Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-02-05 · N° 6. (5.2.1885) · p. Seite 42

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 6. (5.2.1885)
Date
1885-02-05
Page
Seite 42 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/5369809-9586215-9584648--5607-9584650
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

werden könnte, was den Frieden stören könnte, fall dem | D.-J. G.-B. fern bleiben. Der Ausschluß jedes religiösen! Elements würde dem D.-J. G.-B. zu einem hohlen Schatte»,! einem Nichts machen. Für de» Vernünftigen und Einsichts- I vollen stand cs jedoch von vornherein fest, daß man einen j jüdischen Normallehrplan entwerfen könnte, ohne jüdische j Par reifragen zu berühren. Ist ja im Gemcindetag selbst ein solcher Zivcifel nicht ausgesprochen worden! Punkt 1 i der Statuten giebt als Zweck dcS D.-J. G.-B.: „Fürsorge für Religionsunterricht und Ausbildung von Religionslehrern!" Und da sollte es demselben gleichgültig sein, wie und was gelehrt und als Religionsunterricht ausgegcbeu wird? Der D.-J. G.-B. hat das Recht und die Pflicht, die Grundlagen, d. i. die Normen feststcllcn zu lassen (von Fachmännern), nach welchen die von ihm in ihrer Ausbildung unterstützten, in ihrem Wirken geförderten Lehrer unterrichten sollen, so lange er die Grenzen seiner gcsammlen Wirksamkeit nicht überschreitet. Alles, was geschieht, geschieht ja nicht um der Lehrer, sondern um unserer Kinder Willen, die wir der Judeuheit und dem Jndcntbnm erhalten wollen. Und da kann es doch keine Frage sein, daß gesagt werden muß: Welche UnterrichtSgegenstände gehören zum israelitischen Religionsunterrichte? Welchen Unterricht muß Vas jüdische Kind empfangen. um dereinst ein lebendiges Glied der jüdischen Gesammtgcmeindc zu werden und zu bleiben! Und nun die weitere Frage: Kann ein solcher Normal lchrp lau bei der Verschiede,nrrtigkcit der religiösen Anschauungen und Richtungen innerhalb des Judcnthums, nach Lage der so verschieden gearteten Verhältnisse fertig geitcllt werden? Wir sagen mit der gleichen Entschiedenheit und anS vollster Uebcrzeugung Ja! Es kann und soll ei» solcher Normallehrplan für de» jüdischen Religionsunterricht festgestellt werden und die Berliner Schulmünnerconfercnz vom 20. und 30. Dezember 1884 hat dieses Werk so weit gefördert, als nach Lage der Verhältnisse zur Zeit möglich war. Das, was sic den Lehrern und Rcligionsgemeindeu bieten wird, ist bereits ei» Norinallehrplan, wenn auch noch nicht ein in allen seinen Thcilen vollendeter, so doch ein durchaus seiner Aufgabe für eine längere Zukunft entsprechender.*) (Jortsepung folgt.) Auch „Gedanken eines Juden". Audiatur et altera pars! „iSitte hässliche beblätterte Lippe mag jungen Mädchen nur nicht kiiffensmcvtl) erscheinen: aber Heilkünstler sollten wissen, dass sie von bösen Sästen zenget". iB örttc „für die Juden".) Ein Schrei der Entrüstung erhob sich überall m Israel über die jüngst anonym erschienenen „Gedanken eines Inden", besonders da cs als offenes Geheimniß gilt, der Verfasser sei ein bisher in einer der ersten deutschen Gemeinden hochgeachteter Mann in höchst ehrenvoller staatlicher Stellung, der seinen „Gedanken" auch bereits die That folgen ließ, der seine Glaubensgenossen zwar bereits verlassen, aber ihr Unheil über seine Handlungsweise nicht gleichgiltig ignoriren konnte. Schreiber dieses, ein streng eonservativ, wenn auch nicht orthodox, gesinnter und handelnder Jude, hat in den „Gedanken eines Juden" nur den jammervollen Aufschrei eines armen Opfers der schrecklich zerfahrenen Verhältnisse des Judenthums der Gegenwart vernehmen können und ins Tiefste erschüttert von der Wahrheit dieses Jammerschrei's *> Es giebt feilt Menschenw erk, das „alle Zelten" überdauert; und nichts Vollkommenes unter der Sonne. Die Grundlagen der Religion sind ewige; lehren aber heule die Herren in Berlin, Mainz, Hannover, die die Lrthodoxie repräsentiren, Thora und Talmud — wie vor hundert Jahren? Sind sie ja selbst solche — Apikorsim geworden, daß sie — die hebräische Grammatik traktiren! Tas war doch vor 100 Jahren anders. wagt