Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 4. (22.1.1885)
- Date
- 1885-01-22
- Page
- Seite 31 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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!'.*wi. iwe-.v.. i; .■• Bl Rußland. Klschinew, 11. Januar, Die Bestätigung der hier von einem gewisse» Rabinowitz begründeten juden - christlichen Sekte „R euisrael" durch den Minister des Innern, Gras Tolstvi, ist thatsächlich crfvlgt. Derselbe hat auch die Genehmigung zum Bau einer '„Synagoge des Messias Jesus Christus" ertheilt. Die Regierung ist der Bewegung sehr sympathisch; trotzdem wird ein Rückgang derselben gemeldet, da Mißtrauen gegen die Aufrichtigkeit des Gründers entstanden ist. Derselbe gehörte früher zu den Chassidim, war Correspondcnt für das hebräische Blatt .Hameliz" und ist dann Missionäre» in die Hände gefallen. Cr glaubt durch Gründung einer Secic, die den „Bruder Jesus" als Messias anerkennt, das harte Loos seiner russischen Brüder zu mildern. Daß der bethörte Anhang schließlich in die Arme des Christenthums geführt würde, dafür bürgt das große Interesse, daß mehrere englische und deutsche Missionäre — auch Prof. Delitzsch in Leipzig — an der Bewegung nehme». — Im „Hameliz" macht ein Corresp. Enthüllungen über den genannten Joscl Rabinowitz, der früher auch stark in Colonisation Palästina's gemacht hat. Das Blatt warnt mit Recht seine Leser davor, sich durch den ehrtvürdigcn Namen des Prof. Delitzsch nicht täuschen zu lassen. Denn dieser Herr har das hebr. Schriftchen des „Bikkure Tecnoh" von Rabinowitz unter dem Titel „Judcnchristlichc Dokumente aus Bessarabien" übersetzt, weit er in R. den Mittler erhofft, welcher die Brücke schlagen wird, die die Juden zum Christenthum hinllbcrführt. Uerrnifchle und neueste Nachrichten. Magdeburg. Der „Courier Marsch." verbreitet die Nachricht, daß im Februar eine zweite Versammlung in Kattowitz tagen wird, um Die Besiedelung Palästinas zu fördern. „Hazephira" mahnt zur Vorsicht, denn die Befestigung der Ansicht: Die Juden wollen ausivandern — könnte für die Entscheidungen der Judenkommission verhängnißvoll werden, auch dein Antisemitismus in andern Ländern neue Nahrung geben. Berlin Aus Kreisen, ivelche sich als gut informirt bezeichnen, hören wir über die nunmehr erfolgte Wiederbesetzuiig des Direktorats der Auerbachschen Waisenhäuser solgeiides. Die Parole war ausgegebcn: Rabbiner darf der neue Direktor nicht sein. UeberdieS muß er es zugeben, daß die Zöglinge am Sabbath schreiben. Beiden Ansprüchen entsprach Herr Dr. Strelitzer aus Rostock in ausreichendstem Maße — und io wurde er gewählt. Merlin, 20. Januar. Gestern hielt Herr Dr. Gumbinner einen Montagsvortrag: „Erinnerungen an Michael Sachs". A Dresden, 15. Januar. (Or.-Corr.) In unserer materiellen Zeit ist umsomehr bei dem Hinscheiden eines jüdischen Gelehrten auszurufen: „Wehe über die, welche gestorben sind und nicht mehr wiedergefunden werden." Rach langem Krankenlager verschied am 11. ds. Mts. der emer. Rabbiner Dr. Jacobson. Der Verstorbene war eine Reihe von Jahren Rabbiner und Prediger der israelitischen Religionsgemeinde zu Marienwcrder und lebte seil 8 Jahren in Dresden als Inhaber eines Mädchenpcnsionats. Nicht nur als geistvoller Prediger, wovon seine erschienenen Predigten ein beredtes Zeugniß oblegen, sondern auch als tüchtiger Schulmann war Dr. I. rühmlichst bekannt. Seine Schulbücher, „Abtaljon", „Rimmonim" u. s. w. sind von Männern, wie Frankel, Sachs, Hirsch warm empfohlen worden. Auch als Apologet trat er in seiner Schrift 'nS mit Feuereifer gegen diejenigen auf, die den Sabbath auf den "Sonntag verlegen wollten. Der Heimgegangene war „ein Schüler Ahrons, den Frieden liebend und de» Frieden anstrebend." Das was der Verklärte durch Mort und That «nd