Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 3. (15.1.1885)
- Date
- 1885-01-15
- Page
- Seite 21 (sequence 5)
- Language
- German
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— 21 saimncn 2100 3JJf. zu verzeichnen hatten, in 1884 fast gänzlich fehlten. Der ausführliche Jahresbericht pro 1884 wird recht bald zur Vertheilung kommen. S. B l u m e n a u. (Wir halten angesichts des so bedeutenden Rückganges der Einnahmen die Mahnung nicht für überflüssig, daß man unbeschadet der durch den D. I. G.-B. angeregten «Sammlungen doch für die ä l t e r e n bewährten Unierstützungskassen Herz und Hand in erster Reihe offen halten müsse. Red.) Aus dem AegierungsSezirK AromSerg (Or.-Corr.) Ihr gesch. Blatt beschäftigt sich — und dies mit Recht — sehr eingehend mit der Widerlegung der „Gedanken des gewesenen Juden" in Hannover. Mir drängte sich hierbei die Frage aus: „weshalb hält ei» Jude, welcher zum Christenthum Übertritt, es übcrbaupt für nöthig, diesen Schritt durch eine Abhandlung öffentlich zu rechtfertigen? Qui s’excuse s’accuse. Hütte e r geschwiegen, hätte man über ihn auch geschwiegen, und die Sache wäre abgethan. Aber den Schritt noch hinterher rechtfertigen wollen? Ein Fahnenflüchtiger wird sich in der öffentlichen Meinung nie rein waschen. Ich möchte bei dieser Gelegenheit einen Fall aus hiesiger Gegend erzählen, der wohl nicht vereinzelt dasteht, aus dem ersichtlich ist, w i e „jüd. Geistliche" christlichen Fahnenflüchtigen gegenüber sich verhalten: Vor einiger Zeit kommt zu dem greisen Kantor W. in C. ein Mann mit dem Ansuchen, in die jüd. Religionsgemeinschaft ausgenommen zu werden. W. stellt ihm — nach Vorschrift — vor, wie das mosaische Gesetz seinen Bekcnnern viele Beschwerden und Entsagungen aufcrlegt, der Mann aber beharrt bei seinem Bcrlangen. W. weist ihn nunmehr an den zunächst wohnende» Rabbiner, der seinerseits einige College» zu Rathe zieht. In Erwägung, daß nach den Satzungen der heiligen Schrift die Frommen aller Confessivnen zur ewigen Seligkeit cingchen, wurde der Antragsteller darauf dahin bcschiedcn: „Daß, da die christliche Lehre die Principicn der jüdischen Religion : „Gottesfurcht und Nächstenliebe" nicht aufhebe, ein formeller Ncligionswechsel überflüssig sei. Es werde dem Antragsteller empfohlen, die genannte» Principien stets zu beobachten, dann sei ihm ein zukünftiges glückseliges Leben gewiß." So machen wir Juden Proselyten, ohne großes Geschrei. Dieses, mir von dem Schwiegersohn des betreffenden jüd. Cultusbeamten mitgctheilte Factum dürfte zugleich eine Widerlegung der von Hartmann dem Berliner Rabtnner- Congreß imputirtcn „gewaltsamen Interpretation der jüdischen Religionsurkunden" sein. Qesterreich-Ungarn. L. Z«s Ztngarn. Wir sind doch bei alldem und trotz allem dem, — ich weiß nicht, soll ich sagen: parceque oder quoique — Juden, wenn man uns auch, offenbar aus ästhetischen Rücksichten, in unseren Tagen die Bezeichnung „Semiten" aufgedrungen hat. Jst's der Fluch der Solidarität, der uns Jahrtausende hindurch anhaftet, oder ist es der tiefere Sinn des alten Axivmes — „Alle Israeliten bürgen für einander" — der sich in gegebenen Fällen zur Geisteserhebung und Hcrzerquickung des denkenden und fühlenden Juden unter uns, denn doch in so glänzender Weise offenbart? Bei all' der Zerfahrenheit unserer vielfältigen Interessen, bei aller Divergenz unserer Anschauungen, bei all de» unvermeidlichen Consequenzen des alten und altbewährten Sprüchwortes: „Jeder Jude hat seinen eigenen Schulchan Aruch" kommt cs denn doch bei solennen Veranlassungen zu einer gewissen Einmüthigkeit, zu einer gewissen Gemeinsainkeit des Wollens und Strebens und Handelns, daß der vorurtheilslose Zuschauer hocherfreut und tiefinnerlich beruhigt und befricgigt ausrufeu muß: Gottlob! mein altes Dogma: „Israel ist doch noch nicht verwittwet", hat „och heute seine Geltung, seine Berechtigung. Da schritten wir jüngst zur Neuwahl des Cultusvorstandes und der Gemeinde-Repräsentanz, sowie