Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 5. (29.1.1885)
- Date
- 1885-01-29
- Page
- Seite 39 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 39 — ließ ihn dieser, gegen alle Gewohnheit, mehrere Stunden im Vorsaalc warten. Als er endlich, des Wartens müde, sich nochmals meldete, da ließ ihn der König vor^sich kommen und redete ihn solgendcrmaßen an: „Ich habe Sie absichtlich so lange aus eine Audienz warten lassen, um Ihnen dadurch meine Mißbilligung mit dem Schritte kund zu thun, den Sic kürzlich vorher gemacht haben. Ich war stolz daraus, unter meinen Generalen auch einen Juden zu haben und aus diesem Grunde habe ich Sic auch stets mit Gunstbezeugungen überhäuft. Christliche Generale habe ich genug." Mit diesen Worten wurde der Exjude entlassen, und durfte sich niemals wieder mehr vor dem König blicken lassen. Hkasgaw (Schottland!. Hier wohnen 500 jüdische Familien, von denen die meisten, länger hier angesessenen eine Gemeinde bilden, die unter dem Chiefrabbi steht, eine» Prediger und Lehrer, einen geregelten und doch möglichst orthodoxen Gottesdienst hat, Vereine mancherlei Art aufwei't miß an der Spitze zwei Männer sieht, die, obschon beide im Auslande (Preußen und Polen) geboren lind, vollständige Engländer und herzensgute Juden und Menschen sind. Der Stolz dieser Gemeinde ist der Stadtrath Herr Michael Simons, der kaum 40jäh>. Sohn eines (noch lebenden) Polen, der arm eingewandert ist. Einer der bedeutendsten Getrcidchändlcr ist er, von Spanien geadelt und hat alle Aussicht zum Mayor gewählt zu werden. Bo» dieser Gemeinde haben sich (gegen öcn Willen des Oberrabbiners) eine „Schneidcrgemeinde" und zwei Minjanim, „Pedler" losgelöst, die einen polnischen Rabbiner (den sie nur zu oft ohne Brod lassen! einen Ehasan und Schachet und einen Lehrer haben twenn er nicht fortgelaufen ist). Hier ist noch nicht England, sondern noch immer Russischpolen. Doch die Söhne gehen zu den Einheimischen über. Vermischte und neueste Unchrichten. Berlin (Or.-Eorr.) Anläßlich der Anfangs dieses Monats hier stattgehabtcir Feier zur ersten Jahrzeit des sel. vr. Lasker, über welche auch die Wochenschrift berichtet hat, wird nnS mitgetheilt, daß der kinderlos verstorbene, edle Patriot und Tribun von einem, im übrigen ihm fernstehenden hiesigen angesehenen Bürger rituell bedacht worden, indem derselbe seinem Söhnchen, neben dem Namen seines vereiviglen Vaters auch den (Vor-) Namen Lasker beilegte und so auch die Eintragung beim Standesamt veranlaßte. Berlin. Der Stöcker'sche „Reichsbote" will aus gutinformirter Seite erfahren haben, daß die Gründung einer antisemitisch-deusch-freisinnigen Partei im Werke sei. (Lügtauch.) Breslau, 26. Januar. Morgen begeht das jüdischtheologische Seminar seine dreißigste Stiftungsfeier. Nach dem „Jahresbericht" zählt die Anstalt gegenwärtig 35 Hörer. Das Vertrauen der Gemeinden ist ihr verblieben, indem wieder mehrere ihrer Jünger in Rabbinatsstellen berufen wurden. (Nähere Mittheilungen behalten wir uns für die nächste Nr. vor.) Den Anstaltsnachrichten geht eine sehr interessante Abhandlung von vr. Rosin: „Reime und Gedichte des Abraham ibn Esra" voran. "Nasen. Am 13. Januar verstarb hier der Commerzienrath Samuel Jaffe, „der bedeutendste Capitalist und Holzhändler in dieser Provinz", wie die „Jllustrirte Zeitung" schreibt. Er, der schon bei Lebzeiten so außerordentlich viel für die Armen unserer Stadt und für mildthätige Zwecke gethan, hat in seinem Testament ausgesetzt: 100,000 Mark für die städtische Armenkasse, wovon jährlich an seinem Sterbetage die Zinsen zur Hälfte an christliche, zur Hälfte an jüdische Arme verthcilt werden sollen, je 3000 Mark für die beiden israelitischen Krankenverpflegungsvereine, 3000 Mark für die Diakonissen-Krankenanstalt, je 3000 Mark für die Jacobsche und die jüdische Waisenmädchen-Erziehungsanstalt, 6000 Mark für die jüdische Waisenknaben-Anstalt, zu deren