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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-01-15 · N° 3. (15.1.1885) · p. Seite 22

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 3. (15.1.1885)
Date
1885-01-15
Page
Seite 22 (sequence 6)
Language
German
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— 22 vornehmste Fürst nach Almos. Ucberhaupt sind Chazaren (Kusaren) und Ungarn Zweige eines Volksstammes. Im 9. Jahrhundert brach ein Bürgerkrieg unter den Chazaren aus, der unterliegende Theil zag mit den Ungarn und bildete den 8, Stamm derselben. Sie heißen Kabarok. Bei der Eroberung Pannoniens haben diese Juden, wie der Byzantiner Konstantin bezeugt, sich sehr kriegstüchtig erwiesen, so daß sie ein hochgeachteter Theil den Ungarn wurden Diese in Stamm und Sprache den Ungarn verbrüderten, nur im Glauben von ihnen getrennten Juden zogen die im Lande wohnenden Juden an sich heran, sodaß anch Biele von diesen Fürsten und Vvlksfiihrer wurde» und noch tragen 13 Orte Bezeichnungen, die sie als Judenorte enveisen (Szidofalo, Sz id otabvr u. s. s.) Noch in der Periode von 1168 bis 1232 wurden jüdische Herren gefunden, wie die Grafen Tcko und Henok, die als Vasallen des Königs zur Heeresfolge aufgefordert wurden. Die Inden also gehören zu den Eroberer» des Landes und erhalten nur zurück, was sie früher besessen und ihnen unrechtmäßig genommen worden ist. Die Betheiligung der Juden an der Revolution von 1848 giebt ihnen einen weiteren Rechtsanspruch. Frankreich. Inaris. Wir Juven haben seit vielen Jahrzehnten eS so recht am eigenen Leib erfahre», wie richtig das „kortitor calumniare, semper aliquid haerefc“ >Nur tapfer drauf verläumdet, es bleibt immer Etwas hängen) das Verfahren der vielen gemeinen Menschen schildert. „Der Jude strebt nach der Herrschaft", so heißt es, sobald er als Gleicher neben die Gleichen tritt. „Der Jude haßt die Andersgläubigen", sobald er scheu sich zurückhält. — Da lügt ein Sir John Raadclif in einem Bericht über die politisch-historischen Ereignisse in den letzten zehn Jahren eine Quasi-Rede zusammen, die ein „Obcrrabbiner" in einer „.geheinien Versammlung" gehalten haben soll und welche zum Landankauf durch die Inden antrcibt, um die Christen zu knechten. Das ist ebenso richtig, wie der Bericht in dem noch nicht vergessenen Buche „die Verjudung de: christlichen Volkes" von Gougcnot des Mousseaux (der Name hat sattsame Achniichkeit mit „Bombasins Paracelsus"), nach welchem in dem obersten, allgemeinen und geheimen Rathe der Freimaurer von neun Sitzen wenigstens fünf „dem jüdischen Volke" Vorbehalten sind! Dagegen bemerken „Arch. isr." sehr gut: Die Juden haben keine Geheimnisse; sie haben nichts zu verbergen, nichts abzulcugnen. Frankreich will keine Unterschiede, keine Kasten, Classcn, Schichten unter seinen Bürgern. Wie sollte ein Glauben, der nichts zu verbergen hat, sich nicht im besten Einklänge befinden mit einem Vaterlande, das nichts ausschließen will? Rußland. Petersburg. In einem Städtchen des Bezirks Horodno wird der Geistliche bestohlen. Die Magd findet man gebunden liegen und sie sagt aus, daß 3 Juden den Diebstahl vollführt haben. Darüber große Entrüstung des Volkes, da das Gerücht noch Greuclthaten hinzuphantasirt. Als die Magd eine jüdische Kaufmannsfrau mitbctheiligt nennt, wird sie trotz aller Alibi's verhaftet. Endlich bringt ein Nichtjurist die Wahrheit an den Tag: die Magd selbst hat die Sachen für ihcen Geliebten entwendet. Der große Sündeilbock „Jude" sollte auch diese Schuld mittragcn. — Ihrem Oberphilosophen v. Hartmann, der Trcitschke's Schicksal nicht entgehen und es wohl auch noch zum Geh. Regierungsrath bringen wird, wollen Sie folgendes Verzeichniß zusenden, das ein Petersburger durchaus nicht philosemitisches Blatt von den durch Juden im Süden und Westen des Reiches betriebenen Handwerken zusammengestellt: Schneider, Schuster, Uhrmacher, Graveure, Steinmetze, Metallarbeiter (Schmiede, Schlosser, Kupferschmiede). Dort, wo Alles Ackerbau treibt, ist der Jude Handwerker. Dazu bezeichnen mehrere Stadtvertretungen die Juden als tüchtige Aerzte und