Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 4. (22.1.1885)
- Date
- 1885-01-22
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 27 — flüssiger Formen arbeiten.*) Wir wollen keine Proselyten, aber es ist eine heilige Pflicht, jeden, der durch seine Geburt zu uns gehört, vor dem Abfall zu wahren und unsere Glaubensgemeinschaft zu erhalten. Die israelitische Schulmännerversammlung in Berlin. ll. Kinigung. Wohl alle Theilnehmer der Versammlung, der Ausschuß und die aufmerksamen Beobachter außerhalb der Versammlung hatten beim Eröffnen der Versammlung sehr geringe Hoffnung auf einen Erfolg. Die vier Referenten, welche der D.-J. G.-B. zur Vorbereitung des Berathungsmatcrials acht Wochen vorher mit dem Gutachten bekannt machte, gingen mit gleichen Gefühlen an ihre Arbeit. Aber schon der erste Abend der Vorversammluug konnte die Hoffnung stärken, da man sich dahin verständigte, im Plenum k e i n e u der bekannt gewordenen Normalplüne zur Grundlage zu nehmen, sondern nur die generellen Grundzügc eines Normalplanes, welche die Rescrcnten gemeinschaftlich zu vertreten sich bereit erklärt hatten. Der erste Vormittag der Hauptversammlung verlief darum befriedigend, man war sich klar geioorden, welches die Bedeutung eines Rormalplancs sein müsse und könne, man hatte sich über die Disciplinen des Religions-Unterrichts, über die Ordnung in Abtheilungen, fast auch über die Stundenzahl geeinigt. Aber der erste Nachmittag schien wieder alle Hoffnungen zu zerstören. Die Debatte war plötzlich in das Gebiet der Spezialia aus dem Gebiete der biblischen Geschichte übergcgaiigen; es verwirrte sich das Bild der Abtheilungen und der Abend war herangekommen, cs wurde spät und man war noch immer bei Geschichte und konnte zum vollen, klaren Abschluß nicht gelangen. Doch, was bedrohlich schien, wurde zum Guten. Es blieb nach beendeter Abcndsitzung noch eine freiwillige Cvminission bei einander, um sich klar zu iverden, wie mau des 2. Tages die Berathung einrichtc, um zu einem Ziele zu gelangen, das erfreulich sei. Die Lommisston saß stundenlang zusammen, prüfte immer von Neuem, und fand endlich, daß vor der Hand von, einer in« Einzelne gehenden Specialisirung des Normalplanes kein Erfolg bei der Berathung zu erwarten sei. Die Verhältnisse sind noch zu verschieden, zu unklar, die Zeit zu kurz, um hier zu einer heilbringenden Normalfeststellung kommen zu können. Man kam wieder auf die generelle» Grundzüge, welche die Referenten der Ver- ' sammlung vorgelegt hatten, zurück und erkannte, daß schon eine Einigung in diesen Dingen eine Errungenschaft sei und für weitere Arbeit überhaupt nicht entbehrt iverden könne. Der folgende Tag lohnte auch diese Vorarbeit. Die Referenten trugen an der Hand der generellen Grundzüge ihr Referat über Lesen, Gebetübersctzen, Gesang, Pentateuch, Religionslehre vor und die Versammlung kam in erfreulich schneller Weise zur Einigung. Noch einmal schien das Werk gefährdet, als bei Gelegenheit des Referates über Thora in der Versammlung religiöse Gegensätze in scharfer Weise zu Tage traten. Aber auch dieser Sturm legte sich, das Streben, einig zu bleiben war stärker, als das einseitige Hervorheben eines subjectiven religiösen Standpunkts, und so kam es dahin, daß man endlich in der Nachmittagssitzung die generellen Grundzüge durchberathen und fixirt hatte. Nur kleine redactionellc Aenderungen blieben noch Vorbehalten. *) lieber diesen wichtigen Pnnkt werden wir einige Artikel von einem gut belesenen und scharf beobachtenden „Nichttheologen" demnächst veröffentlichen. Wir dürfen die Äuget, vor den unserem Cultus und Reugionsunterricht anhaftenden Mängeln tiicht verschließen. Mag die Orthodoxie — die alte echte und die junge heuschlerische — sich für Aj>ricultur u. Colonialpolitik in Palästina und