Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 2. (8.1.1885)
- Date
- 1885-01-08
- Page
- Seite 14 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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14 — rich's der ihm unterstehenden Mittelschulen einen Werth zu legen, und insofern dürfte der Erlaß nicht ganz ohne Nutzen für die Zukunft sein, vorausgesetzt natürlich, es bleibt nicht beim — Papiere, sondern daß derselbe ehrlich durchgeführt wird, wozu allerdings für Denjenigen, der Ungarn so kennt, wie Schreiber dieser Zeilen, se br wenig Aussichten vorhanden sind. So lange aber dieser Religionsunterricht einzig und allein den mit Geschäften auch sonst überbürdeten, zumeist selbst nicht etwa glänzender Verhältnisse sich erfreuenden Rabbinern allein anhcinrgegebcn sein wird, so lange der jüdische Rcligionslehrcr nicht bezüglich seines LchrgegenstandeS vollkommen gleichberechtigt mit den übrigen 'Mitgliedern des Lehrcollegiums ist. und zu den gemeinsamen Bcrathungen derselben nicht zugczogen wird, so lange die Unterrichtsstunden selbst nicht auf die Zeit des regelmäßigen Unterrichtes, sondern außerhalb desselben verlegt bleiben und insbesondere so lange der Staat, der doch der religiös-moralischen Erziehung seiner israelitischen Bürger dieselben Opfer bringen sollte, als der katholischen, da er sic doch für ebenso wicbtig hält, nicht in den Säckel greife» wird, um, wie es im Nachbarstaat Oesterreich schon längst Usus ist, die nichtkathvlischen Religionölchrer an Gymnasien und Realschulen für ihre Mühe selbst zu entschädigen, und auch diese Bürde den ohnedies genug stark in Anspruch genommenen jüdischen Gemeinde- Mitgliedern auf den Hals laden will: so lange wird kein Erlaß und werden keine noch so schön und energisch klingenden Phrasen über „die beim jüdischen Religionsunterricht beobachteten Unregelmäßigkeiten und Nachlässigkeiten" dauernd hinweghclfen. Ob dies wohl Herr v. Trefort bald von selbst einsehcn wird? — Wir, die wir ihn kennen, glauben Grund genug zu haben, es bezweifeln zu müsseii. Auch ist es möglich, daß er cs nicht eiuschen wollen wird. —1— Frankreich. H*aris (Das 25 jährige Jubiläum der Alliance.) Die Alliance israelite universelle vollendet in den ersten Monaten des Jahres 1885 das 25. Jahr ihres Bestehens. Dies ist wohl der geeigneteste Zeitpunkt, das Werk, an welchem sie seit einem Vicrteljahrhundcrt arbeitet und an welches sich so zahlreiche Erinnerungen und so innige Beziehungen knüpfen, zu beleuchten. Das Ccntral-Comitec ladet die Anhänger der Gesellschaft, die Comitee's, die Verwaltungen, die Rabbiner, welche das Comitee durch ihr Vertrauen und ihre Sympathien unterstützt und ihm in so vielen schweren und schmerzlichen Kümpfen bcigcstaudcn haben, ein, dieses denkwürdige Ereigniß durch ein Fest zu feiern, das die Bande der Freundschaft und Liebe, die uns verknüpfen, befestigt, den Geist der Menschenliebe und Brüderlichkeit, welcher die Gesellschaft beseelt, kräftigt und erhöht und derselben durch eine außergewöhnliche Propaganda einen neuen Aufschwung verleiht, welcher ihren Bedürfnissen und der Größe der Aufgabe, die sie sich gestellt, zu entsprechen vermag. Diese Feier ist auf das nächste Purimfest, Sonntag, 1. März 1885, angesctzt. Es wird dies ein Fest sein, bei welchem jede laute, lärmende Kundgebung ausgeschlossen ist und dem nur die hochherzigen und großmllthigen Gelühlc, die warmen Empfindungen, die es in dem Herzen wachrufen wird, seinen Werth verleiheil. Das Ccntral-Comitee hat diesen Tag gewählt, in der Voraussetzung, daß derselbe mehr denn jeder andere die Möglichkeit bietet, in jeder Stadt die Mitglieder und die ganze Gemeinde zu vereinigen und zum Wähle und Gedeihen des Werkes aus sie zu wirken. Die Comitee's werden diese Gelegenheit ergreifen, um Versammlungen zu veranstalten, in denen sie die Geschichte der Alliance in ihrer Stadt darstellen, ihre eigene Thätigkeit klarlegen, die Entwicklung und Entfaltung derselben verfolgen, sich selbst zu wirksamer Thätigkeit aneifern, neue Beitrittserklärungen veranlassen und Mittel und Wege suchen uiid finden können, um neue Mitglieder am Orte selbst, sowie in der Umgegend zu