Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 4. (22.1.1885)
- Date
- 1885-01-22
- Page
- Seite 30 (sequence 6)
- Language
- German
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— 30 — Herren Landes-, Provinzial-, Kreis- und Bezirks-Rabbincn höchstens alljährlich einmal ihren Sprengel besuchen können, so würde es von unendlichem Nutzen sein, wenn die Herren allwöchentlich auf losen Blättern durch Abklatsch oder Druck einen passenden Vortrag an ihre Gemeinden schickten, wobei cs weniger auf strenge Logik und haarscharfe Disposition, als auf wirkliche Popularität*) ankäme, auf eine solche Darstellung, die den Leser und Hörer packt. Die meisten Lehrer sind nicht in der Lage, etwaige Uebelstände in ihren Gemeinde» zu rügen, ja selbst die Tugenden der einen oder andern Familie dürfen sic nicht berühren, weit Bösivillige sie alsdann der Parteilichkeit zeihen könnten, 2. Wäre es höchst wünschcnsw.rth, wenn der Deutsch-JSr, Gcmeindebund einige Wanderpredig er anstcllte, welche diejenigen Gemeinden bereisten, die durch geeignete Vorträge sich über den Lehrinhalt des Judcitlhnms gern belehren lassen wollen, dabct auch in vorsichtiger Weise vvrkommcndc Zwistigkeiten innerhalb derselben zu schlichten suchten und den Lehrern mit Rath und Thal beiständeit. Der Prophet Saniuel bereiste alljährlich das Land und schlichtete die Unebenheiten, Diese Wanderprediger müßten als die Apostel der inneren Mission sich betrachten und auch als solche betrachtet werden. Der Weg ist freilich hierfür noch nicht geebnet, aber bei energischem Aufasscn würde es sich schon Bahn brechen und so manches Gute würde daraus entstehen. Auf dieser Wanderschaft müßten unsere Glaubensgenossen auch belehrt werden, wie sie den Feinde» in den Angriffen unserer Religion zu begegnen haben; denn gerade durch die herrschende Unkenntnis; tvird cS unseren Gegnern allzu leicht, das Judenthum zu verunglimpfen. Die, jüdischen Zcit- und Wochenblätter werden ja fast nur von den Lehrern gelesen und so dringt von den Belehrungen, die darin enthalten sind, wenig ins Volk, Möge das jetzige Israel das Treiben und Toben der Feinde zu seiner Besserung nützen und zu Gott und seiner Bestimmung zurückkehren, einen bescheidenen Wandel führen, ini Stillen Gutes wirken und dadurch dein Willen Gottes und der eigenen höheren Aufgabe zu genügen suchen. Gegen die Verwahrlosung und das sittliche Verkommen der kleinen Gemeinden müssen wir möglichst aufkommcn, denn dort ist der Heerd, woselbst unsere Feinde De» Giftstoff sammeln, (Schlich folgt.) ^esterrtird-Ungintn. H'ikfe», 4, Januar, (Aus Oesterreich für alle Welt!) Die Polemik in den vorjähr. letzten Nummern einer österreichischen Zeitschrift, betreffend gottesdienstliche Reformen in Troppau, ist in so manchen Beziehungen lehrreich, daß man sie wohl zum Anknüpfungspunkt für einige Bemerkungen von allgemeinem Interesse machen kann. Es kommen da Uebel zum Vorschein, an denen das Judenthum der Gegenwart überhaupt leidet. Die aus jener Polemik sich ergebenden Thatsachen sind folgende: In der Gemeinde macht sich iminer dringender das Bedllrfniß nach einem geregelten Gottesdienste fühlbar. Die alten Formen haben sich theilwcise überlebt und entsprechen nicht mehr dem religiösen Sinn der Heanwachscnden, Der Rabbiner wird ersucht, Vorschläge zu Reformen zu machen. Er lehnt es aus Rücksichten auf seinen religiösen Standpunkt ab. Der beleidigte Vorstand greift zu dem billigen Mittel, Reformen „nach berühmten Mustern" zu dckretiren. So ist der Zwiespalt da, den beide Theile in gleicher Weise verschuldet haben. Der Rabbiner durfte die Angelegenheit sich nicht aus Händen nehmen lassen, er durfte den aus der Gemeinde kommenden Wünschen kein starres „Non possumus“ entgegensetzen, er hätte,durch Vorstellungen und Ueberzeugung "auf die Gemüther wirken, er hätte bei dringenden Nvthständeu Zugeständnisse machen müssen, um extreme Schritte zu verhüten. Aber auch der Vorstand ist keineswegs eorrect vorgegangen, Hatte die Reform in Troppau denn eine gar so gewaltige Eile, Wäre