Direetion der Verstorbene gehört hat, 3000 Mark für das Kinderhospital in der Petristraßc, 600 Mark für den Verein junger Kaufleute; es sind dies also im Ganzen 124,600 Mark. Außerdem hat die Hinterbliebene Wittwe des Verstorbenen circa 8000 Mark theils. der städtischen Armenkasse, theils verschiedenen wohlthätigen Vereinen behufs Vertheilung an die Armen am Beerdigungstage überwiesen. Bordhausen, 17. Januar. Am Schlüsse seiner heutigen Predigt hielt Herr Rabbiner vr. S. Gelbhaus dem jüngst Heimgegangenen Herzogs. Landesrabbincr Herrn vr. S. Herxheimer einen warmempfundenen Nachruf. Unter den zahlreichen Zuhörern befanden sich Verwandte des Verblichenen. Mriezen. Am 6. ds. Mts. fand hier die Einweihung des Gotteshauses unter zahlreicher Betheil,gung von Männern aller Berufsgattungen, der Vertreter der städtischen Körperschaften, des Magistrats und der Stadtverordneten, welche vollzählig erschienen waren, statt. Herr Rabbiner vr. Frankl aus Berlin hielt die erhebende Weiherede. Barchim (in Mecklenburg). Der Zauberkünstler Bella ch in i ist am 24. Jannar, 59 Jahre alt, hier, an einem Schlagansall, plötzlich gestorben. (Wie man sagt, hieß er Bellach und stammte aus Kurnik im Posen'schcn.) Wemek. Die hier seit vielen Jahren wohnenden russ. Juden, welche ohne Paß waren, wurden ausgewiesen. Wie», Nach gut informirten Berichten ist unter den 177 Zeitungen, welche in Oesterreich der Postdebit entzogen ist, wirklich die „Alliance universelle iSraelite" aufgezählt. Damit können doch nur die „Monatsberichte" gemeint sein. Giebt eS in Oesterreich keinen Abgcorvneten, welcher Partei immer, der neugierig oder sacheifrig genug ist, um deshalb gelegentlich das Ministerium zu interpelliren? Wien. Der außerordentliche Professor an der hiesigen Universität, vr. David Heinrich Müller, wnrde zum ordentlichen Professor der semitischen Sprachen ernannt. Baris Am 2. Januar starb Arnold Mortier (Mordche=Mortje), den die illustr. Zeit, „einen geistvollen Journalisten" nennt. Als Mitarbeiter des „Figaro" hat er unter dem Namen „vrr monsieur de l’orohestre" die reizenden Theaterplaudereien dieses Blattes geschrieben. Er erreichte ein Alter von nur 42 Jahren. Betersburg. Der ivirkliche Staatsrath Samuel Poliakow ist zum Geheimrath ernannt worden, weil er als Ehrencurator des Gymnasiums in Jelez sich wohlverdient um diese Schuianstalt gemacht hat. — Dr. Harkavy hat den Stanislaus-Orden erster Klasse und den Titel „Staatsrath erhalten. (Also auch Anerkennung der jüd. Wissenschaft macht sich in Rußland geltend. Wir gratuliren! Red.) Ueber Zappe bringt „Jew. Chr." einen sehr umfangreichen Bericht, dem wir folgende Angaben entnehmen. Bauplätze, welche noch 1877 für 3000 Mark zu haben waren, kosten jetzt 10,000. Die Gärten bringen reiche Frucht, wie auch der Ackerbau lohnend ist. Der Import in den Hafen (an Webstoff, Zucker, Reis, Galanteriewaaren, Mehl (1882 keins mehr, ebenso Getreide), Petroleum, Bauholz u. s. w.) betrug 1879 M. 4,064,540, dagegen 1882 M. 5,142,820. Der Export von Sämereien, Orangen, Wolle, Weizen und Mais (1879 wurde Getreide noch nicht ausgcführt) u. s. f. war 1879 M. 3,768,280 und 1882 M. 5,599,840. Aus Zappe wird die erfreuliche Botschaft gebracht, daß aus Südeuropa dort viele Olivenöl-Einkäufe gemacht werden. Aus Arementschig wird berichtet, daß 2 Melaindim beim Gouverneur, dem Grafen Drenteln eine Denunziation eingercicht hätten dahingehend, daß die Juden Geld sammelten, um junge Leute durch Auswanderung dem Herrn zu entziehen. (Damit sollte die Colonisativil Paläslina'S getroffen werden.) Darauf große Untersuchung, die jedoch nur einen Verweis wegen Geldsammelns ohne vorher eingeholte Genehmigung zur Folge hatte. Algier. Was die Neuwahlen zum hiesigen Consistorium beinerkenswerth macht ist, daß lauter neue Mitglieder mit eirca 900 Stiminen gewählt worden sind, während der bisherige Präsident, Herr Kami, ganze 56 Stimmen erhalten hat.