Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 5. (29.1.1885)
- Date
- 1885-01-29
- Page
- Seite 38 (sequence 6)
- Language
- German
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nationale blauweiße Fahne etwa auf dem Schiffe aufgehißt werde, daß die Einwanderer nach dem heiligen Lande führen soll. Die Colonisation Palästina's ist rein vom Humanitären und volkswirthschaftlichen Standpunkte aus in Angriff zu nehmen und darf nimmermehr von denen als Agitationsmittel gebraucht werden, welche von einer jüdischen Nationalität in studentischer Weise declamirc». Wir wollen unseren bedrängten Brüdern in Rußland zur Seite stehen, verlangen aber kategorisch, daß sie nicht den Juden in Europa Verlegenheiten bereiten und den Antisemiten ein neues Material liefern, um ihre Behauptung, daß die jüdischen Staatsbürger in Europa fremd sind, zu unterstützen. Sollte unsere Mahnung wirkungslos verhallen und sollten die romantischen Schwärmer für Ncujudäa die Coloniiation Palästina's benutzen, um gedankenlose Phrase» von einer jüdischen Nationalität nach dem vorausgegangencn Studentenliede „Gaudeamus“, das, soviel wir wissen, lateinisch und nicht hebräisch klingt, zu häufen und zu verbreiten, so erklären wir hiermit aufs Bestimmteste, daß wir gegen alle Versuche eine Colonisation Palästina's Front machen, sie bekämpfen und unseren ganzen Einfluß gegen ihre Ausführung cinsetzen werden. Brüderlich wolle,,' wir an den russischen Juden handeln, aber auch sie müssen brüderlich gegen uns sich benehmen, dürfen nicht unseren guten Willen lähme» und das Hilfswerk durch nationale Velleitätcn stören und zerstören. Wir wünschen einer großen russischen Colonie in Palästina Glück und Gedeihen, wollen sic auch unterstützen, sobald die Bedingungen ihrer Existenz erfüllt sei» werden, verlangen aber, daß sie keine jüdischnationale Fahne aufpflauze, und nicht vermessen in die Rathschlüsse der Vorsehung eingreifc. Emigration, Colonisation, aber keine Restauration oder RcstaurationS-Phantasieen! Die Zukunft Palästina's ist eine offene Frage der großen Politik, die kein Häuflein russischer Juden zu lösen vermag. Denken wir au das Nächste und überlassen wir das, was in weiter Ferne liegt, dem Gange der Geschichte." Aus Augarn, 22. Januar. (Or.-Corr.) Während protcstantischerseits von de» kirchlichen Oberen theils in besonderen Rundschreiben theils in den Shnodalvcrsammlungen, besonders der reformirte Bischof: G. Pap und der Oberinspektor der Evangelischen A. C. Fabinyi energisch gegen den Antisemitismus prvtestirt, auf dessen unchristliches Treiben hingewicsen, hatten die Oberhirten der katholischen Kirche Ungarns sich in ein gcheimnißvvlles Schweigen gehüllt und der Bischof von Veszprim hatte sich erst dann zu einem energische» Hirtenbriefe aufgcrafft als in seiner Diöcese in de» Comitaten Somogy und Zala die berüchtigten Verherrungen und Zerstörungen angcrichtet hatte. Am meisten war man darüber erstaunt, daß der als liberal berühmte! Kardinal-Erzbischof von Kalocsa Or. Ludwig Haynald, der! bekanntlich eine große Anzahl jüdischer Freunde besitzt, kein; Wort der Verdammung dieses unseligen Treibens ausgesprochen und das Umsichgreifen des Antisemitismus, dem zahlreiche Kaplänc seiner Diöcese huldigten, nicht hinderte. Man suchte diese auffallende Erscheinung auf zweifache Weise zu erklären. Die eine Meinung war, die Oberhirten handelten nach einer höheren Weisung aus Rom; hat doch auch das Kirchenoberhaupt der gesammten katholischen Kirche Leo XKL sich in ein gcheimnißvvlles Schweigen gehüllt. Die andere Meinung war die, und auch im „Egyctsrtss", dem Organe der Linken im Reichstage, war es ausgesprochen, die antisemitischen Agitationen des niederen Klerus geschehen mit Genehmigung der Kirchenfürsten, um Stimmung zu machen 1. gegen die Civilehe und 2. gegen die Untersuchung der rechtlichen Basis der Kirchenfundationen, zu welch letzterem Behufe seit Jahren bereits eine Enquete tagt. Es sollte nun sich wieder die alte Prophezeiung Jesaj. 