Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 6. (5.2.1885)
- Date
- 1885-02-05
- Page
- Seite 43 (sequence 3)
- Language
- German
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— 43 — und darum ziemt auch dem Urtheil: Brüderlichkeit! Gilt ja im Talmud der Liebesspruch: Kk2NV S'T'X Sin. *) Wir wollen in Kürze dem Gange der „Gedanken" folgen, wollen unparteiisch urtheilcn, wollen dann die richtigen Schlüsse aus den zum größte» Theil richtigen Prämissen derselben ziehen und mit einigen praktischen Vorschlägen für die Thätigkeit unserer Hcilkllnstler dabei die Anwendung machen. _ (Fortsetzung folgt.) Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Magdeburg. Unsere Aufforderung an die jüd. Gemeinden, sich an den Sammlungen für die Bismarck-Ehrengabe zu betheiligeu, ist von mancher Sette dahin mißverstanden worden, als ob eine Scparatsammlung der Juden Deutschlands tendirt wäre. Das ist aber durchaus nicht der Fall und Nichts lag uns ferner, als dies anzuregen. Wir würden jede sich von der allgemeinen Sammlung ausschließende Privatsammlung für eine» großen Fehler halten. Wir sollen und wollen nicht als Juden sondern als Deutsche gleich unsern deutschen Mitbürgern an diesem „Nationaldank" nach unseren bescheidenen Kräften »ns betheiligen. Nur deshalb, weil einige Führer der deutsch-freisinnigen Partei die Parole der Beitragscnthaltung ausgegebcn hatten, hielten wir cs — zumal einer von Berlin ansgegebenen Anregung zufolge — für unsere redaktionelle Pflicht, unsere Leser von einer etwaigen Befolgung jener Parole abzumahnen und ihnen vielmehr die rege Bctheiligung an den Sammlungen anzuempfehlcn. Inzwischen sind ja in fast allen größeren Städten Zwcig-Comit^'s in der Bildung, zu denen auch Vorsteher oder Repräsentanten der Gemeinden zugezogen sind,— wie z. B. in Dresden (Vorsteher Emil Lehmann), in Mag deburg (Repräsent.-Vorsitzender Adolf Rosenthal). Sonach bestimmt sich unsere Stellung von selbst: es führe Jeder seinen Beitrag dem b e t r. Localcomitö zu. Red. Merlau, 27. Januar. (Or.-Corr.) Heute beging das jüdisch-theologische Seminar zum dreißigsten Male die Gedächtnißfeier seines Stifters, des verewigten Commerzienraths Jonas Fränkel, in herkömmlicher Weise. Ein von deni Chor der Seminaristen vorgetragcncr Psalm eröffnete den Festakt, woraus der zeitige Vorsitzende des Lehrerkollegiums, Herr Dr. David Rosin, das Wort ergriff. Die alljährliche Gedächtnißfeier für den verewigten Stifter sei, so führte der Redner aus, obwohl der Form nach herkömmlich, so doch nicht zur bloßen Form herabgesunken. Denn in ungeahnter Weise habe sich seit der Gründung des Seminars von Jahr zu Jahr die Bedeutung der Anstalt gesteigert und das Seminar sei, wie die Helferin für Einzelne, so die Wohlthäterin der jüdischen Gesammtheit geworden. Warum? Weil sie sich zur Pflanzstätte der jüd. Wissenschaft erhob, weil seit ihrer Gründung die alten Jeschibah's immer mehr an Bedeutung verloren und zuletzt von der Bildfläche verschwanden. Und die jüdische Wissenschaft sei in der Jetztzeit, da das Judcnthum immer mehr sein altes Gewand abzustreifen bemüht ist, dazu berufen, den Hort der Religiosität zu bilden, sie sei auch die Waffe in der Hand des Kundigen gegen die nichtigen Beschuldigungen, die das letzte Jahrzehnt aus dem Schutte des Mittelalters hervorgeholt, uncingedenk der edlen Männer, die zuerst auf deutschem Boden den Geist der Humanität verkündeten, die gleich Lessing Ilpostel der Glaubensftecheit waren. Aber nicht blos der Wirkung wegen, sondern an sich verdient die jüdische Wissenschaft gepflegt zu werden. Einmal repräsentirt die Wissenschaft des Judenthums eine Art von Weltliteratur, der weder Raum noch Zeit noch Sprache als Schranke hemmend in den Weg treten. Vom Mutterlande Palästina aus verbreitete sie sich über die benachbarten Länder Asiens, trat sie ihren Siegeslauf an nach den Küsten des Mittelmeeres *) „Wenn er auch gefehlt hat — er ist doch Israelit". und schlug