siirOpfcrgeseKcbegeistern, wir haben an der Geistescultur und Fruchtbarmachung der religiösen Idee bei unseren Glaubensgenossen zu arbeiten. (Red.) So viel steht als gewonnenes Resultat fest: das Verlangen nach pädagogischer Regelung des Religionsunterrichts ist unzweideutig anerkannt, das Streben nach Verständigung und thunlichster Einschränkung particularistischer Tendenzen gekräftigt und die Aufmerksamkeit erfahrener und erprobter Schulmänner auf eine gemeinsame Regelung in vollem Maaße gelenkt. Kroner-Erfurt. Kurz, das Resultat der zweitägigen Verhandlungen wäre sonach: Eine Klärung ist — nach mancher Beziehung hin — erfolgt; die Einigung muß der Zukunft überlassen bleiben. Red.) Gerichte und Correspondenren. Deutschland. Magdeburg. Hartmaniüs Buch über das Jndcuthum ist bereits in zweiter Auflage erschiene». Der Vers, schickt ei» „Vorwort" über dieses „freudige" Ereigniß voraus, worin er offenbar mit Bezug auf den in unserem Blatte gemachten Vorwurf über die Bezeichnung „Wirthsvölker" (s. Nr. 2) schreibt: „Nur über den Ausdruck „Wirthsvölker" möchte ich noch eine Bemerkung anfllgen, den man beanstandet hat, weil die Juden in den Ländern ihrer Emaneipation eben nicht mehr „Gäste" seien. Ich will nicht betonen, daß sic zwar staatsrechtlich aufgehört haben, Gäste zu sein, es aber für das Nationalgefllhl des Volkes solange bleiben werden, bis sie sich vollkommen nationalisirt d. h. die Emancipationskrisis überwunden haben werden; ich will nur sagen, daß ich den Ausdruck „Wirthsvölker" als stilistisch fast unentbehrliche Abkürzung brauche für „Völker, welche einem Theil des jüdischen Stammes in ihrem Staatsgebiet und nationalen Wirthsschaftsgebiet Aufnahme gewährt haben," im Gegensatz zu solchen Völkern, wejlkhe den Juden den Eintritt in ihr Staatsgebiet verwehrt oder die Aufgenommencn wieder vertrieben haben." Wenn das „solarueu rarserrs sooios habere malorum" auch auf dieses von Hartmann uns zugefügte „Uebcl" Anwendung findet, so ist uns dieser leidige Trost, Genossen im Unglück zu haben, allerdings geworden. Denn in seiner allerneuesten Elucubration („Gegenwart" 1 u. 2) sicht der Philosoph des Unbewußten das Deutschthum auch durch die katholische Kirche bedroht. Er fordert die Regierung geradezu auf, Sorge zu tragen, „daß nicht nur in den höher» Vcrwaltungsstellungen, sondern in allen bis herunter zunt letzten Gensdarmen und Rathsdiener, nur solche Männer Anstellung finden, welche von dem Netz des katholischen Einflusses auch nicht int Geringsten umgarnt sind, weil sonst die Ausführung aller gegen das Polenthum und den KatholicismuS gerichteten Gesetze doch zur Hälfte, wo nicht ganz, Komödie bleibt". Wo bleibt da die Moral? Die Eonsequcnz dieser Auffassung führt zu den unglückseligen Zeiten des 30 jährigen Krieges. Ed. v. Hartmann überschreibt seine Abhandlung: „Der Rückgang des Deutschtliums". Ja, die Hartmannschen Ideen bilden einen Rückgang deutscher Gesinnung! Berlin. (Or.-Eorr.) —- Schluß. — „Ist es Pflicht der jüdischen Religionsschule, unserer Jugend die Opfergesetze in hebräischer Sprache beizubriugen und einzuprägen?" — also lautete, um jedem Mißverständniß vorzubeugcn, die Frage, welche sich der Berliner Schulmännerversammlung zur Beantwortung aufdrängte und gegen deren von einer Seite ausgesprochenen Verneinung sich ein Sturm von „Unerhört- und zur Ordnung-Rufen" erhob. Dieses „Unerhört" muß eine ruhige, objective Beurtheilung den Rufern selbst wiedergeben. Die ganze Entrüstung über die Acußerung des Herrn Or. Kirschstein sowohl in der Versauimlung selbst, als in den Berichten der orthodoxen Blätter, besonders in der „Jüdischen Presse", war eine unberechtigte. Wir brauchen uns hier nicht auf die betreffenden Aeußerungen der Propheten und Psalmisten zu berufen, denn wir wissen recht wohl, daß