Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 3. (15.1.1885)
- Date
- 1885-01-15
- Page
- Seite 23 (sequence 7)
- Language
- German
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— 23 — Nermischte und neueste Nachrichten. Werkln, 13. Januar. (Ör.-Corr.) Gestern hielt Herr Professor S tci n tha l den ersten der seit Jahren hier üblichen Borträge über „die Erzählkunst der Bibel", in welchem er die Formschönhciten der bibl. Epik darstcllte, die gerade in ihrer Schlichtheit und völligen Schmucklosigkeit, im Gewände der Wahrhaftigkeit die Wahrheit bergend, unmittelbar wie die Natur, unabhängig vom Stande der Cultur wirken müsse. Auch in der Betrachtung der bibl. Darstellungsform befestigt sich uns die Ueberzeugung: Die Bibel und kein Ende! Werkln. Die Wiederwahl Straßmanns zum Stadtverordncten-Vorsitzcndcn ist den Lesern der „W.-Schr." sicherlich bekannt. Auch in unserer 'Rachbarresidenz Charlottenburg wurde neben dem Rcichstagsabgcordneten Rechtsanwalt M unkel, der erster Vorsitzender der Stadtverordnetenversammlung wurde, der Buchdruckereibcsitzcr Rudolf Jsaac zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. — Zum Direktor der Baruch Auerbachschen Waisenanstalten wurde der Realschullehrer vr. Strelitzer in Rostock gewählt. Königsberg H.-W. Hier findet auf Einladung des Herrn Rabbiners vr. Bambcrger eine (die zweite) „Religivnslehrer-Confcrenz" des „Verbandes der Synagogen-Gemeinden Ostpreußens" am Montag, den 26. Januar, Nachmittags 2 Uhr, im israelitischen Waisenhause statt, deren Tagesordnung folgende ist: 1. Mitthcilungen über die Organisation der Schulinspection. 2. Bericht über die seitherige Bewährung des cingeführtcn Normal - Schul- und Uiuerrichtsplancs. 3. Bericht über die Ergebnisse der Berliner Schulmänner- Confcrenz. 4. Bericht über die Hülfskasse und diesbezügliche Anträge. 5. lieber die cvrrccte Aussprache des Hebräischen. 6. Wie ist dem Uebelstande de» häufigen Stellenwechsels in Folge Kündigung seitens der Gemeinden abzuhelfen? 7. Probelektionen. Straßburg (Elsaß). Das Deutschthum schreitet langsam, aber sicher in allen Schichten voran. Wir begreifen den Schmerz der „Arch. isr.", daß sie dem Namen des neugewählten Cousistorialmitglicdes Herrn Adler die Klammer („aus Berlin") anhängen muß. Aber wir meinen, zu den Bauer, Blum, Vernarb, Weill, Netter, Bollack, Groß paßt der „Adler" besser, als die Vornamen Sylvain, Maurice Moise. — Die im September verstorbene Frau Sarah Hallbronn hat das Hospital zum Universalerben eingesetzt und unter anderen Legaten 20,000 M. dem Consistvrium als Stiftung von Mitgiften, 1000 M. für Kaddisch und Jahrzeitstiftung überwiesen Aus der Wrovinz Wosen. Die Königl. Regierung zu Posen hat bekanntlich eine Verfügung erlassen, laut welcher'vom 15. November v. I. ab Niemand bei 30 M. Strafe ohne Sarg beerdigt werden dürfe. (Es wurden bisher im Grabe 4 Holzwände zusammcngestellt und ein Deckel darauf gelegt). In einer kleinen, frommen Kehilla gab's bei dem ersten darnach erfolgten Sterbefall groß Zeter und Mordio. Der Neuhochorthodoxe Rabbi fand endlich das Stichwort, welches Oel auf die erregten Wogen schüttete: Man müsse leider gehorchen, denn es ist Gseras hamalchus. Kisenach, 8. Januar. Heute Vormittag 11'/, Uhr hat die feierliche Einweihung der neuen Synagoge stattgesunden. Die Wcihepredigt des Landrabbiners Herrn vr. Salzer, (dieselbe knüpfte an das Psalmwort an: „Nahe ist der Herr allen, die ihn anrufen in Wahrheit") war ausgezeichnet durch ihre tief religiöse, wahrhaft humane und dabei doch dem Rcligionsbekenntniß voll gerecht werdende Haltung. Kamvurg. Den fünften diesjährige» Vortrag aus dem Gebiete der Wissenschaft des JudeuthumS wird am nächsten Sonnabend Herr vr. Lcimdörffcr über „Die Pädagogik und das Judenthum" halten. A. Dresden, 13. Januar. (Or.