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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-01-08 · N° 2. (8.1.1885) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 2. (8.1.1885)
Date
1885-01-08
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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man sich die Situation der armen Juden leicht vorstellen. Sie wurden von Erstickungsanfällen ergriffen, wälzten sich in ihrer Athemnoth wie rasend auf dem Fußboden umher, die Frauen wurden obnmächtig. kurz es war ein herzzerreißendes Schauspiel, während dessen sich aber Filippcscu mit den Seinen vor Lachen schüttelten. Erst als die Noth aufs Höchste gestiegen war, ließ sich der Henker herbei, die unglücklichen Opfer aus ihrer entsetzlichen Lage zu befreien. Während sich dies in der Synagoge zutrug, durchzogen Banden die Stadt, brachen gewaltsam in die Häuser der Juden ein, zerstörten und plünderten was sie vorfanden und mißhandelten schonungslos die anwesenden Insassen. Dieser Zustand dauerte auch während des folgenden Tages an, obschon ein Theil der Juden unter dem schützenden Schleier der Nacht entflohen war. Die Conscquenzcn dieser Greuelkhatcn lassen sich leicht ermessen. Zahlreiche Frauen liegen in Folge der ausgestandenen Angst am Typhus darnieder, andere starben vor Schreck. So geschah cs unter Anderem, daß eine Frau, die auf dem Dachboden des Hauses ihre Kinder versteckt hatte, bei dem Hcrannahcn einiger Polizeisoldatcn, von denen sie vermuthcn mochte, daß sie ihr die Kinder rauben wollen, plötzlich leblos znsammenbrach. Daß einige der auf dem Felde arbeitenden Juden, unter denen sich Greise bis zu 70 Jahren befanden, ebenfalls den Anstrengungen und der unmenschlichen Behandlung erlagen, braucht wohl kaum erwähnt zu werden. Diese unfreiwilligen Arbeiter wurden aus ihrer trostlosen Lage erst durch die Ankunft eines Vcterinärarztcs befreit, welcher aus vieles Bitten und Drängen sich entschloß, die Erklärung abzugcbcti, daß die Durchführung der begonnenen Arbeiten zur Hiutanhaltuug der Rinderpest nicht unbedingt nothwendig seien. Aber noch eine letzte grauenhafte Scene spielte sich aus dem Werkplatze ab. Als nämlich die Juden denselben verlassen wollten, wurden sie von den Amtspersonen mit concentrirter Carbolsäurc begossen und trugen in Folge dessen entsetzliche Brandwunden davon. *) — Die beiden Deputaten welche noch hie und da zu Gunsten der Juden das Wort genommen hatten, Pano und Marzescv, gehören der neuen Kammer nicht mehr an. Kermischte und neueste Nachrichten. Wagdeönrg Wäre es nicht angezeigt, daß folgender Beschluß der westafrikani scheu Commission auch auf Runlänien und andere europäische Länder Anwendung fände?: „allein der Commission vertretenen Mächte werden ohne Unterschied der Nationalität und des CultuS alle Einrichtungen und religiöse Unternehmungen fördern und schützen, welche dahin zielen, die Eingebornen zu unterrichten unb ihnen die Wohlthaten der Civilisation zu Theil werden zu lassen. Gewissensfreiheit und religiöse Toleranz sind ausdrücklich ven Eingebornen, den Bürgern und den Fremden garantirt. Freie und offene Ausübung aller Culte, sowie das Recht, religiöse Gebäude zu errichten „werden keiner Beschränkung unterworfen". BI Berlin. (Or.-Corr.) Für die vom D.-J. G.-B. jüngst angeregte und auch durch den Artikel in Nr. 50 der „Wochenschrift" unterstützte Sammlung zu Gunsten der „Central-Bersicherungs- und Pcnsivnskasse für jüdische Gemeindebeamte" sind auch unserseits die Listen in Umlauf gesetzt, die hoffentlich von Erfolg sein werden. *) Das Journal „Fraternitäten", welches sich stets durch wahrheitsgetreue Berichte auszeichnet und dem die geschilderten Vorgänge in Dorohoi ebenfalls von durchaus vertrauenswürdiger Seite zukamen erhielt soeben eine von 12 in dem genannten Districtc ansässige» Juden Uiiterzeichilctc Zuschrift, in welcher der moralische Urheber der an deuselbcn veriiblen Schandthaten als ein Ehrenmann geschildert iind die Rcdaetion gleichzeitig ersucht wird, im Interesse der Juden diese Zuschrift zu veröffentlichen. Da jedoch die geschilderten Thatsachen keineswegs iii Abrede gestellt