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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-01-22 · N° 4. (22.1.1885) · p. Seite 29

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 4. (22.1.1885)
Date
1885-01-22
Page
Seite 29 (sequence 5)
Language
German
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— 29 — ■pom Rhei« In einer Abhandlung „die Entwicklung der Moralstatistik" <Nr, 204 der Zeit- 'und Streitfragen) hatte Herr Rechtsanwalt vr. Fuld in Mainz, dem Herrn Professor u vn Oellingen in Dorpat den Borwurs gemacht, im antisemitischen Interesse Teitdenzstatistik getrieben zu haben, Herr von Oettingen hat auf diesen Vorwurf mit nachstehendem Briese an Herrn vr, Futd geantwortet: „In Ihrer sonst so freundlichen und anerkennenden Benrlheilung meiner Moraistalistck machen Sie mir den Vorwurf, den Juden gegenüber gehässige Tendenzstatisttk getrieben zu haben. Namentlich soll ich das jüdische Element eine „Gaunerbande" genannt haben. Sie schließen daraus, daß die antisemitische Parteiverbitterung auch mich angeileckt habe. Bei der sonst durchaus sachlichen und gerechten Würdigung, die Sie meinem Werke, dessen Mängel ich am bestcn kenne, angedeihen lassen, hat es mich geschmerzt, in jenem Punkte mißverstanden worden zu sein. Ich stehe innerlich durchaus freundlich dem jüdischen Volke gegenüber. Ich verabscheue die antisemitische Propaganda und habe mich wiederholt auch in meinem Hauptwerke anerkennend über die Vorzüge des Judenthums ausgesprochen <ger>ngere uneheliche Geburt, Familiensinn, Bildungsstreben, selbst geringere Bethecliguug am Verbrechen) unter ausdrücklicher Anerkennung in Betreff Berlins, In früheren Schriften habe ich sogar die ungeheure prvvideatielle Bedeutsanikeit dieses durch Gottes Fügung so zähe erhiltene» und großartig veranlagten Vvlksstamm.s eingehender zu beleuchten versucht. Aber freilich, corruptio optimi pessima. Im Verbrecherthnm und Gaunerthnm hat, ivie ich ausorllcklich sage, der jüdische Dämon, nicht das ganze Volk, einen verhängnißvoll n Einfluß geübt. Beweis dafür ist mir zunächst die bekannte Beobachtung Lallemants in Betreff der jüdischen Elemente in der Gaunersprache, Doch auch hier hebe ich hervor, daß die Znsammenschiebung indogermanischer und semitischer Sprachtypen für alle Zeiten ein trübes Denkmal unserer Sünden, d, h, unmenschlicher Verfolgung des alten Gotiesvolkes, sein und bleiben werden. Damit brandmarke ich doch die antisemitische Tendenz, Wenn ich nun die so sonderliche Zunahme gewisser von Juden verübter, gemeiner Verbrechen tMeineid, Betrug, falscher Bankerott) ziffertlmäßig darlege uiiv dann hiiizufüge, daß man „die steigende Empörung deS christlichen Bewußtseins gegen diese betrügerische Bande" verstehen könne, so meine ich doch selbstverständlich mit diesem Ausdruck nicht das ganze, mir durchaus als ehrenwerth geltende Volk, sonder» die Gruppe der H a n d els - u, B örs en - spekulanten, welche freilich nach meiner durchgehenden Gesammtanschauung von der Solidarität mit dem krankhaften Vollsgeist und den herrschenden Schoßsünden dieses Volksthums ebenso zusammenhängt, wie etwa bei den Deutschen, und namentlich den protestantischen, die bis aufs Höchste gesteigerte Selbstmordiendenz. Mit dem Ausdruck „betrügerische Bande" will ich also nur jene aus küiistlicheii oder faclischen Bankerott hinarbeitende Ätlnffe von jüdischen Spekulanten bezeichnen, die ja notorisch einen vergiftenden Einfluß auf die Volksseele ausüben. Sehr lieb wäre mir um der Sache und meiner Person willen, wenn Sie freundlich dieses Mißverstäiidniß etwa in einer neuen Auflage Ihrer Schrift oder sonstwie öffentlich zurechtstellen wollte». Ich stelle es Ihnen frei, von diesem meinem Schreiben dabei Gebrauch zu machen und bekenne bei dieser Gelegenheit aufrichtig, daß ich die ganze antisemitische Agitation ä la Stöcker und Henrik: verabscheue. Genehmigen Sie u. s, w, gez, vr. von Oettingen, Mainz, im Januar, (Or.