Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-01-29 · N° 5. (29.1.1885) · p. Seite 35

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 5. (29.1.1885)
Date
1885-01-29
Page
Seite 35 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/5369809-9586215-9584639--5599-9584642
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

- 35 — leben, wen» sie nicht im menschlichen Gemüthe einen empfänglichen und fruchtbaren Boden findet,"*) Im Weimarer Oberlande wo am flottesten gewuchert, aber sehr fleißig „Korbones" gebetet wird, mag die Opferlehre bei der Jugend einen fruchtbaren Boden finden! Es gäbe nur eine Entschuldigung für eine so exorbitante Forderung. Wen» es irgend ein Lehrplan ermöglichte, die ganze Bibel von Anfang bis zu Ende zu übersetzen, dann dürften auch vielleicht die Opfcrkapitel mit übersetzt werden. Aber muß man nicht allen denen, die diesem Anträge zustimmen , zurufe»: Stellt die Forderungen noch so hoch, wollet — aus dem Papiere — aus dem Religionsschüler einen angehenden Theologen machen, Ihr wißt es aus eigener Erfahrung, lvie trotz Eures besten Willens, trotz Eurer angestrengten Arbeit auch unter den denkbar günstigsten Verhältnissen nicht der zehnte Theil Eurer öffentlich gestellten Forderungen erfüllt werden kann. Möge das Hebräische zwei Drittthcile der zu Gebote j stehenden Religionsstunden ausfllllen, es werden im allerbesten j Falle 4—5 Stunden wöchentlich darauf entfallen und in; denen wird während einer achtjährigen Schulzeit auch nicht j der zwanzigste Theil der Bibel nach pädagogischen Grund-! satzen übersetzt werden können. Und da findet sich in der Bibel nicht genug des anziehenden, sittlich erhebenden und religiös begeisternde» Stoffes'? Dient ein einziger Vers aus unseren erhabenen Propheten nicht mehr zur geistigen An-; regnng für die Jugend, als sämmtliche Opferkapitel. j Alle die Herren, die in Berlin für die Opferkapitel ein-! getreten sind, missen ganz gut, daß ein Knabe, der beim j Verlassen der Religionsschule fehlerfrei hebräisch lesen, die Gebete übersetzen und einige Abschnitte in der Bibel übersetzen und in. elementarer Weise grammatisch zu erläutern versteht, eine rar«, »vis, ein Musterschüler ist, wie deren jede Schule nur in wenigen Exemplaren aufzuweisen hat. Herr vr. Kirschslein, der das Unsinnige dieser unausführbaren Forderung bekämpft hat, ist zur Ordnung gerufen, mit „Unerhört" niedergeschrieen worden. In unseren Augen und in den Auge» aller derer, die es für unwürdig halten, mit einer Richtung, der man in Lehre und Thal widerspricht, zu kokettiren, hat er sich um den gesunden Menschenverstand, um die Erhabenheit des Religionsunterrichtes und um die Ehre des Lehrerstandes recht verdient gemacht. Ich habe von vier Schulleitern aus meincin Bezirk Gutachten über diese Frage eingefordert**) das übereinstimmende Urtheil lautet: Gehen wir über die Berliner Versammlung zur Tagesordnung über. Rabbiner Or. Caro- Pilsen. Berichte und Corresponderrzen. Deutschland. Magdeburg. Die Protokolle der Kattowitzer russischösterreichisch-deutschen Eonferenz über die Eolonisation Palästina's sind erschienen und zwar in einer hebräischen und deutschen Ausgabe. Der Redakteur des in Brody erscheinenden „Jwri" hat sich der Mühe unterzogen, die beiden Texte zu vergleichen, und hat gefunden, daß an den wichtigsten Stellen, die die Grundprinzipien des ganzen Vorhabens darlegcn sollen, ganz ten denzi ösc Abweichungen vorgenommen sind. Während in der hebräischen Ausgabe das nationale Element, „Erwerb des heiligen Landes" „Wiederherstellung des jüdischen Reiches" (mit obligatem Tempeldienst,Einführung des Opfcrcultus?)imVordergrund steht, hat man in der deutschen dies Alles wohlweislich fortgelassen. Da die Protokolle bei den inscenirten großen Geldsammlungen zu obigem Zwecke eine Hauptrolle spielen, so war allerdings die ") DittcS „Schule der Pädagogik". S. 441. **) Wir wollen dieselben mit Erlanbniß der Red. in diesem Blatte znr „Klärnng" veröffentlichen. (Vielleicht bei dem beschlänkten Räume