Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 4. (22.1.1885)
- Date
- 1885-01-22
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 26 — Der Herr spricht so viel vom nationalen Element des Judenthums. Da mag er in den Briefen Berthold Auerbach's von dem Eindruck einer Rede lesen, die Geiger bei der Beerdigung Kosch's gehalten hat. „Beim Hcrausgehen sagten mir viele Abgeordnete: Ziegler. Bunsen, Klotz, daß sie von der Rede Geigers sehr erquickt seien. „Sie wüßten keinen christlichen Geistlichen, jder so das rein Menschliche betont hätte." Und Geiger ist gewiß nicht der einzige jüdische Geistliche, der in der Predigt das rein menschliche betont hat. Der Autor sicht sonach, das rein Menschliche findet im Judenthum mindestens ebensoviel Pflege als anderwärts. Aber der Mann verläßt ja nur die Synagoge, um, wie er am Schluß seiner Broschüre uns versichert, um dem Judenthum zu nützen, uni wie er sagt „innerhalb des Christenthums im Sinne der traditionellen Aufgabe des Judcnthums thütig zu sein." Wir haben zwar kein unbedingtes Bertrauen zu dieser Absicht des Autors und noch weniger zu seinen Talenten sie auszuführen: aber wir stehen nicht an, ein solches Verfahren für höchst verwerflich und irreligiös zu erklären; nicht Listen und Schliche, sondern Offenheit und Wahrheit ist unsere Losung! Zum Schluß merkt der Verfasser, daß er eigentlich Christ geworden ist, ohne etwas Christliches zu bekennen; darum wirft er einige Sätze über Jesus hin, die mit dem Vorangegangenen nur in sehrloscmZusammenhangstehen. Da heißt cs: „Der Christ befindet sich in dem Bestreben nach Heiligung in einer günstigeren Lage als die Juden. Er besitzt im Stifter seiner Religion eine konkrete, faßliche, menschlich greifbare Persönlichkeit, welche das, was wir gottähnlich nennen, in sich verkörpert. Er versteht genau, er schaut, was er soll. Er soll sich bestreben, Jesu ähnlich zu werden. Er gilt dem Christenthum mit Recht als ein Erlöser, denn die Nachfolge Jesu ist nichts Anderes als die Erlösung aus dem Widergöttiichcn in der menschlichen Natur. Es ist das göttliche Element in dieser oder der heilige Geist, weicher nach Erlösung von dem Widergöttlichen ringt." Wenn ein freisinniger protestantischer Theologe so redet, so werden wir ihn nicht sogleich mit Strauß der Halbheit beschuldigen; er glaubt nicht an die Göttlichkeit Jesus und möchte ihn auch wieder nicht, aus Pietät gegen das Dogma, ganz in die menschliche Sphäre einrücken; so nennt er ihn einen vollkommenen Menschen; zwar ist ein vollkommener Mensch ein Widerspruch in sich und eignet sich viel schlechter zum Vorbild als ein unvollkommener Mensch, der eine selten erreichte sittliche Höhe erklommen hat. Denn ein vollkommener Mensch ist ein Wunder, ei» Wesen, zu dem wir keine rechte Beziehung haben, während der edle und Gute, der an der menschlichen Unvollkommenheit Antheil hat, Fleisch von unserm Fleische, Geist von unserm Geiste ist. Jndeß vom Standpunkt des Christen ist diese Halbheit, dieses Zugeständniß an geheiligte Formeln gewiß zu entschuldigen, ja sogar zu billigen. Daraus, aus dieser Neigung zu Koncessionen, ist es auch zu erklären, wenn Jesus von den freisinnigen Predigern fort und fort der Erlöser genannt wird; er erlöst, wie Sokrates, wie Moseh, wie jedes Vorbild eines edlen Menschen, das uns mahnt von der Sünde zu lassen und ihm nachzuahmen. Jeder