-Cocr.) Großes Aussehen in der Handelswell Deutschlands und darüber hinaus erregt das ungeahnt ausgebrochene Fallissement der weithin be/ kannten Firma Bvudh & üöb hier und verfehlt selbstredend nicht, dem hie und da noch immer lodernden Judenhaß neue Nahrung zuzusühren. Leider wird dieser Fall, von dem weile Kreise in Mitleidenschaft gezogen werden — es stehen frankfurter Blätter» nach nur 600,000 Mk, Actioa einer Summe von 1,600,000 Mk, Passiva entgegen — auch noch „ach einer anderen Seite dein Judenthum seine Wunde» schlagen. Die gedachte Firma war eine — wohl die bedeutendste Hochburg der erassesten Orthodoxie Deutschlands — nicht blos haben die Separationsgelüste hier in Mainz selbst durch ihre Betheiligung und Unterstützung zur Spaltung in der Gemeinde geführt, sondern anch sonsthin haben gleichartige Bestrebungen in Deutschland von hier aus stets reichliche Nahrung gesunden. Man kann fast sagen, jene jetzt so üppig ins Gras geschossene Kampf- und Hetzorthodoxie, die die Frömmigkeit auS dem Herzen auf die Gaffe getragen hat, wäre ohne die Nahrung, die sie aus solchen Quellen gesogen und gezogen, aum möglich gewesen. Ich brauche nur daran zu erinnern, daß diese Familie auf der einen Seite verschwägert ist mit dem hiesigen Chefredacteur des Centralblatts der Orthodoxie, auf der andern Seite doppelt und dreifach verschwägert ist mit den Familien derOrthodoxen- Führer in Berlin, Halberstadt, Altona, Marburg und Karlsruhe. Wird man da nicht mit Recht oder Unrecht sagen: „So machen es Eure Orthodoxen seihst?" Ein dieser Familie angehöriger Rabbiner hat gelegentlich des Todes eines reichen und auch wohlthätigen Familien- Mitgliedes einmal von der Kanzel aus zu verstehen gegeben: „Die Geniein de habe sich versündigt, daher dieser Schlag". Was wird er jetzt sagen, wenn er hierüber auf der Kanzel sich anslassen wird? Wir würden an dieser Stelle nicht hier über reseriren, wenn nicht dieser Fall,twickschon angedeutet, eng mit dem Coursstanüe unserer Orthodoxie zusammenhinge, gewissermaßen von ihr auch mitoerschuldet und versündigt ist. Hätten ihre Vertreter auf den Kanzeln und im Ornat statt gegen das Taschentuch tragen am Sabbath und dgl, gegen den Mainmonsdienst geeifert, statt in denunziatorischer Weise über Jede» herzufahren, der nicht ganz aus ihre Fahne schwört, sich gegen die argen Mißstände in ihrem eigenen Lager gewendet, vielleicht wäre uns und ihnen dieser und mancher anbere Schlag erspart geblieben. Wir haben schon, als in der Provinz Kurhessen unter der gleichen Flagge der Wucher sein fluchwürdiges Handwerk trieb, unsere Orthodoxie daran geinahnt, hierhin das Auge zu richten, sie hat es nicht gethan. Man glaubte durch Verschwägerung mit dem Gelde sich gegen alles geschützt und gefeit. Wird sie jetzt diese Lection des Himmels verstehen und endlich ansangen, vor der eigenen Thllre zu kehren, anstatt Andere zu verketzern? 8, Aus dem Araunschweigischen (Or,-Corr.) Die Wochenschrift beleuchtet in umfassenden Artikeln und Abhandlungen die Situation der heutigen Juden und des Judenthums allwöcheiitlich von den verschiedensten Seiten, sie hat das Gaiize im Äuge, die Verhältnisse und Vorkommnisse in den große» Gemeinden, Möge es einem Laien gestattet sein, die Aufmerksamkeit auf manche Uebelstände in den kleinen Gemeinden, in die so selten ein Strahl der religiösen Erleuchtung dringt, zu lenke». Ich finde, daß diese viel zu wenig berücksichtigt werden. Für das JHXn DS („Landvolk") hatte in an einst in Jerusalem einen besonderen Mvntag- und Donnerstaggottesdienst mit Thvravorlesung eingerichtet, hat auch sonst bei manchen religiösen Institutionen z, B. Lesen der Megilla, Rücksicht daraus genommen, auch dem religiösen Bedarf der Landleute zu genügen. Aber heutzutage? Wohl besitzen unsere größeren Gemeinden ausreichende Jnstituiionen zur Erbauung uiid Belehrung, die kleineren Gemeinden hingegen gehen fast ganz leer aus. Hier und da lernt man vielleicht noch einen „Schiur", der aber dem einigermaßen gebildeten Israeliten nicht zusagt, aus den weniger oder gar nicht gebildeten aber gar keinen sittlich veredelnde» Einfluß übt. Bei dein Vortrag eines Schiur wird gewöhnlich ein Abschnitt aus dem Menoras hamoaur oder aus einem anderen ähnlichen jüdischen Moralbliche übersetzt, aber der Gesammtinhalt, die eigentliche Erbauung kommt den Zuhörern gar nicht zum Bewußtsein. Vielen genügt eilt solcher Vortrag, weil sie durch das bloße Anhöreu schon glauben, der Religiösität Genüge geleistet zu haben, Soll es darin besser werden, so ist folgendes nöthig: 1. Da die

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