werden, so ist dies ein Beweis mehr für die Itlchtigkcit derselben, und läßt sich andererseits auch mit Bestimmtheit annehme,i, daß die betreffenden Unterzeichner gezwungen ivurden, an die Redactlon des „Fraternitäten" ein derartiges Schriftstück abzusenden Im Zusammenhang damit muß ich noch ein Curiosum, wenn man es nicht nach seiner tragischen Seite benennen will, erwähnen. Behufs Collekte für genannten Zweck, sandte ich mit der Liste auch die beregte Nummer der „Wochenschrift" an einen älteren sehr reichen Mann, der mich gut kennt. Ich erhielt demzufolge eine Beisteuer und zugleich die durchaus ernst gemeinte Bitte des qu. Herrn „wenn ich wieder einmal eine solche Zeitung habe, sie ihm doch zu leihen." Traurig aber wahr! Ob der gute, sonst keineswegs verschlossene, aber dem inncrn Gemeindcwcsen ganz fern bleibende Mann wohl jemals zuvor von Zeitschriften im Interesse des Judenthums gehört hat? So bewährt sich das: m"Vü niJHJ Berlin. Im Garten des hiesigen jüdischen Krankenhauses ist vor Kurzem ein größerer Pavillon sertiggestellt worden, welcher zur Ausnahme von diphthcriliskraiiken Kindern bestimmt ist, die bisher in einem im zweiten Stock des Hauses belegenen Saale untergebracht wurden. Der Pavillon schließt einen größeren Saal mit acht Belten, ein Extrazimmer mit zwei Betten, einen Opcrationssaal, sowie eine Bade- und Wärterstube in sich. Die Bettstellen für die Kleinen sind derartig konstruirt, daß die Kinder beim Sitzen vor sich eine Art Tischplatte haben, auf welche Spielzeug rc. plazirt werden kann. R tzmöen, 2. Januar. (Or.-Corr.) In unserer Gemeinde besteht seit November vorigen Jahres ein Asyl für altersschivache Arme. Durch dasselbe ist einem längst gefühlten Bcdürsniß Abhülse geworden. Bisher wurden Die meisten der im Asyl Ansgenommenen im städtischen Armenhause untergebracht, wo ihnen nicht immer Gelegenheit geboten war, den rituellen Vorschriften zu genügen. In dem sehr schön eingerichteten Hause sollen, wie wir hören, die alten Leute sich sehr gut gefallen, und verdient der Vorstand deS Asyls warmen Dauk für seine Bemühungen. — Der hiesige Jünglings-Verein feiert in den nächsten Tagen das Jubiläum seines 25 jährigen Bestehens und soll zu der Feier auch der Gründer des Vereins, jetziger Rabbiner Or. Nordhe i mer in Dirschau, hierher kommen. Ueber die Feier selbst werde ich mir erlauben, Ihnen demnächst zu berichten. — Gestern fand in unserer Nachbargemeinde Norden die Wahl des Lehrers Israel aus Moringen an Stelle des verstorvenen Lehrers Wieluner statt. Wien. Am 12. Februar wird Herr I. H. Weiß hicrselbst, Lcctvr am Beth Hamidrasch, Verfasser mehrerer bedeutender hebräischer Schriften und Mitredacteur der hedräischen Monatsschrift „Beth Talmud", den 70. Geburtstag feiern. Baris. Der orthodoxe vr. med. Klein ist an Stelle des Herrn Creyange zum Mitgliede des Consistoriums gewühlt worden, das mit ihm ein das Judenlhum gründlich kennendes Mitglied gewonnen hat. Marschau. Die Hutsabrik Feist (Inhaber Christ) feierte das 25 jährige Jubiläum zweier Werkführer, von denen einer Jude ist. Jeder erhielt von dem Principal 150 Rubel. An dem Festmahle nahmen Kaufleute, Journalisten und 80 Angestellte des Geschäfts Theil. Akerandrien. Der katholische Gras Joseph v. Zogheb, portugiesischer Gencralconsul in Aegypten, hat als Testamentsvollstrecker seines mehr als 9 Millionen Mark betragenden Nachlasses de» vermögenslosen Sekretär der israelitischen Gemeinde, Herrn Paregra, ernannt. Dieser allseitig hochgeachtete Herr ist bcisitzender Richter im gemischten RcfvrmgerichtSsaal, wie in den Consnlargerichten Italiens, Portugals, der Niederlande u. s. f. — Zwei jüdische Schwindler haben cs vergeblich versucht, die jüdische Gemeinde um 60 Mark zu begaunern, indem sie dein genannten Sekretär einen gefälschten Frachtbrief über ein Colli, das religiöse Gegegeustände enthalten sollte, welche aus dem Auslande als Geschenk für die Gemeinde augekommen seien, vorlegten und die Vergütigung der Fracht und Steuer forderten. Wie man hört, sind die Jesuiten hier aus das plumpe Manöver reingefallen. (Arch. isr.) I ■r. •;S

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