Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-01-22 · N° 4. (22.1.1885) · p. Seite 28

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 4. (22.1.1885)
Date
1885-01-22
Page
Seite 28 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/5369809-9586215-9584630--5591-9584634
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

28 i die Orthodoxen an diesen Stellen, eben weil sie gegen das „Gesetz" gerichtet sind, gleichfalls Anstoß nehmen. Und wenn derPsalmist selbst ihnen zugerufen hätte: JUfBn X7 nroöl „Schlacht- und Speiscopfer willst Du nicht!" (Ps. 40, 6) — so Hütte ihnen das ebenfalls „in die Ohren gebohrt" und sic hätten auch dagegen geschrieen: „Unerhört". Wir schweigen darum hier von den eindringlichen Prophetenworten, fragen vielmehr: Was wollen denn die Orthodoxen? Stimmt denn K.'s Aenßerung nicht mit der Ansicht vieler Talmudlchrer und ganz besonders mit der des Maimouides überein, nach welcher der ganze Opfcrcnltns lediglich eine Conccssion an das damalige götzendienerische, opferlnstige Heidenthum gewesen sei? Ist demnach die Aeußcrung K.'s, das; die Opfervorschriften der Bibel für unsere Zeit und unser Vaterland, das keinen Götzendienst kennt, bedeutungslos geworden sei, unjudisch? Man hätte es bedauern müssen, wenn in einer Versaminlnng jüd. Schulmänner Deutschlands nicht ausdrücklich ein Protest dagegen erhoben worden wäre, daß die jüdische Religio» noch mit dem Opsercultus in Verbindung stehe,1319 XM1 Ti’ xS ax hier wäre Schweige» eine Versündigung am Geiste des Judenthnms gewesen. — Wenn hier nun gesagt wird, die Opfcrgesctze brauchen nicht in hebräischer Sprache in der jüd. Volks- und ReligionSschnle gelehrt zu werden, so soll damit durchaus nicht ausgeschlossen sein, daß den Kindern beim bibl. Gcschichts- und Religionsunterricht die richtigen Gesichtspniikte über den Opfercnltns der Vorfahren gegeben iverden. Im Gegentheil, da ist dem Lehrer Gelegenheit gegeben, die Kinder darüber zu belehren, daß das alte Judenthum sich ein großes Verdienst auf diesem Gebiete erworben Hai. Denn die Bibel war eS zuerst, die nicht allein das Menscheiiopfer beseitigt hat, sondern sie hat auch die richtige Werthschätzuiig für den Opsercultus aufgestellt. Ihr bleibt das große culturellc Verdienst unbenommen, die Zeit vorbereitet zu haben, da der Opsercultus durch die Anbetung im Geiste, durch Tugendhaftigkeit und opferfreudigen Sinn für alles Edle und Göttliche irsetzl wird. Wir hätten noch mit dem hiesigen orthodoxen Blatte abzurechnen, das die Speise- und Sabbathgesctze, Roschhaschana und Jomkippur mit in diese Frage hineinzicht und Herr» Or. Kirschstein sowie die Berliner jüdische schule bei der hiesigen Gemeinde und ihrem Vorstände denunzirt. «Das Blatt leistet z. B. den Satz: „Möge man jetzt hier in Berlin und draußen im Reiche selbst darüber nrtheilen, ob ein Vater, der noch ein warmes Gefühl für niisere Religion und unsere Heiligthümer hat, die religiöse Erziehung feiner Kinder der Hut der Berliner jüdischen Gemeindeschulc aiivertraucn kan»: möge man allcrwärts darüber entscheiden, ob eine Gemeindcleitnng es unternehmen darf, für die Erziehuiig der Kinder Männer des öden Zweifels oder der vollkom,neuen Lossagung von Bibel und Offenbarung zu unterhalteii.") Doch wir sehen ruhig der Entscheidung veriiünftiger Pädagogen, „sowohl hier in Berlin als atich draußen im Reiche" über dieses sich selbst richtende Verfahren des orthodoxen Blattes entgegeii und lassen die Unkenrufe derartiger Fanatiker — verhallen. (Wir haben von mehrere» Fachmännern Urtheile über diese ganze Materie erhalten und werden das Wichtigste daraus demnächst veröffentlichen. Red.) Ijerlin, 11. Januar. (Or.-Evrr) Eine schwere moralische Bcrurtheiluug hat der Antisemitismus in voriger Woche hier erlitten. Der Redactcur der „Staatsbiirger-Zlg.", Or. Bachler, brachte feiner Zeit im genaniiten Blatte eine Reihe von Artikeln, welche, im Gegensatz zu einem Artikel der „B. Börs. Ztg.", den Nachweis führen sollten, daß nicht die antiseinir. Bewegung, sondern die Geschäftsführung der Frau Lina Morgenstern und ihres Gatten den Rückgang des Hausfrauenvereins verursacht hätten. Wer die Tendenz der gcnannten Ztg. kennt, kann sich von der Art »iid Weise, wie diese Artikel gehalten waren, eine lebhafte Vorstellung machen. Von dem M.'schen Ehepaare zur Verantwortuiig gezogen, will der Angeklagte nur das allgciireine Interesse vertreten haben und wird in seiner Verthcidigung von einem Rechtsanwalt Stern (!) unterstützt. Der Gerichtshof erklärte, daß ein Beweis für die beleidigenden Behanptnngc» nirgends erbracht sei und der Schutz des § 193 d. St.