52,5 erfüllen, daß die Völker „durch die Wunden der Juden sich zu heilen suchen." Will Deutschland den Socialismus, Rußland den Nihilismus u. s. w. u. s. w. überwinden, müssen die Juden herhalten; warum sollen nicht auch den Juden I Ungarns, wenn es das kirchliche Interesse erheischt, schwere Wunden geschlagen werden? Da bringen nun mit einmal sämmtliche Tagesblätter vom 16. d. M. einen Auszug aus dem soeben erlassenen Hirtenbrief des Kardinal- Erzbischof vr. Ludwig Haynald an die Geistlichkeit seiner Diöcese Kalocsa*), der in scharfen Worten de» Antisemitismus vcrurtheilt. Wir finden an demselben nichts anszusetzen und begrüßen ihn nur mit den Worten: „Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt!" Möchte er nicht zu spät gekommen sein. Großbritannien. Oll. London, im Januar, (Or.-Corr. > Die traurigen Vorgänge in den letzten Jahren in Rumänien und Rußland waren die Veranlassung, daß unendlich viele jüdische Flüchtlinge aus jenen Ländern sich hier niedergelassen und eine neue Heimath sich gegründet haben. Es braucht ivohl nicht erst gesagt zu werden, mit welche» ungeheure» Schwicrigkeiten diese armen Unglücklichen zu kämpfen haben bis sie sich eine, wenn auch nur erbärmliche Existenz verschaffen können. Was ihre Lage noch weit schlimmer macht, ist der Umstand, daß sie hauptsächlich mit ihren hiesigen Landsleuten Umgang pflegen und somit alle jenen Branche oder vielmehr Mißbräuche beibehalten, die sie ans ihrer früher» Heimath mitgebracht. Durch die Initiative des Sir Nathaniel Rothschild wurde jüngst in einer Gcmcindesitzung ein Vorschlag berathen, der den Zweck hat, eine Annäherung der fragliche» Flüchtlinge an die Gesanrmtgcmeinde zu bewerkstelligen. Das Endresultat werde ich Ihnen s. Z. kund geben. Im laufenden Monatsheft des hiesigen „Temple Bar" erschienen einige Charakterzüge des Fürsten Bismarck, woraus ich folgende entnehme. B. ist keiti großer Theaterfreund und namentlich haßt er Stücke a la Offenbach. Als er im Jahre 1867 ein Pariser Theater besuchte, wo die „Großherzvgin" (von Halevp und Offenbach) gerade gegeben wurde, da wurde er derart indignirt über das bekannte Lied: „Hier ist der Sabel" n. s. tu., daß er auSrief: „Man kann ja nicht erwarten, daß Juden irgend tvelche Reverenz vor melitärischcn Traditionen haben sollen." — B. reift niemals, ohne eine Bibel mit sich zu führe». Im letzten dentsihfranzösischcn Kriege traf es sich jedoch, daß ihm seine Reisetasche nebst Bibel abhanden gekommen war. Als Gräfin B. von diesem Vorfälle hörte, da schickte sie ihm zwei Exemplare der Bibel mit folgender Bemerkung: „Da ich befürchte, daß Du in Frankreich keine Bibel wirst belvmmen könne», so sende ich Dir zwei Exemplare davon. Auch habe ich darin einige Stellen in Jesajah, Jcrciniah und Ezechiel angemerkt, bic auf Frankreich Bezug habe», dasselbe that ich auch in de» Psalmen, worin ein Vers vorkommt, der lautet: „Der Ungläubige soll ausgerottet werden." Das bedeutendste englische Witzblatt ist bekanntlich der „Punch", doch dürfte es nur Wenige» bekannt sein, daß dessen Gründer und Redakteur ein Jude war, der Br a r k Lemon hieß. Die Eingeborenen in Afghanistan beiveise» »och jetzt ihre Verehrung hochstehenden Persönlichkeiten gegenüber, indem sie Thiere schlachten und mit deren Blut Besprengungen vornehmen. Das Merkwürdige dabei ist, daß sie das Schlachten oder Opfern der Thiere „Korban" nenne», ein Wort, das bekanntlich mit dem hebräischen p“)p ganz identisch ist. Ein hiesiges Blatt erwähnt einen merkwürdigen und vielleicht wenig bekannten Vorfall, der sich am Hofe Ludwig des Achtzehnten in Frankreich ereignete. Unter seinen Generälen befand sich auch ein Jude Namens Wolfs. Dieser glaubte aber eines Tages seine weitere Promotion in der Armee sich dadurch zu verschaffen, indem er seine» Glauben abschwor und zur römische» Kirche überging. Von diesem Schritte hörte der König und als am folgenden Sonntag der General Wolff, wie gewöhnlich, nach den Tuilcrie» sich begab, um dem König seine Aufwartung zu machen, da *) Wir haben einen Auszug daraus in vor. Nr. gebracht. (Red.)