Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 5. (29.1.1885)
- Date
- 1885-01-29
- Page
- Seite 36 (sequence 4)
- Language
- German
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— 86 — Gemeinde vielleicht zum Genuß von Unerlaubtem verleitet zu Koben. Bon Stunde zu Stunde wuchs seine Unruhe, hin war alle Sanenilung, er zitterte am gakizen Körper, hatte keinen Jomtow, wurde schiver krank, und hat bis heutigen Tages an den schlimmen Folgen jener unglückseligen Umstände zu trogen! L. Hberiugekheim, 22. Januar. (Zur Achawa! Am 2l. Deecmber v. I. sand in Frankfurt a. Main die Verwaltungssitznng unseres Vereins z u r U n t e r st ü tz u n g hülfsbedürftiger isracl. Lchrerwittwcn und -Waisen in Deutschland statt. Wir können mit dankbarer Befriedigung auf die Erfolge unserer Wirksamkeit auch im vcrwichcncn Jahre znrückblickcn. In erster Linie soll hier das Legat des verstorbenen Or. Odrell in Franks n r t a. M. mit 6000 Mark Erwähnung finden, welche-:' wir Ende des Jahres kosten- und steuerfrei empfangen haben. Die Mitglieder des Vereins werden dem Verewigte», welcher in seinem Leben wie bei seinem Tode Wohlthätigkrit in reichem Maße übte, ein dankbares Andenken bcwahreti und sei» Name wird in tuiscren Jahresberichten immerwährend lots „ewiges Mitglied") genannt werden. Möge es seines Gleichen noch viele gebe» in Israel Unser Vermögen hat jetzt nahezu die Höhe von 135 OMO Mart erreicht. Wir haben im vergangenen Jahre über 2l 000 Mark vereinnahmt und eine feste dauernde JahreScinnahnre von über 10 000 Mark nur aus Zinsen und Mitgliederbeiträgen. Wir konnten daher auch wiederum ca. 7 800 Mark zur Vertheilnng bringen; — auf 68'/4 (gegen 70'/, im Vorjahre! entfielen je 112 Mark. Außerdem haben wir im Laufe des Jahres unseren Reservefvnd mit 1000 Mark durch außerordentliche Gaben an Kranke rc. nahezu erschöpft. Die Zahl der Mitglieder beträgt 241. Wenn wir also mit Befriedigung auf die seitherige Wirksamkeit und mit Zuversicht auf die Zukunft der Achawa blicken dürfen, so könne» wir es nicht im gleichen Maße auf diejenigen, die in erster Linie berufen sind, für dieselbe cinzutreten, um diejenigen, denen unsere Erfolge zu Gute kommen, die Religionsgemeinden und die Lehrer. Was die Achawa geworden ist und was sie leistet, das verdankt sie fast ausschließlich dem großartigen, unvergleichlichen Wvhlthätigkeitssinn der edeln jüdischen Gemeindegliedcr in F r a n k - f ur't a. M. Es kann ja nicht geleugnet werden, daß auch vereinzelt Lehrer und Rabbiner ihre Schuldigkeit lhun; aber die große Masse ist „sehr unschuldig" an dem Gedeihen und Emporwachscn des Vereins. Die meisten glauben ihre Schuldigkeit vollauf gcthan zu haben, wen» sie nach wiederholter Mahnung ihre 6 Mark zahlen und halten sich dann auch für berechtigt, Anforderunge.i nicht iminer bescheidener Natur zu stellen. — Daß eine große Zahl der geradezu Verpflichteten nicht cintritt, wolle» wir nicht rügen. Die Mitglieder,desVereinssowohlalsderVerwaltungchabendurchaus kein Interesse mehr am Eintritte »euer Mitglieder, wenn diese selbst es nicht für ihre Pflicht halten. — Mehr noch haben wir zu bedauern, daß für die große Zahl großer und wohlhabender jüdischer Religionsgemeinden die Achawa gar nicht vorhanden zu sein scheint. Es ist geradezu von den Gemeinden unverantwortlich, diese moralisch und rechtlich unabweisbare Pflicht so von sich abzuwälzen. Wer hätte denn die 33 armen Lehrer- und Rabbiner wittwen dazu die vaterlosen Waisen, dann die Religionsbeamten, welche ihre Lebenskraft in ihre,» Berufe einsetzten, mit ihren Familien zu erhalte» und zu ernähren, wenn die „Achawa" nicht mindestens eine schöne Hülfe bieten würde? Wir, die Lehrer, oder die Frankfurter Judenheit — oder die gelammten jüdischen Religionsgemeinden Deutschlands? Für die verschiedensten oft fernab liegenden Zwecke und wohlthätigen Anstalten hat man in jeder Religionsgemeinde ab und zu einige Mark; für die etwa 100 Armen, die Invaliden, Wittwen und Waisen der Lehrer, die der Dienst für die Rcligiousgemeinden von vornherein zu Armen gestempelt, hat man überall nichts. Sollten nicht