gewinnen. Die Herren Rabbiner können das Purimfest, das die Gläubigen in das Gotteshaus ruft oder den Vorabend des Festes, der ein Sonnabend ist, benützen, um von der Kanzel herab der Alliance zu gedenken, und die Dienste, die sie geleistet, die hohe Bedeutung des Werkes und seine Nothwendigkeit hervorzuheben. Das Purimfest ist der Tag der Gaben und Geschenke; au diesem Tage zu bitten, zu Gunsten der Gesellschaft und für sie eine außerordentliche Sammlung zu veranstalten, wie dies die Israeliten in Amerika seit mehreren Jahren thuii, heißt einer alten und frommen llcberlieferuiig Nachkommen. Die Präsidenten der Comitee's, die Rabbiner, die Administratorei, werden selbst die geeigneten Mittel finden, um an jedem Orte das gesteckte Ziel zu erreichen. Gegen Ende Januar oder spätestens Mitte Februar wird ihnen eine Schrift zugchen, die sie am Jubiläumstage unter die Mitglieder vertheilen köniieu und in welcher sie die Geschichte der Alliance und Einiges über ihre Vcrgaiiqenheit und ihre Zukunft finden werden. Das Ccntal-Comitee rechnet auf ihre Hülfe, auf die Hülfe und Unterstützuiig der isracl. Presse, die ihm bisher niemals gefehlt hat, um dieses Fest, welches das Fest der Nächstenliebe und der israelitischen Solidarität ist, in würdiger und erhebender Weise zu feiern. Möge die Alliance israelite universelle durch diese Feier neue Kräfte gewinnen und durch den Segen und Beistand Gottes der gemeinsame Boden bleiben, auf ioelchem alle Israeliten, in dem Bestreben, Cultnr und Cioilisation unter ihre Glaubensgenossen zu verbreiten, H u m a n i t ä t, Menschen- und Bruderliebe zu fördern, zu hegei, und pflegen, sich die Hände reiche» können. Rumänien. 2 Bukarest. (Or.-Cvrr.) Das hier erscheinende iSraelit. Blatt „Fraternitäten" bringt die nachstehenden, vom 27. November v. I. datirten Mittheilungen aus Darabani (Distrikt Dorohoi), welche an die schlimmsten Zeiten der Judenverfolgungen erinnern. In der genannten Ortschaft waren einige Fülle von Rinderpest vorgckomme» und entsendete in Folge dessen der Präfekt Moruzi — einer der angesehensten Familien des Landes angehörig — den Polizei-Commissar Filipescu an Ort und Stelle, um die gesetzlich vorgeschriebencn Maßregeln gegen das llmsichgrcifc» der «cuche anSzutühren. Derselbe fand es jedoch für gut, sich seiner Aufgabe in folgender Weise zu erledigen: Er ließ zuerst zehn Juden, die ihm just in den Weg kamen und ohne auf deren sociale Stellung oder physische Körperbcschafienheit Rücksicht zu nehmen ans greifen und zwang dieselben, während der Dauer von 10 Tagen fast ununterbrochen (und unter den grausamsten Schlügen einen Wall rund um die Stadt ausznwerfe». Dies war jedoch nur das Vorspiel, denn kurz darauf wurden w itcre dreißig Juden, ebenfalls solche, die nie in ihrem Leben schwere Arbeit verrichtet hatten, ergriffen und trotz ihrer Bitte, man möge ihnen gestatte», auf eigene Kosten Arbeiter zu cngagiren, gezwungen, Tagelöhnerdienste zu verrichten, wobei sie außerdem die Nächte bei strömendem Regen und eisiger Kälte im Freien zubringcn mußten. Der Präscct, welchem von diesen Vorgängen im telegraphische» Wege Kenntniß gegeben wurde, beobachtete vollkommenes Stillschweigen. Am Tage vor Jom Kippur ließ der genannte Filippcscu des Schächters Messer wcgnehmen, damit die üblichen „Kapporer" nicht geschlachtet werden konnten und wurde dieses Instrument dem Eigcnthümer erst am Nachmittag nach dem Festtage wieder zurllckgestcllt; als aber eine Anzahl von Geflügel — denn der Consum von Hornvieh war nicht gestattet — geschlachtet war, wurde das Fleisch derart mit Schwefel unb Carbol präparirt, daß es vollständig ungenießbar war und aus diesem Grunde den Kranken und Wöchnerinnen nicht einmal eine Suppe bereitet werden konnte. Am Join Kippur selbst mußten die Juden nach wie vor ihre Erdarbeitcn fortsetzen, während die in der Ortschaft Zurückgebliebenen in der Synagoge sich eingefunden hatten. Allein kaum hatte sich daS Gxbethaus gefüllt, so erschien Filippescu mit seinen Schergen, ließ alle Ausgänge besetzen und im Innern des Saales Schwefel anzünden, um angeblich das Local zu deSinficiren. Da Niemand dasselbe verlassen durste, so kann