der Sächsischen Hochschule, welche unvorthcilhaft von der Liberalität der preußischen und österreichischen Universitäten abstichi, denkt, das braucht nicht gesagt zu werden, Prof, Weigert aber, der an sich jetzt das Wort von dem „Mohren, der seine Schuldigkeit gethan" erfahren muß, wird sich mit der Zuversicht trösten können, daß die Motive, wegen deren er nicht vorgeschlagcn wurde, ihm nicht zur Unehre gereichen. Er wird anderivärts, wo man in Glaubenssachen vornrtheilsloscr ifi, gewürdigt werden und einen entsprechenden Wirkungskreis erhalten, Einsender ist weder Jude, noch gehört er der Universität an; er hat die vorstehenden Thatsachcn, denen er noch manche beifügen könnte, nur deshalb znsammengestellt, damit auch der nicht direkt Bethciligte sieht, wie gerade bei uns der Antisemitismus nicht etwa in niederen Volksschichten, sondern in bestimmten Elementen gebildeter und höherer Kreise heimisch geworden ist und den leuchtenden Schild unserer Hochschule zu beflecken droht, Krfurl, 29, Januar, Um irrigen Auffassungen zu begegnen und falsche Beurtheilung der Berliner Schulmänner- Conferenz zu verhüten, möge daran erinnert werden, daß die Eonferenz über Aufnahme von Opferkapiteln in den Uebersetzungsstvff gar keinen Beschluß gefaßt, nicht einmal eine Resolution darüber abgegeben hat. Diejenigen, welche also den stritten Ausschluß der Opferkapitel für erforderlich halten, können der Eonferenz nicht den Vorhalt machen, daß sie für die Aufnahme der Opferkapitel eingetreten sei. Ebensowenig könnten diejenigen, welche auf die Aufnahme der Opferkapitek besonderen Werth legen, einen gegenthciligen Vorwurf erheben. In Wahrheit verhielt sich die Sache so, daß bei der Verhandlung über die „Grundzüge" die von den 4 Referenten vereinbarte Auswahl von Pentatcuchstellen, in deren Zahl auch die in den Mussafgebeten befindlichen Opferstellen, sowie das in Lev, cap. 5 über das Schuldopfer Angeordnete ausgenommen war zur Verlesung kam und grundsätzlich diesmal nicht zur Debatte kommen sollte, Or. Kirschstein benutzte aber in seinen Bemerkungen zu den Grundzügen die Gelegenheit, seine Meinung _ über den Werth der Opferstellen auszusprechen, und versuchte den Nachweis, daß zur „Religions lehre" die Opferstellen nicht gehörten, weil diese zu den „tobten und abgestorbenen" Dingen zu rechnen seien. Und nur diese letzteren Worte, sowie der hocherregte Ton, in dem der Redner sprach, waren es, welche in der Versammlung eine Erregtheit erzeugten. Es ist also weder der Versammlung eine Vorlage gemacht worden, in welcher die Opferstellen des Pentateuchs zu viel Berücksichtigung gefunden hätten, noch ist von der Versammlung ein dahingehender Beschluß gefaßt worden.

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