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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-01-29 · N° 5. (29.1.1885) · p. Seite 37

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 5. (29.1.1885)
Date
1885-01-29
Page
Seite 37 (sequence 5)
Language
German
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- 37 — Nachschrift. Auch aus Mainz geht uns soeben von kompetenter Seite die berichtigende Mittheilung zu. daß von dem Falle der Firma B. und L. nur einige größere Hauser und Geldinstitute nicht aber weitere Kreise in Mitleidenschaft gezogen worden, da die Firma allen Verbindlichkeiten gegen kleinere Geschäftsleute uachgckoinmen war. — An der Spaltung der Mainzer Gemeinde, welche vom Jahre 1853 datirt. trug die erst später gegründete Firma keine schuld, ihre Inhaber, drei Herren Vondi, ersrcntcn sich von jeher um ihrer und ihrer Familien Wohlthätigkeit und Friedensliebe willen der ungetheiltcn Hochachtung aller Einwohner Mainz ohne Unterschied der Confessio». Das beweise» auch die Ehrenämter, die sie in der Gesanimtgemeindc bekleiden. 8 Äus dem Araunschweigische». (Or.-Corr.) (Schluß.) Aus die allzu berechtige Frage: Woher sollen die Mittel zur Ausbesserung genommen wrden, da die Gemeinden ohnehin belastet genug sind? antworte ich: Der Vorsitzende des Deutschen Israelitischen Gemcindcbundcs sagte vor einigen Jahren zu Erfurt zu der dortigen Versammlung: „Tretet nur mit guten Vorschlägen an uns heran, an Mitteln zur Ausführung soll'« nicht fehlen." In Wahrheit sind seit der Freizügigkeit fast alle wohlhabende» Juden nach den größeren Städten und Gemeinden gezogen und haben dadurch die unbemittelten in ihren. Elende zurückgelasscn. Von den großen Gemeinden muß den kleinen w eder anfgcholfen werden. Und schließlich dürfte cs die Pflicht des D.-J. G.-B. sein, hier helfend cinzugreifcn. 3. Schließlich habe ich noch einen Wunsch auf dem Herzen. Man verfasse ein Buch, worin die religiöse Praxis so behandelt werde, daß alle Zweifel ausgeschlossen sind, und wonach jeder Israelit — selbst ans dem Lande, wo kein Rabbiner da ist. den man befragen kann — sich richten kan». Unsere Glaubens- und Sittenlehren sind rein, klar und faßlich, ebenso unsere Pflichtenlehren. Bei den Cercmonien gebe man einen vernünftigen Grund an; alle Mysterien und abergläubischen Gebräuche, die aus der trüben Quelle der Kabbala herstammcn und für die Lebenden keine Weihe mehr besitzen, lasse man weg Ein solches Buch in deutscher lcichtfaßlicher Sprache würde von großem Nutzen sein. ^)est»rreich-Nnqarl». Wien. (Or.-Corr.) Daß uns die Singer'sche Schrift über das Chrislwerden der Juden viel Unheil cingebracht, ist allgemein bekannt und in diesem Blatte z. Z. auch hcrvorgehobeu worden. Aber auch seine andere Leistung, die Drucklegung der Briese christlicher Zeitgenossen. für welche er sich mancher Protectionen in Wien und Berlin zu erfreuen halte, und die 2 fl. (3 M. 20 Pfg.) kostet, erregt vielfach Anstoß. Ich habe das Buch selbst nicht gesehen und kenne es nur aus Reccnsioncn. So schreibt z. B. ein Blatt, welches „das Facit in der Judenfrage" zieht, darüber Folgendes: „Die 45 Seite» seines eigenen Vorraths gereichen dem Buche gerade nicht zum Vortheil. Er (Singer) glaubt sich berufen, Völker und Kirchen vor seinen Richterstuhl zu fordern, um ihnen in orientalischem Stile seinen Urtheilsspruch zu verkündigen. . . Singer hat nur solche Männer ausgewählt, von denen er voraussetzte, daß sie ihm freundlich antworten würden; und selbst diese rufen es ihm und den Juden überhaupt zu, sie sollten ihrer Anmaßung und Selbstüberhebung entsagen". In diesem Tone geht es fort, und schließlich meint der Recensent, wir sollten den von so vielen befreundeten Seiten uns ertheilten Rath befolgen, andere Bahnen einschlagen, unsere Sonderexistenz aufgeben und, wie es Herr Singer in seinem ersten Buch doch zientlich klar ausspricht, uns nrit den Christen vernüschen und im Christenthum aufgehen. (Das sind die wissenschaftlichen Autoritäten, auf die z. B. Ed. v. Hartmann sich beruft, und die er für die maßgebenden Wortführer unter den Juden der Gegenwart hält! Traurig — aber wahr!) Mir». In unserer Zeit der Jubiläen begnügt man sich nicht mehr mit Amts- und Altersjubiläe», man schafft noch neue, vermehrt sie künstlich. So feierte z. B. der Redakteur des „Hameliz" in Petersburg das Erscheinen der „tausendsten Nr."' seines Blattes. Er schildert in den beiden ersten Nummern dieses Jahrgangs sehr ausführlich dieses Jubelfest, er druckt die verschiedenen Gratulationen, die Adressen, Telegramme, Ansprachen. Toaste ab, die ihm, dem ribsn “W „dem Fürsten über Tausend" (Nummern seines Blattes '30 f'xö) dargebracht wurden, doch das Alles würde uns wenig' interessircn. Wichtiger ist die Antwort, die der Redakteur' beim Festmahl ans den ersten vom Rechtsanwalt Lcwensohn a»f ihn ausgebrachten Toast erwiderte, daß er seine Feder fortan nur der Verwirklichung der erhabenen Idee: Wiedererlangung Palästinas und Wiederherstellung der jüdischen Nation, widme. Wir möchten sagen: 110 X2£' I" D323. Diese von den Tischgästen mit wahrer Begeisterung anfgenommeue Erklärung des Herrn Zederbaum, der auch der Kattowitzer Versammlung bcigewohnt hat, läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig und verräth die letzten Absichten jener Herren, was sic in deutscher Sprache in den orthodoxen Blättern nicht zu sagen wagen, weder in der „Jüd. Presse" noch in den salvendischen „Spendenlisten" dar verkündet das hebräische Organ. Wir wissen nun, was hinter den Schlagwörtecn „Coloinsation Palüstina's, Gewinnung und Bebauung des heiligen Bodens" sich verbirgt. Wir können uns in dieser Beziehung nur der offenen Antwort, die Herr Dr. Jellinck an den Redakteur des „Hanieliz" gerichtet, vollständig anschließen. Seine Einwände gegen Palästina sind folgende: „Die auswandernden Juden müssen die Fesseln abschlltteln, die sie körperlich und geistig gefangen hielten, müsse» frei aufathmen, müssen ein ganz neues Leben, das Leben freier, gleichberechtigter, civilisirter Bürger in vollen Zügen einathmen, müssen sich sicher und geborgen sühlcn, um den Ertrag ihrer Arbeiten einsammeln und genießen zu können, ohne die Gewaltthätigkeit roher Massen und die Willkür eigenmächtiger Behörden befürchten zu müssen. Die Kinder der Auswanderer müssen in einer Umgebung leben, welche von der modernen Civilisation durchdrängt ist und Gelegenheit finden, ihren Geist mit allen Mitteln fortgeschrittener Bildung zu sättigen. Das Land, i» welcher di« Emigranten einziehen sollen, muß ihnen Freiheit, Sicherheit, Rechtsschutz, eine bildungsreiche und fortschreitende Civilisation bieten. Haben wir das Ziel der Auswanderung richtig angegeben, darf es nicht blos darin bestehen, daß die Juden im Schiveiße ihres Angesichtes ihr Brod verdienen, sondern daß sie voll und frei ihr Menschenthum entfalten können, so wird Jedermann zugebcn, daß wohl der americanische, aber nicht der palästinensische Boden das zu gewähren im Stande ist, ivas wir zum Wähle der Auswanderer verlangen. Palästina bildet keinen Ring in der goldenen Kette civilisirter Länder. Dort weht keine Freiheit, herrscht keine Sicherheit, fehlt die moderne Cultur, regiert die Laune des Pascha's, die Faust der Räuber, spuckt der Aberglaube, wllthet der Fanatismus. Ja, der jüdische Fanatismus in Palästina ist eine culturfeindliche, dämonische Gewalt, der einer gedeihlichen und erfolgreichen Colonisation die größten Hindernisse bereitet. Jeder Besonnene wird daher die Versuche, Palästina durch einwanderitde Juden zu colonisiren, entschieden verwerfen, und wahrlich die Erfahrungen, welche bisher im alten Lande Israels iir dieser Beziehung gemacht wurden, müsse» nur den Widerstand gegen die Wahl Palästina's für eine jüdische Colonisation bestärken." vr. Jcllinek kommt, nachdem er auch die Momente, die für Palästina sprechen, aufgeführt, hierauf zu folgendem Resultate: „Allein wir müssen die entschiedenste Einsprache dagegen erheben, daß eine etwaige Colonisation Palästina's mit nationalen Elementen versetzt, mit nationalen Restaurationshoffnungen vermengt, als, um ei» talmudisches Bild zu gebrauchen, die Fußtritte des Messias behandelt und eine

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