-Cvrr.) Nach langem Krankenlager verschied vorgestern hier der einer, ehe»,. Marienwerder Rabbiner vr. Iacvbson lT»! (Näheres in nächster Nummer.) Äakizie«. In Borislaw haben die Petroleumgruben eine bienenartige Regsamkeit hcrvorgcrufen. Unter 15,000 Arbeitern sollen 8000 Juden sein, welche — Alt und Jung, Weib und Mann in den Gruben oder außerhalb derselben thätig sind. Für die schwerste Arbeit wird ein Gulden und für die leichte vierzig bis fünfzig Kreuzer (achtzig Pfennig bis eine Mark) gezahlt. Hierher mögen die Antisemiten kommen und Nachsehen, wie cs um ihre Märchen von der Faulheit der Juden steht. 8. Tarnow, 12. Januar. Am 7. d. M. verstarb hier der hiesige Bischof Josef Alois Baron von Pukalski. dessen Tod auch in einem jüdischen Blatte erwähnt zu werden verdient. Der Dahingeschiedcne nimmt die volle Anerkennung Aller, auch der Juden, mit in's Grab. Wo er nur konnte trat er mit Wort und That für die Juden ein und seine humane Gesinnung gab er noch dadurch kund, daß er eine bedeutende Summe Geldes als Spende für jüdische Arme hinterließ. Am 10. d. M. fand die Beerdigung unter großer Betheilignng der hiesigen Juden, und einer besonder,! Deputation der israelitischen Cultusgemeinde statt. Waris. vr. Lionel Gaston Dreyfus, Oberstabsarzt beim 143. Linlenregiment hat das Ritterkreuz der Ehrenlegion erhalten, weil er i» Tonkin mit dem Revolver seine Verwundeten verthcidigt und einige Feinde zu Gefangeneu gemacht hat. Waris. Das „Journal des Gebats“ brachte einen Artikel von Rodolphe Dareste über die Bedeutung der talmudischen Texte für die Rechtsgeschichte. London. Eine christliche Dame, Mistreß Boole hat eine Lanze für das Judenthum gebrochen, indem sie sich scharf und sarkastisch gegen die Juden wendet, die alles Unjlldische, Atheismus, wie Schweinefleisch öffentlich als ihnen zupassend mit Applomb reclamiren. Nach dem „Jew. Chron." sollen diese Aufsätze in Buchform erscheinen. Wir kommen dann daraus zurück. Weiersburg. Der Senat hat die Austreibung der Juden aus Sibirien für ungesetzlich erklärt, da den Juden, welche in Jnncurußland wohnen dürfen, dasselbe Recht auch für Sibirien zusteht. — Aus SBa tum werden die Juden, welche zumeist als Vertreter bedeutender Petrole,imfirmen Südrußlands dort wohnen, ausgewieseu und damit der Handel schwer geschädigt. Wetersburg. Durch kaiserliches Dekret ist der Baron Alexander Günzburg (3. Sohn des Staatsraths Horace G.) zum Körnet im Volhynischen Dragonerregiment ernanut worden. — (Darin ist sogar Rußland uns schon über!) AuS Aowno soll ein armer Mensch den iveiteu Weg nach Berlin zu Fuß gemacht haben, um dort zu studiren. (Das sind Prof. v. Treilschkc's hoscnverkaufende Jünglinge! Das sind die Menschen, welche aller Ideale bar sein sollen!) Hdelsa. Ein hiesiger christlicher Bankier, Radokanaci, der mehrere Tausend Dessiaten Land in Bessarabieu besitzt, will dasselbe in Parzellen von 10—15 Deffiaten an jüd. Familien abgeben, die sich dein 'Ackerbau ividmcn wollen; die ersten 2 Jahre unentgeltlich, vom 3. Jahre an wären 3 Rubel jährlich für ein Dessiatin zu zahlen, Holz zum Heizen und Bauen ist gratis, Wohnungsmiethe erst nach 12 Jahren zu zahlen. Auch ist Herr R. erbötig, jeder dieser jüd. Familien 1000 Rubel zu leihen, die in 36 Jahren in kleinen Raten mit 5°/0 zurllckzuzahlen wären. Sollten sich nicht rumänische Familien finden, die Gebrauch von diesem Anerbieten mache», das jedenfalls günstiger und aussichtsvoller ist, als die Colonisation in Palästina. Kopenhagen. Im Alter von 68 Jahren starb hier Herr Moritz Gcrso» Melchior, der Znckerplantagen auf «anta Cruce und Schiffe, die nach Indien fuhren, besaß. Er war lange Jahre Mitglied des dänischen Landtagcs. Anderson hatte sich seiner Förderung erfreut. Bei Lebzeiten angesehen und decorirt, waren auch bei seiner Beerdigung der König, die Kamincr», die städtische Verwaltung, Beamte und viele Hervorragende aus den Kreisen des Handels, der Kunst und der Industrie, vertrete».