Musiker. — Die jüdische Bevölkerung Warschau's hat: 1882 137,195 Seelen betragen (1872 nur 85,787), waS eine Folge des gewaltigen Aufschwunges ist, den Handel und Verkehr genommen haben. Im Kaukasus will die Militäraushebunqskommission für Armenier und Inden das normale Körpermaß herabsetzen. — In Mohilcw (Podol) hat die Stadt mit Erlaubniß des Ministers 8000 Rubel aus der Kasse der jüdischen Fleischsteuer für eine neue Realschule genommeu. Der „Woschod" fragt, ob auch an dieser Schule die Zahl der jüdischen Schüler eine beschränkte sein müsse. — Das deutsche Ccntralcvmitc für die russisch jüdischen Flüchtlinge hat 500 Rubel für die durch die Unruhen in Nissnei Nowgorod Geschädigten geschickt. Aus Rußland. Wie doch oft die bestgemeinten Veranstaltungen das Gcgentheil von dem bewirken, was man hat erzielen wollen. Seit einigen Jahren hat man hie und da den zum Militär Ausgehobenen aus der Gemcindekasse oder durch Sammlungen bei den in Folge von Privilegien vom Dienst Befreiten beträchtliche Summen geschenkt, um das Fortlaufe» vor der Musterung möglichst ans der Welt zu schaffen Dadurch ist aber in diesem Jahre die Desertion oder das Verstecken häufiger geworden. Ilebcrall, wo nicht die Gelder bereit lagen, fehlten viele Militärpflichtige. Es ivurden Ersatzmänner von den Privilegirten genommen, und nun heißt's: Wenn ihr zahlt, kominc» wir zurück —■ wenn nicht, dann spielt i h r Soldat. Ilebrigcns spielen die schlecht geführten Listen, die Gestorbenen und Ausgewanderten, welche nicht gestrichen sind, eine große Rolle zu Ungunstcn der Jude>t. — Die Bctheiligung derselben an der Militärbefrcinng wird durch die offiziellen Berichte immer mehr ans ein höchst bescheidenes Maß zurückgeführt. Palästina. Jerusalem. Die aus fernen Eingewanderten, welche in dem Errichten einer arabischen Chalnka von dem Rabbiner in Zanah gehemmt, mit diesem in offener Fehde liegen, haben das Lllstchen verspürt, eine eigene Gemeinde mit eigenem Ritus zu gründen. Erst die Drohung der Sephardim, sie würden in diesem Falle die Staatsabgaben nicht für sie leisten, hat sie zum Anschlüsse an die Zahlenden bewogen. Ebenso weigern sich die Sephardim für die Nordafrikaner (Maphrabim) zu zahlen, weil diese eine besondere Gemeinde seien. Es sind nun 20 Nvrdafrikancr wegen nicht entrichteter Steuer in's Gefängniß geworfen worden. — An der Grenze nach Gaza hin giebl'S Scharmützel zwischen Beduine» und Regierungstrnppcn, die ziemlich bedeutend zu sein scheine», da der Pascha sich an Ort und Stelle begeben hat. Der Chacham Baschi von Damaskus hat Mitte November Safet besucht, um dort zwischen den streitenden Kolelim der Sephardim Friede» zu stiften. — In der Colonie Rosch Pinah ist der Boden verthcilt worden, so daß jeder Familie 5 Iia zufielcn. Die Häuser sind fertig, der Bau der L-hnagoge und Schule hat begonnen. (Also berichtet das neue in Jerusalem hcrausgegebene jlld. Blättchen „Ha-Zewi".) Jerusalem. Wieder ein Pröbchen, was das Kolonisiren von „Gebildeten", die das Zeitnngsschreiben besser, als das Ackern verstehen und mittellos sind, kostet. Der sogenannte Verein „Bilu", d. h. 11 junge Phantasten haben nunmehr 3 Jahre hindurch bei Pontius! und Pilatus angehalten, haben an passenden, wie an unpassenden Orten Lärm geschlagen und damit erzielt, daß von 6 russischen Gemeinden ihnen 65 Dessiatin Land als Colonie Gadara in der üblichen Hoffnung dereinstiger Rückzahlung des Kanfgeldes, das dann zu weiterem Landerwerb dienen soll, angekauft worden ist. Das reicht für 6 Wirthschaften. — Aber man hat weder Aussaat noch lebendes Jnventarium. Deswegen macht man in der Zeit, wo Alles den Acker bestellt, Weinberge zurecht, obschon noch über 1000 Franc in der Kasse sind. Davon tverden 500 Fr. für die Weinberge und 500 für eine Monatsration gebraucht — und nach einem Monate steht man tvieder vor — dem Nichts! Ein zum Colonisireu tauglicher Mensch, der gesunde Anne und Land und 1000 Francs hat — sieht sich schon auf dem Wege zum Großgrundbesitzer. Die 11 aber rechnen aus, wann sie das Geld werden aufgegessen haben.

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