edle Mensch, dessen Beispiel uns begeistert, bringt ferner uns Gott näher, ist also ein Mittler zwischen Gott und den Menschen. Sv bleibt auch hier der alte Name und ein neuer Begriff tritt an seine Stelle. Diese Erlösung durch edle Vorbilder wäre natürlich nicht möglich, wenn unsere Seele nicht zu Hilfe käme; darin findet der protestantische Prediger der freien Richtung den heiligen Geist und kann sonach die alten, den Gemeinden liebgewordenen Worte anwenden, ohne dainit sich zu den alten Lehren zu bekennen. Wie gesagt, wir haben für dies Verfahren das volle Verständniß und sehen darin die weise Volkserziehung, die langsam und vorsichtig die Menschen in ein Neues hinübcrleitet. Was aber veranlaßt einen Inden zu diesem Spiel mit Worten, zu der Hypothese vom vollkommenen Menschen, vom Erlöser, Mittler und heiligen Geist, da für ihn doch die Noihwcndigkeit, eine Brücke vom Dogma zum modernen Bewußtsein zu schlagen gar nicht vorliegt? Diese Sätze unseres Autors, so vortrefflich im Bckenntniß eines freiprotestantischcn Predigers, haben bei ihm gar keinen Sinn; können jedenfalls seine» Uebertritt nicht erklären. Im Folgenden berichtet nun der Herr Vcrf. von dem Nutzen, den er als gewesener Jude seinen christlichen Glauliensgenossen bringen will, besonders will er die Göttlichkeit Jesu's bekämpfen helfen; das geht uns nichts mehr an; interessant ist höchstens, daß er erzählen will, „wie unter den Juden die Religion bei einfachem Verwaltungsapparat sich kräftig erhalten hat, oder daß die Kirche für den Außenstehenden noch die harten Züge des Gesetzes trägt". Wir haben nicht Alles vorgebracht, was uns gegen diese Broschüre auf dem Herzen liegt; wir hätten sonst gegen das Büchlein ein Buch schreiben müssen. Nur eine Mahnung können wir zum Schluß nicht zurückhalten. Unser wenig bibelkundiger Autor hat an der Spitze seiner Scyrift ein Motto, das in Koheleth steht, und das er aus Max Müller citirt. „Es ist eine Zeit zum Schweigen und es ist eine Zeit zum Reden." Heut ist dringend Zeit zum Reden. So fad und nichtssagend diese Ansichten unsere« Autors sind, er steht mit ihnen nicht allein! unsere gebildeten Kreise wissen zu wenig vom Gehalt des Judenthums und sind darum allen Lockungen preisgegeben. Die Orthodoxie sollte sich ernstlich die Frage vorlcgen, ob nicht allzuscharf schartig macht, ob das Judenthuin nicht Schaden leidet, wenn fort und fort die Form mehr gepflegt wird als der Inhalt. Wir müssen im Gottesdienst so gestalten, daß er dem modernen Empfinden nicht widerspricht, sondern cs anregt und befriedigt, wir müssen den Jugendunterricht mehr als bisher auf den geistigen Gehalt des Judenthums Hinweisen; wir wollen nicht mit den alten Satzungen breche», aber es wäre auch gerade lächerlich, wollte etwa eine Synode jüdische, Theologen, selbst wenn wir die rein religiösen Momente einen Augenblick bei Seite lassen, gegenüber der Trichinose den Genuß des Schweinefleischs erlauben, oder wollte sie in dem Zeitalter der Agitation für Thierschutz und obligatorische Fleischschau das Schlachten und Untersuchen der Thiere durch hierzu ausgebildete und berufene Personen abschaffen, oder wollte sich der Enkel Abrahams für das Gewerbe Nimrod's interessiren — derartige Bestrebungen liegen uns selbstverständlich fern; aber wir müssen an der Befreiung der religiösen Idee von der Fessel unverstandener und über-