Beispiel gewirkt, das sichert ihm und seinem Namen dauernde Anerkennung. Kambnrg, 19. Januar. Am Sonnabend Abend hielt Herr Dr. Leimdörfer vor einem gewählten Publikum einen höchst anregenden Vortrag über Pädagogik und Judenthum. Redner zeigte, wie der Ursprung der Menschenerziehung als Wissenschaft, Pflicht und Volksaufgabe, zuerst bei den Juden hervortrat, und für sie durch Jahrhunderte der geistige moralische Halt war, welcher sic durch alle Leiden des Lebens geleitet und in allen kritischen Zeitmomenten ihnen als wahrer nationaler Hebel gedient hat. Aus trefflichen Cltaten aus der Bibel wies der Redner schlagend nach: wie die Geschichte der Patriarchen, die Gesetzeslchre Mose'S, die Bestrebungen der Richter und Propheten den Zweck verfolgen, Zucht und Sitte, körperliche und geistige Erziehung allein als das leitende Motiv in Israel hinzustelle». — Nach dem Untergange des jüdischen Reiches nahmen die jüd. Leyrer und Erzieher im Orient sowohl wie Occident durch ihr Wissen und ihre Sittenreinyeit eine allgemein geachtete Stellung ein — sie haben auf dem Gebiete wahrer, echter Cullurbcstrebungcn den Völkern vorangeleuchtet und ihren Brüdern die dunklen Pfade der Intoleranz bis in die Gegenwart hiiiein gleich Sternen erhellt. — Diesem erziehlichen Sirebcn, schloß der Redner, fehlte nur noch die „Systematik", welche in neuerer Zeit — durch ihre Verbindung mit dem Deutschthum — die Pädagogik zur Vollkommenheit leiten soll. Wien. Die 2. Auflage von I. Singer's: „Sollen die Juden Christen werden?" ist staaisanwattlich mit Beschlag gelegt worden. (Jüdischcrseits ist dies langst schon geschehen. Red.) Mrody. Die von der Wiener Allianz für die Talmud- Thora gegründete Schule für Sprachen und Rechnen ist mit 90 Schülern eröffnet worden. Derselbe Verein hat 2000 Gulden zum Ankauf eines Hauses für die israelitische Schule hier gegeben, Herr Ritter v. Kallir 1000 Gulden für deiiselben Zweck. Aaris Der Director des Rothschild'schc» Waisenhauses iit zum „Officier de l’Iustruction publique" ernannt worden. Baris. Das Consistorium will die Zahl der jüdischen Bevölkerung unserer Stadt fcststellen und hat geeignete Fragebogen ansthcilen kaffen. Seit 15 Jahren wieder wird auf die Tempelobligationen 5 Frcs. Zins gezahlt. Herr Rabbiner Josef Lehmann hier hat die akademischen Palmen, Herr Siora, Präsident des Cvnsistoriums von Algier, den Orden der Ehrenlegion erhalten. — Der Artillericschwadronsführer Herr Edgar Wolff ist Oberstlieutenant geworden. — 4 Hilssrichter beim Handelsgericht sind Juden. London. In der „Daily News" macht der anglikanische Geistliche Herr I. Davis den Vorschlag, eine Versammlung von 70 Gelehrten (je 35 Juden und Christen) behufs Ausgleichung beider Religionen einzuberufen! Petersburg. Die Judenkommission soll ihre Aufgabe in 40 Tyeile zerlegt haben, und von diesen 40 ist ei» Theil erledigt. Wie lange die 39 („die 40 weniger 1") der Erledigungen harren werden — weiß Gott allein. Warschau. Frau Petronella Baumann hat jüngst eine Gewerbeschule für Juden Hierselbst gegründet mit der Bestimmung, daß nichtjüdische Schüler dann Ausnahme finden sollten, wenn Juden, in die Zünfte ausgenommen, das Recht Lehrlinge auszubildcn, werden erhalten haben! So ists recht. Bisher ist für jüdisches Geld und mit Hilfe der Juden nur geschaffen worden, woraus man Waffen gegen die Juden geschmiedet, oder wovon man miiidestens die Juden ausgeschlossen hat. Aerusakem. Das hier erscheinende Blatt „Schaare Zion" ist sehr aufgebracht gegen die ungarischen Rabdinen, welche bestimint haben, daß nur Gelehrte, Greise und Schwache von den aus Ungar» eingehenden Geldern fortan unterstützt werden sollen. (Wir freuen uns, mit den Herrn in Ungarn auch einmal vollständig übereinstimiiien zu könne». Red.) I i- .ÄÄ M. : j ■’ ' i ük 4 {