nur ausziiglich. Red.) größte Vorsicht geboten. Die Rationalen sprechet, hebräisch, die Deutschen sind modern kosmvvvlitisch. Selbst in der Eröffnungsrede des Herrn vr. Pinsker aus Odessa finden sich solche prinzipielle Verschiedenheiten. Mit solchen Taschenspielerkutisjslückchen macht man sich und seine Lache einfach lächerlich. — Entweder man weiß was man _ will und wagt cs der Welt zu saget, — oder man weiß cs nicht, dann schweigt mau — und wagt es nicht öffentlich auszusprechen, Samt ist man verloren. Denn die Zeit für Theilung in esoterische und exotcrische Lehren ist jvorüber! und GcheimbUndelei ist strafbar. — Wir haben nicht so viel Raum übrig, um die Beispiele für dieses unverantwortliche Verfahren zu mehren. Der „Jwri" hat mehr als zwanzig allsgezählt. So lange die Sache nicht klar liegt, iverden die patriotischen Juden i» Oesterreich und Deutschland sich von einer Sache fern halten, die geeignet ist, ihren Patriotismus und ihre Liebe zu ihrenl jetzigen Vaterlaude stark zu verdächtigen, und auch den weniger enragirten Antisemiteli willkommen Gelegenheit geben, uns als „fremdes Element" mit ganz besonderen nationalen Bestrebungen hinzustcllen. Wir erblicken in diesem in sich selbst unklaren von religiösschwärmerischen Zielen vermischten Vorhaben eine ernste Gefahr für die inmitten der verschiedensten "Rationen iveilenden Juden und müsse» gegen die in den Leitartikel der jüngsten, joebetl uns zugehenden Rnmmern des in Petersburg erscheinenden hebr. Blattes mit dankenswerther Klarheit und Offenheit ausgesprochene Tendenz: daß Israels Heil nur in iT’1?: pzp „S a in in lung der Zerstreuten" und ‘rXTi'" jHS -"w" „Ansäßigun gmachung inPa lästiua" liege, protesliren. Brauchen wir erst daran zu erinnern, welches Unglück die falschen Messiasse schon über Israel gebracht, und daß die Weisen sich zu einem in ihrem Munde ungewöhnlichen Fluch *) gegen die „Berechner von Exilsbeendiguugen" hinreißen ließen. K. Merlin, im Januar. (Or.-Eorr., In den letzten Nummern des vor. Jahrgangs Erachte die „Wochenschrift" Auslassungen von verschiedenen Leiten bezüglich der Stellung des Lehrers als Schochet in den Gemeinden diesseits wie jenseits des Mains, bezw. in verschiedenen Provinzen. I Es sei mir gestaltet, hier einen Fall mitzutheilen, für j dessen Wahrheit ich volle Bürgschaft übernehme, und welcher i zeigt, welch' hoher Grad von Gewissenhaftigkeit und Willensstärke einem Schächter beiwohnen muß, und daß es init der „handwerksmäßigen Routine" durchaus nicht abgethan ist. Es war in einer kleinen Stadt in Norddeutschland. Die kleine Gemeinde hatte seit Wochen kein Fleisch, denn Alles, was die Fleischer ftcHten, mußte unglücklicher Weise für „trefa" erklärt werden. Da kam das Peßachfest heran, und immer noch wollte eS dem ebenso gebildeten wie tüchtigen, und gewissenhaften Schochet nicht glücken, das „koscher" auszusprechen. Fleischer und Gemeinde waren gleichermaßen erhitzt; die Hausfrauen jammerten, die Männer verloren ihre Besonnenheit — kurz, der Lehrer und Schochet war in einer peinlichen Lage. Als endlich noch ein Fleischer sich bewegen ließ, am Rllsttage zum Feste noch ein Rind zu riSkiren, that er dies nur unter den rohesten Ausfällen gegen den Schochet und die Frauen umlagerten den Schochet beim Schnitt. In dieser Drang- und Rothlage mochte der sehr gewissenhafte Mann die Lunge vielleicht nicht ganz so genau wie sonst untersucht haben, kurz er sprach das „koscher" aus. Selbstverständlich athmete nun Alles auf, und der Mann vom „blutigen Handwerk", zugleich Lehrer der Gemeinde, konnte sich nun unangefochten zum Borbeten am Jomtow und zur Predigt vorbereiten. Aber nur soweit es von Menschen abhing, konnte er das, nicht aber von Gewissens wegen! Denn kaum zu Hause angelangt, überwältigte ihn die Meinung, nicht pflichtmäßig Alles untersucht zu haben; dazu kamen die ausgestandenen Aufregungen in der letzten Zeit, kurz er quälte sich mit der Sclbstanklage, eine ganze *) ptp p® di»b3 nen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.