-G.-B. dem Verklagten nicht zugebilligt werden könne und verurtheilte denselben zu einer Gesammtstrafe von 390 Mk. event. 39 Tage Gefüngniß. Ob die Herren Antisemiten es einsehen, daß der Richter damit auch ihre Handlungsweise vcrurtheilt hat, muß füglich bezweifelt werden, sollen sie doch wie ein Ausspruch des Professor Wagner in einer Volksversammlung dazu anregt, ihre Beweise mit der Reitpeitsche führen. Wenn dann Pistole und Revolver die ultima ratio werden, ist das nur die logische Folge. Leider haben die Thatiachen schon die Richtigkeit dieser Logik bewiese». Das Stubenkendnell, das jüngst hier stattfand, und mit dem Tode des Vorsitzenden des „Vereins deutscher Stndenten" endete, hatte ja auch in der aiitisemitischen Tendenz dieses Vereins seinen Grniid. Aeuthe» H.-S., Januar 1885. (Jubilälim.l Ei» in den Annalen der Städte bisher einzig in seiner Art dastehendes Jubiläum war es, welches der hieige Partiknlicr Herr Joseph Richter am 9. Januar feierte. Aii diesem Tage wäre» fünfzig Jahre verflossen, an ivelchem der genannte Herr in die hiesige Stadtverordnetcn-Versammlung gewählt wurde, der er seitdein nnnnlcrbrochen ein halbes Jahrhundert angehört, in der ec mit seltener Pflichttreue und nie rastendenl Eifer zum Wohle der hiesigen Stadt gewirkt hat. Um die Verdienste des Herrn Jubilars, die schon im Jahre 1878 durch Verleihung des Königl. Kronen Ordens VI. Klaffe die allerhöchste Anerkennung gefunden halte», durch eine würdige Ovation zu feiern, begab sich eine Deputation der städtischcii Behörden, au ihrer Spitze der Königl, Landrath des Kreises Beuthen Herr v. Witt keil m die Wohnung des Herrn Jubilars. Jii einer schwungvollen Ansprache hob der erste Beamte des Kreises die Verdienste des Jubilars um das Gemeinwesen unserer Stadt hervor, wies auf das itt der Geschichte der preußische» Städte einzig dastehende Jubiläum hi», sprach ihm deii Daiik mit) die Anerkennung der Königl. Staats-Regierung aus. überreichte ihm ein ehrendes Glückwunschschreiben Seiner Excellenz des Herrn Ministers v Puttkammer und befestigte den ihm durch ine Gnade Sr. Majestät des Kaiser» verliehenen Rothen Adler-Orden IV. Klasse an feiner Brust. Hieran schloffen sich die Glückwünsche des Ersten Bürger mcisters Herrn Or. Brünning, der im Name» der Stadt dein Herrn Jubilar das Diplom als „Ehrenbürger" über reichte, eine Auszeichnung, die einem andern Bürger nnjcrer Stadt bisher nicht zu Theil geivorden. Auch der hiesige R .bbiner Herr Or. Rosen t hal an der Spitze einer Deputation der jüdischen Gemeinde sprach im Namen derselben ivaraie Worte des Dankes und der Anerkennung für die zahlreichen Verdienste des Herrn Jubilars um die Stadt, besonders aber lim die jüdische Geincinde, ans, der er fünfzig Jahre hindurch als Vorstands-Mitglied imb als Schöpfer und Vorsteher der am hiesigen Orte zahlreichen Wohllhätigkeitsanstalten angehört. Hieran schloß sich noch eine solenne Feier des Jubiläums, ivelche der Arzt Herr Or. Richter, ein Sohn des Jubilars, in feinem Hanse veranstaltete. Es sei zum Schluß noch bemerkt, daß der im 80. Lebensjahre stehende Herr Jubilar sich der rüstigen Gesundheit er freut, welche die frohe Hoffnung in Aussicht stellt, ihn noch recht lange zum Wähle seiner Mitbürger tvirken zu sehen. Daß er außer einem seltenen allgemeinen Bildungsgrade noch einet, großen Schatz talmudischcn Wissens besitzt, sei nur nebenbei bemerkt. Der Ehrenhaftigkeit seines EharaktcrS und der Lauterkeit seiner Gesinnung aber verdankt der Herr Jubilar die allgemeine Hochachtung, deren er sich bei allen Parteien und Eonfessione» erfreut, ivelchen die ruhige Kon sequenz t» allen Handlungen des Herrn Jubilars iinponirte, die sich in die Worte zusammenfassen läßt: lortitsr in re, suaviter in modo.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.