in der deutsche» Judenheit 5000 Familienoberhäupter sein, die als Ehrennütglieder jährlich 6 Mark zahlten, wenn allein in Frankfurt, außer seinen Tausenden an Geschenken, die es gicbt, deren 500 sind? Daß es nicht geschieht, das haben nur die Lehrer — und die Rabbiner natürlich auch —z» verantworte»; denn es bedürfte überall nureincrAnregnng. Und diese Verantwortung ist groß und schwer und vielseitig! — Wir haben int Anfänge des Jahres 1882 an etwa 20 der größten und wohlhabendsten Gemeinden eines Landes geschrieben, das in Sachen des Jndenthums sehr particularcstischc Neigungen bat. weil es sich einer Oberbehörde erfreut. Wir haben die Vorstände dieser Gemeinden darauf hingcwiesen, daß wir ans diesem Lande kaum l00 Mark jährlich beziehen: daß wir dort nur 4—5 Ehrenmitglieder und nur eine gernigc Zahl activer Mitglieder haben und daß gerade in diesem Lande die größten und schwersten Fälle vorliegen und seit Jahren Vorlagen. Wir haben dort eine Wittwe mit 9, mehrere mit 3 und 4 Kindern u. s. f., so daß faktisch (damalsl der 3. Theil der ganzen Vertheilungssuntme in jenes Land floß; wir haben alle Thatsachen genau gesammelt und den Vorständen alsdann auch die Unterstützung unserer Achawa warm ans Herz zu legen gesucht: Wir haben aus unsere ehrerbietigst gefaßten Mahnungen von allen de» löbl. Gemcindevorfiänden keine — auch »icht enie einzige Antwort erbalteu. Die Verhältnisse sind bis jetzt auch dieselben geblieben. Nun, wir werden wieder kommen, wenn es auch weiter keinen Zweck hat. Im Laufe diese» Jahres findet eine Generalversammlung statt. Möge es uns vergönnt sein, bis dahin noch recht viel Gute» an unseren, Werke zu erleben?) Aus Araukfurt a M. (25. Januar) erhalten wir von unterrichteter Seite einige Gegenbemerkungen zu der Correspondenz aus Mainz in voriger Nr, denen wir selbstverständlich, soweit es der Raunt gestattet, bereitwilligst Aufnahme in unser Blatt gewähren. Der Herr Einsender schreibt u. A. „Die Auffassungsweise des Mainzer Eorrespvndente» über das Fallissement der Firma Bondi und Lob ist unrichtig. Das Ereigniß ist ja gewiß sehr bcklagcnswerth, aber Orthodoxie und Judenthum überhaupt haben sicherlich gar nicht» damit zu thun. Ich kann vielmehr constatiren, daß bei Christen und Juden, Orthodoxen und Neologen, allgemein nur eine Stimme des tiefsten Mitleids über das Mißgeschick herrscht, von dem die genannte Firma in durchaus unverschuldeter Weise betroffen wurde. Die „Frankfurter Ztg.", die wohl nicht gerade von der Orthodoxie der Herren Bondi und Lob begeistert ist, hat bei der Gelegenheit wiederholt die wett über das Weichbild der Stadt Mainz hinaus bekannte strenge Rechtlichkeit und Ehrenhaftigkeit derselben rühmend hcrvorgehoben und selbst der hier erscheinende antisemitische „Volksfrcund", der jede Gelegenheit bei den Haaren yerbeizieht, um Juden und Judenthum zu begeifern, mußte sich Angesicht» de» über jeden Angriff erhabenen Renommä's dieses Hauses mit der bloßen Regifirirung der Thatsache begnügen, daß die „jüdische Firma Bondi und Lob fallirt habe." Ich meine, wenn wir das Ereigniß von unserem Standpunkt als Juden betrachten wollen, wäre dasselbe eher geeignet, in Hinsicht auf ein solch' einstintmiges llrtheil, neben dem Bedauern über das Unglück braver und ehrenwerther Familien, ein Gefühl der Befriedigung über die Anerkennung, die die tadellose Redlichkeit derselben gerade in der Zeit ihres Unglücks gefunden hat, in uns wachzurufcn. *) Die Klagen des gesch. Herrn Correspondenten sind leider nur allzu berechtigt. Doch ein groß Theil der Schuld liegt an der Zersplitterung der Kräfte. Sobald die Lehrer einer Provinz zusanimeukontmen, gründen sie auch einen llnterstützungsvcrein, der ihnen oft mehr Beiträge abfordcrt, als die „Achawa" und doch noch lange nicht soviel leisten kann, wie diese. Was die Achawa in de» Nothsällen des jiid. Beamtenlcbens statutenmäßig leistet, überragt alle Provinzial-Untcrstilpungskasscn, selbst die Beamten-Pensionskasse der D. I. G. B., dar,,,» sollte es keinen Lehrer in Deutschland geben, der nicht sein wärmstes Interesse der „Achawa" zuwendet. ,Rcd.l