der Vorstellung unsercr Wohlthätigkeitsanstaltc», die dem Statute gemäß, jedes 4. Jahr sich erneuert. Abgesehen von der hochbefriedigenden Theilnahme an der Abstiminung selbst, da von 220 Stimmbogen, 209 gehörig und regelrecht ausgefüllte Voten für 37 Vertreter der Religionsgenossenschaft einliefen, war der Wahlakt selber ein herzerhebendes Zeugniß für die Gru ' ' ~ nistischcn Verdächtigungen und diffamire , die man mit mehr oderweniger Grund den modernen JndifferentismusunsererZeit so gern nuter die Nase reibt. Ich kann doch mit gutem Gewissen selbst Jene nicht des Jndifferentismus zeihen, die schon — natürlich programmgetreu — dem alten, seit mehr als zwei Jahrzehnten hier sungircnden, gcsinnungstüchtigen Obcrkantor über Bord werfen wollten, lediglich deshalb, weil er ettva Verdi's misorors aus der „Traviata“ nicht mehr so schmelzend und hinreißend vorzutragen im Stande wäre, während er noch heute mit einem Ei mole rachamim oder dem Absingen der Schlosoh essre middoth beim Ausheben der Thorarolleu jeden Hörer, der nicht bloß mit der Ohrmuschel, sondern auch mit den Herzensventrikeln das Gesungene in sich ausnehmen will, wahrhaft und vollauf erschüttet und erhebt. Oder kann und dari ick) denn Jene geradezu indifferent schelten, die mit ihren — freilich etwas falsch angebrachten Concessionen für hochmagyarische Nativnalitätsbestrebungen, den Rabbinatsverweser hier, einen in allen Ausläufern theologischen und profanen Wissens durchweg heimischen und trefflichen Kanzclredners — natürlich wieder streng programmgemäß — beseitigt hätten, lediglich darum, tveil sein ungarischer Accent «nicht der urwüchsige originale des Alföld, des kernmagyarischen Niederlandes, ist, und — risum teneatis, amici! weil er nach dem ' k. Regulativ für stcllungspflichtige Rekruten leider! schon seit seiner Geburt um etwa acht bis zehn Centimeter zu kurz ausgefallen ist? Nicht einmal die schimpfe ich indifferent, die eine wohlconditionirte Orgel, und, wie ich voraussetzen darf, einen stark gemischten Chor in ihr Programm ausgenommen hatten. Ehrlich, grundehrlich sind sie, viese Programmier, sie betonten ausdrücklich bei einer Vorbesprechung zur Neuwahl der Gcmeiuderepräsentanz keinerlei Aenderung in der cultuellen Verfassung unserer Commune beantragen oder erzwingen zu wollen. Und sie geben doch zu, daß die oben berührten Neuerungen thatsächlich nicht zur cultuellen Gebahrung einer jüdischen Religionsgenossenschaft gehören? Je nun, diese Reformtüchtigen sind gottlob beseitigt. Ich will gerade nicht behaupten, daß die Orthodoxen in Berlin oder in Mainz sich mit unserer Tempclverfassung ganz einverstanden erklären würden, aber trotzdem behaupte ich, wir sind hier orthodox — nach dem ethymologischen Sinne und nicht eben nach Mainzer oder Berliner Zuschnitt, — wir sind cs heute und werden es bleiben unter dem neuen Regime, und sprechen abwechselnd magyarisch und deutsch, und schreiben es alich correct, namentlich das Letztere, wie Figura zeigt. Sest „Exiguus" so nennt sich ein Anonymus, welcher eine Anzahl Artikel über die Judenfrage veröffentlicht hat, welche des Richtigen und Interessanten eine Fülle bringen und die um so mehr am Platze sind, als unsere jüdischen Abgeordneten durch Schweigen glänzen. Das Anrecht der Juden, im Oberhause vertreten zu sein, erweisen diese Aufsätze 1. als Folge der 1867 zugestandenen Gleichberechtigung, 2. weist er darauf hin, wie leicht die Juden sich magyarisiren und daß die Ungarn es nicht so üppig haben, als daß sie freiwilligen Anschluß zurückweisen dürften, 3. begründet er mit Citatcn aus christlichen Schriftstellern, daß der Adel Ungarns erst aus den, 17. unv 18. Jahrhundert stammt und daß erst Ferdinand I. einen Grafen dort ernannt hak. Aus einer Schrift des Pester Rabbiners Or. S. Kohn, („Geschichte der Jude» in Ungarn") führt er an, daß der Khagan des Kusaren eine edle Jungfrau Elad„ einem der sieben Ungarfürsten zur Ehe gegeben hat. Dieser war der nächst- 53904