es nicht viel gerathener, statt eine Broschüre zur Vcrthcidigung, eine solche zur Anbahnung *) Das läßt sich ja recht »ut vereinen, (Red.) von Reformen drucken zu lassen. Wäre es nicht gerathener, den widerstrebeitden Rabbiner durch Gutachten seiner Amtsgenossen in der Nähe und in der Ferne zu einer anderen Meinung zu bewegen. Ist es auch nur human, den Gcmeinderabbiner, der selbst an kleinen Reformen Anstoß nimmt, durch so extreme in den peinlichsten Gewissenszwang zu versetzen? Der Schreiber dieses kennt nun zufällig der College» Or. Blüh als einen friedlichen, bescheidenen, herzensguten und von aufrichtiger Frömmigkeit erfüllten Mann, Wäre mit eitiem solchen nicht durch redliche Verhandlungen ein Ucbcreinkommen zu treffen gewesen? Zum tausendste» Male zeigt dieser Fall wieder einmal, was uns Juden so dringend Noth thut, so schmerzlich fehlt, eine straffere Organisation der Gcmeindeverhältniffe und eine geistliche Obcrbchürde, In, Judcnthum wird eine Hierarchie niemals erwachsen, Institutionen, die in unserem Zeitalter gegründet werden, könncii mit Cautelen gegen jeden Mißbrauch umgeben werden. Aber die Omnipotenz der Vorsteher ist ein Uebel, dem nur durch ein klar ausgesprochenes Gesetz über Befugniß der Gemeindebeamten ein Ende gemacht werden kann. In die Verwaltung mischt sich ein Rabbiner selten, thut er es, so handelt er gegen sein Interesse, aber auch ein Vorsteher muß die Grenzen seiner Wirksamkeit kennen und nicht in Fächer übergrctfcn, die eben nicht sein Fach sittd. Aber auch für dieHRabbiner ist der vorliegende Fall — und so viele ähnliche — ein eindringliches Momento, sich der Zeit bewußt zu bleiben, in der wir leben. Der Gottesdienst ist niemals im Judcnthum etwas Starres, Unbewegliches, der Entwicklung nicht Zugängliches gewesen, er darf es auch jetzt nicht sein. Der gelehrte Rabbiner inuß es am Besten ivissen, daß fast in jedem Jahrhundert sich die äußere Form des Gottesdienstes geändert hat. Wollen wir nicht zuletzt mit einem Minjan alter LenteimGotteshause zurückblciben, so müssen wir danach trachten, alles Unwürdige, alles Anstößige und vor Allem alles Unwahre aus unseren Gebete» zu entfernen, Ihr Männer vom Fach wisset die Blumen von; Unkraut zu unterscheiden, versäumet Ihr Eure dringende Aufgabe, dann kommen Sensenmänner in Gestalt von Vorstanbsbeschillffcn und mühen ohne Auswahl Alles nieder! Ihr habt den Schaden und dazu de» — Spott, Budapest, 15. Januar, Der Kardinal - Erzbischof Ludwig H a y n a l d hat soeben an die Geistlichen seiner Diözese einen Hirtenbrief erlassen, welcher sich sehr energisch gegen die antisemitische Agitation wendet. Wir entnehmen der Enunziation des illustren Kirchcnfürsten die folgenden Sätze: „Den Antisemitismus, wie er an vielen Orten grassirt und sich in, häufig bis zur Gewaltthatigk.it gehenden Feindseligkeiten gegen das jüdische Volk äußert, verdammt jeder wahre und eifrige Seelsorger des ungarischen Vaterlandes mit Recht, wohl wissend, daß wir Alle im Dienste jener Religion stehen, welche das Symbol der Liebe auf ihrem Banner führt, und daß wir auch dann und dort, >vo gewisse schädliche Auswüchse zu entfernen und zu strafe» sind, nicht dazu berufen sind, die G e i ß c l des strafenden Gottes zu schwingen, sondern vielmehr den milden Geist der bessernden göttlichen Gnade und Barmherzigkeit zu vertreten haben. Ja, jeder besonnene Priester deS Vaterlandes ist in der Seele überzeugt, daß die gegen die Individuen der jüdischen Ration gerichteten gewaltsamen Angriffe sorgfältig zu meiden sind; ja, er ist überzeugt, daß er derselben Ansicht zu sein hat betreffs des anscheinend nicht in der roheren Gestalt der verschiedenen Verfolgungen auftretenden antisemitischen Strebens, von dem wir ebenfalls im Vorhinein nur wissen können, von wannen er ausgegangen und wie sein Anfang beschaffen ist: wo er aber Halt machen und wozu er entarten wird in den Volksaufständen und dann, wenn die Brandfackel der unbezähmbaren menschlichen Leidenschaften sich dazu gesellt — das kann Niemand Vorhersagen . , . _SSSWEsf