in Spanien und Südfrankreich während des Mittelalters, in allen Kulturländern Europas seit der neuesten Zeit ihren Wohnsitz auf. Nicht nur in ihrent ursprünglichen Idiom, der Sprache der Bibel, in allen Sprachen der civilisirten Länder des Alterthums und der Neuzeit redet die jüdische Wissenschaft. Sodann bildet das jüdische Schriftenthum das einheitliche Baud, die Grundlage der gemeinsamen Religion und Sittte. das schützende Heiligthum der Gesammtheit. Und noch Eines. Man macht uns den Vorwurf der Vaterlandslosigkeit. Aber gerade daß die jüdische Wissenschaft in der Landessprache spricht, ist ein lebendiger Zeuge für die Treue und Dankbarkeit der jüdischen Glaubeiisgenteinschaft an ihr engeres Vaterland. Seit den Zeiten eines Mendclsohn, eines Zunz hat die jüdische Wissenschaft in Deutschland deutschen Geist und deutsche Bildung cingesvgen und ihre Pflegestätte ist das Seminar. Mit den Worten der Schrift: Das Andenken des Gerechten ist zum Segen,^ die der Redner auf den Stifter der Anstalt anwendcte, schloß derselbe seinen hochinteressanten, ebenso geistvollen als belehrenden Vortrag. Nun verkündete der Vorsitzende das Resultat der im Laufe des Jahres ausgeschriebenen Preisbcwerbiing. Das Thema lautete: „Die Stellung der Sklaven bei de» Juden in rechtlicher und gesellschaftlicher Beziehung nach talmudischen Quellen." Eine Arbeit ist eingelaufen. Die Beurtheilung derselben war eine sehr günstige. Sie zeuge von hingebcndem Fleiße, grüiidlichcr Quellenforschung und krttischem Geiste, sowie von Vertrautheit mit dem talmudischen Schristthum. Dem Verfasser, als welcher sich nach Eröffnung des verschlossenen Couverts der Eandidat der Theologie Herr Doktorand I. Winter ergab, wurde der Preis einstimmig zuerkannt. Es folgte die Entlassung des Rabbiuats - Candidateu vr. Saul H o r o v i tz durch den Seminarrabbiner vr. Israel Lewy. Derselbe richtete an den Kandidaten tief datz Herz ergreifende Worte des Abschiedes, er wies ihn darauf hin, daß Gesinnungstüchtigkeit, Glaubenstreue, Charakterfestigkeit und Hingebung die Eigenschaften seien, welche die innere Weihe zum schweren Berufe verleihen, dem der zu Entlassende entgegengehe. Er lenkte dessen Blick aber auch darauf, daß der Rabbiner mitten im Leben stehe und einep Blick für die Gegenwart besitzen müsse. X^X Ip'S umss“ X1? rtOTön sagen schon die alten Weisen. Der leutselige Verkehr mit den Gemeindcmitgliedern, der bildende und hebende Einfluß des persönlichen Umgangs sei in unseren Tagen nicht minder wichtig wie die religiöse Belehrung auf der Kanzel — pIX *|*n E" mm 3112. Mit diesen Worten und dein Priestersegen überreichte Herr vr. Levy dent Kandidaten das Rabbinerdiplom. Nun nahm der entlassene Kandidat, Herr vr. Horovitz das Wort: Der Austritt aus dem Lchrhaus, so begann er, sei nach den Worten unserer Weisen der Eintritt in das Lehrhaus des Berufes. Diesem Beruf in der heutigen Zeitströmung die richtige Weihe zu geben sei schwer, aber darum um so nothwendiger. Den Kamps aufzuuehmen gegen die zerstörenden Elemente, sei ein fruchtbares Feld der Thätigkeit des Rabbiners. Wenn auch nur ein Feuerfunke der Wahrheit, nur ein Samenkorn des Guten ausgcstreut sei für die Zukunft in den Herzen des Heranwachsenden Geschlechtes, so sei das ein Ziel würdig des Schweißes der Edlen. Der Redner wandte sich sodann an die Lehrer der Anstalt, um ihnen seinen Dank abzutragen für Belehrung und Vorbild, die er hier gefunden, aber danken heiße nicht seine Schuld mit Worten abtragen, sondern nach der Abstammung des Wortes von „denken" heiße es „eingedenk sein", heiße cs die Richtung sesthalten, aus die sie ihn hingewiesen. Die Pflege der Wissenschaft des Judenthums sei die Pflege des Judenthums selbst. Zum Schluffe nahm er noch von seinen Collegen mit innigen Worten Abschied. Die würdige Feier schloß das Gebet für den König, das in eben so trefflicher Weise wie der Eröffnungspsalm vom gutgeschulten Chor der Seminaristen vorgetragen wurde.