cr, dem allgemeinen Urtheil über diese „Gedanken" öffentlich entgegcnzutreten, nicht um dem Individuum, dem Verfasser, derselben zu einer mildern Beurtheilnng zu verhelfen — das ist Nebensache, wie jedes Individuum im Großen und Ganzen — sondern damit die rechte Beurtheilnng dieses Falles vielleicht taube Ohren und blinde Augen öffne und sorglose Herzen erschüttere, und diejenigen, welche nicht blos dazu berufen sind a» den „Rosenlippen" des Judenthums in süßen Küssen sich zu entzücken, sondern auch die „Heilkllnstlcr" der Krankheitenihrer Himmelsbraut, des Judenthums, zu sein — die Rabbiner, Prediger, Lehrer, Vorsteher, Innerlich Berufene. Redakteure, Schriftsteller u. s. w. — sie zu verinlassen, die hervortrctenden Geschwüre nicht als eine äußerliche bedeutungslose Erscheinung der Lippe» zu betrachten, denen die „Gedanken eines Juden" entströmt sind, sondern als ein Symptom schwerer innerer Krankheitslage, die der größten Anfmerksamkeit und ernstesten Hingebung seitens der beruseuen Hcilkünstlcr werth ist. — Es sind „Gedanken eines Juden", eines in Geist und Herz von den Flammen des Jndcnthums durchglühte» Mannes, die hier hervortreteu. Die „Gedanken" sind schrecklich tvahr, der Mann hat leider — Recht!" In der Beschreibung der gegenwärtigen Verhältnisse des Judenthums wird ihm Niemand Unrecht geben können; in den 2 Kapiteln des SchriftchenS, welche die Prämissen zum III. und IV. Kapitel, enthalten, lvird, bis auf einzelne Punkte, keiner widersprechen können, der Augen hat zu sehen und Ohren zu hören. Im 3. und 4. allerdings, sowie schon am Schluffe des 2, wo ans de» Prämissen die Berechtigung, „die Synagoge zu verlassen", als Schluß gefolgert wird — da hat er Unrecht, entschieden Unrecht; Unrecht schon darum tveil die vorhergehenden Prämissen niemals als Motive zum Empfange der Taufe hinreichen würden, und auch bei dem Verfasser der „Gedanken" nicht hingercicht hätten, wenn nicht noch unausgesprochene Motive dazu gekommen wären; Unrecht aber auch schon darum, weil der Fieberkranke der in einem harten Bett schlecht ruht, und in einem andern, äußerlich vielleicht in frcundlicheru Farben prunkenden, aber innerlich mit einer ebenso harten, vielleicht noch härteren Matratze versehenen Bette Besserung erwartet, eben — ein Fieberkranker ist. Der Jude, der aus den Motiven der 2 ersten Kapitel der „Gedanken" die Synagoge verläßt, darf auch in keine Kirche eintrcteu; cr wird dort allen Prämissen seines Glaubcnswechscls, wie „guten" (!) alten Bekannten wieder begegnen; er bleibt äußerlich der Jude, der cr vor der Taufe war, auch nachher in den Augen seiner neuen Glaubensgenossen, cr wird nicht Liebe, cr wird scheele'Blicke und Mißtrauen finden, aber cr wird in der „Kirche" ebenso wenig und wahrscheinlich noch weniger Befriedigung, als in der Synagoge finden, der er durch Geburt und Erziehung doch gewohnheitsmäßig angehört. Also Fahnenflucht um... Nichts! In den Schlußfolgerungen und in der „Logik der Thatsachen" hat der Verfasser der „Gedanken" Unrecht; aber er verdient nicht Verdammung, sondern Mitleid, nicht Verhöhnung, sondern Verstüuduiß, nicht für ihn, sondern für uns zu unscrm Nutzen, weil aus diesem Vcrständuiß die Erkcnntuiß folgen wird, daß an dieser Verirrung der Logik und Praxis nicht der Verirrte allein schuld ist, sondern — wir alle, der ganze Zustand des Judenthums unserer Zeit: und aus dieser Erkenntniß können vielleicht segensreiche Folgen für die bewußte Gestaltung unserer Zustände durch die berufenen „Heilkünstler" sich ergeben. An dem Verfasser der „Gedanken eines Juden" hat das Judenthum einen Verlust erlitten, der eine Thräne werth. Es ist ein braver Sohn an ihm verloren gegangen. Auch im Abfälle schlägt ihm noch ein kindliches Herz im Busen; cr ruft nicht: vivat sequens! Er wirft keinen Stein auf diejenige», die seine Logik nicht anerkennen; ja es klingt ein leises, wehmüthiges „Sei ein Mann und folge mir nicht nach"! aus der Beschönigung seiner Handlungsweise hervor. Es herrscht in dieser Schrift der Ton der Bescheidenheit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.